Whisky verkosten
Der eigentliche Zweck der Whiskyherstellung ist der gleiche wie für jedes Getränk: mit Genuss getrunken zu werden. Das Problem hierbei ist oftmals, dass Einsteiger oft nur zwei Möglichkeiten kennen lernen, Whisky zu trinken, beide geeignet, dem Interessierten den Genuss zu verleiden. Entweder man bekommt seinen Malt in einer Bar in einem Tumbler serviert, wobei nur eine schnelle Reaktion die meisten Barkeeper darin hindert, auch noch einen Eiswürfel in das Glas zu befördern. Order man wird zu einem Malt Tasting eingeladen, bei dem eine Gruppe von Enthusiasten in religiöser Verzückung ein hohepriesterliches Ritual zelebriert, dessen Ergebnis mit Worten beschreiben wird, die einen mittelalterlichen Minnesänger begeistern würden.
Der Weg zu entspanntem Genuss liegt, wie bei so vielen Dingen, in der Mitte. Natürlich mag auch ich ab und zu einen ‚dram’ als Absacker, ohne viel Analyse einfach nur, weil er schmeckt (und ich gebe zu, es gibt jahreszeitliche Präferenzen, aber dazu später mehr). Aber eine neue Abfüllung oder der Austausch mit Gleichgesinnten erfordert doch etwas mehr als nur ein knappes, „mir schmeckt er und er riecht nicht nach Torf“.
Die Sprache des Whiskies
Für lange Zeit wurde der Geschmack von Whisky nicht gesondert beschreiben, man war froh, wenn das Destillat halbwegs schmeckte, wobei „Verfeinerungen“ mit Zucker, Thymian und anderen Kräutern und Zusatzstoffen durchaus an der Tagesordnung waren.
Das Vokabular
Mit der Verbesserung der Qualität Ende des 19. Jahrhunderts und später vor allem dem Aufkommen des Interesses an Single Malt Whiskies Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts war eine Terminologie für Whisky nötig. Bis in die späten 1970er Jahre bediente man sich dabei der Beschreibungen, welche die Getränkeindustrie für die Beschreibung von Wein und Bier entwickelt hatte, mit mehr oder weniger Erfolg. Die Aromen von Single Malt decken sich natürlich nicht mit den Aromen von Wein und Bier, teilweise sind die verwendeten Begriffe sogar irreführend. Während eine malzige, getreideartige Note bei Bier ein Vorteil ist, werden die meisten Whiskytrinker diese Aromen eher als qualitätsmindern ansehen. Ein beeriges, fruchtiges Aroma hat bei einem Wein eine andere Bedeutung und Herkunft als bei einem Malt Whisky. Obwohl ich bereits Single Malts verkosten durfte, die eindeutige Aromen von Brombeeren und Waldfrüchten enthielten, war ich mir sicher, dass diese nicht Bestandteil der Maische waren!
Daher entwickelte sich nach und nach ein Vokabular für die Beschreibung der Aromen von Whisky, das sich grob in zwei Gruppen aufteilen lässt. Der eher traditionelle Ansatz beschreibt eher objektiv feststellbare Aromen und bedient sich einer knappen, etwas formaleren Ausdrucksweise. Die andere Gruppe, die ich gerne die ‚neuen Poeten’ nenne, geben subjektive, komplexere Beschreibungen, die oftmals (wie die Verkostungsnotizen mancher Weine oder Zigarren) nur noch schwer nachvollziehbar sind. Wenn ich lese, dass Tester „den Geruch verkohlter Elektrokabel“ oder „das Aroma feuchter Babywindeln“ (sic!) beschreiben, dann kann ich diese Leute ehrlich gesagt nur für ihr sensorisches Umfeld bemitleiden.
Tasting Wheels
Um die Einordnung und für den Endverbraucher vor allem den Vergleich einzelner Whiskies zu erleichtern, wurden in den 90er Jahren verschiedene Ansätze einer Systematisierung entwickelt. Dazu wurden ‚Geschmacksräder’ entwickelt, die einzelne Aromagruppen aufführten, so dass sich bei einer Verkostung eine Art spinnennetzförmiges Diagramm ergab. Von diesem Ansatz existieren einige verschiedene Versionen, die von nicht mehr als vier oder fünf bis hin zu über 25 bis 30 Aromagruppen reichen. Ich finde diese Art der Beschreibung, ergänzt durch subjektive Notizen eine gute Methode, um im Freundeskreis zu vergleichbaren Verkostungsnotizen zu gelangen. Was soll man schließlich mit „Kartoffelfeuersüße“ anfangen, wenn man nicht auf dem Land aufgewachsen ist?
Im Anhang finden Sie eine Version eines solchen Verkostungsblattes, die Sie für eigene Tastings nach Belieben verwenden, kopieren oder abändern können, wenn Sie mit der Einordnung der Aromagruppen nicht einverstanden sind.
Die Vorbereitung
Nehmen wir an, Sie haben ein paar Freunde eingeladen und drei oder vier (oder mehr) Single Malts, die Sie gerne verkosten würden. Was also tun? Die gute Nachricht, Sie benötigen keinen Zeremonienmeister und keine großartige Vorbereitung. Malt Whisky ist nicht ihr Beruf, sondern ein Genuss und ein Hobby, also reichen ein paar einfache Hinweise, um Sie schnell zu Erfolgerlebnissen beim Verkosten von Single Malts zu führen. Was also sollten Sie außer den Whiskies zur Hand haben?
Wasser, Gläser und der Rest
Auch wenn Sie den Whisky nicht als ‚cask strength’ (in Fassstärke), sondern mit den üblichen 40% bis 43% Alkohol erworben haben, sollten Sie Wasser zur Verfügung haben, um den Malt für die Verkostung zu verdünnen. Ideal (und für eingefleischte Puristen mit unbegrenztem Etat unabdingbar) wäre Wasser aus der Quelle der Destillerie. Aber zurück zur Realität: möglicht mineralarmes, geschmacksneutrales und stilles Mineralwasser reicht auch. Ich kenne Leute, die destilliertes Wasser verwenden. Besitzen Sie einen dieser mit Patronen betriebenen Wasserfilter für Tee und Kaffee und haben einigermaßen brauchbares Leitungswasser, dann können Sie dieses gefilterte Teewasser auch verwenden. Oder, mit die beste Variante, Sie sind guter Kunde Ihres lokalen Händlers für Single Malt, dann bekommen Sie beim nächsten Einkauf von mehr als einer Flasche einen Liter schottisches Quellwasser geschenkt. Verwenden Sie bitte kein Mineralwasser mit hohem Mineralgehalt, wie die deutschen Heilwässer oder gar ein Wasser mit Kohlensäure, das wäre eine sichere Methode, den Whisky zu ruinieren! Versuchen Sie es ruhig, testen Sie zwei Gläser, eines mit neutralen und eines mit Mineralwasser mit wenig Kohlensäure, wenn Sie das noch nicht getan haben. Das Ergebnis wird Sie schnell überzeugen.
Soweit zum Wasser, jetzt zu den Trinkgefäßen. Entgegen vielen Darstellungen in Film und Fernsehen ist der Tumbler, das breite, schwere Becherglas, kein geeignetes Gefäß für die Verkostung von Single Malt Whisky. Eine ganze Reihe von Glasdesignern hat versucht, sich mit dem ultimativen Whiskyglas für die eigene Glasserie noch etwas dazuzuverdienen. Hier scheiden sich die Geister. Bei professionellen Verkostungen ist man sich aber einige, dass das ‚Nosing Glass’ das Standardwerkzeug für die Tester darstellt. In der Form ähnelt es einem Sherryglas (der Copita). Ein zu tulpige Ausführung allerdings verstärkt die alkoholischen Aromen und sperrt einige Stoffe zu sehr ein. Die Abbildungen zeigen einige brauchbare Formen für die Verkostung von Single Malts. Gehen Sie auf die Suche, ich habe schon in Möbelmärkten bei Verkaufsaktionen brauchbare Gläser erstanden, die kaum mehr als ein normales Bierglas kosteten. Klare Gläser sehen zwar nicht so edel aus wie geschliffenes Kristall, stören aber auch nicht die Beurteilung von Farbe und Transparenz des Whiskies.
Essen beim Verkosten
Warum nicht? Werden Sie sich darüber klar, ob Sie feststellen möchten, welche Speisen zu diesem Malt passen oder ob Sie erst einmal das Destillat an sich beurteilen möchten. Für eine Erstverkostung würde ich auf Beilagen verzichten, außer neutralen Speisen wie Brot oder die berühmt-berüchtigten Oatmeal-Kekse, um Gaumen und Zunge wieder bereit für den nächsten Malt zu machen. Später kann es durchaus Spaß machen, vor allem als Hobbykoch, herauszufinden, dass beispielsweise Graved Lachs gut zu einem 10 jährigen Isle of Jura passt, der 30jährige aber besser mit dunkler Schokolade als Digestif genossen wird.
Dennoch versuche ich, ein oder zwei Stunden vor einem interessanten Tasting nicht mehr viel zu essen. Das physiologische Dilemma, das sich bei einer Verkostung auftut, kann jeder Mediziner bestätigen: Hunger schärft die Sinne (ein Erbe unserer Jäger und Sammler-Zeit), ein leerer Magen wäre also ideal. Allerdings ist ohne eine ‚Unterlage’ nach zwei oder drei Whiskies die Urteilskraft bereits stark getrübt, daher sollte hier jeder nach seiner eigenen Konstitution und Vorliebe entscheiden. Das eine Knoblauchpizza mit Sardellen zehn Minuten vor dem Tasting die Geschmacksskala deutlich verschiebt (abgesehen davon, dass Sie dann ziemlich viel Abstand zu Ihren Freunden haben werden), dürfte jedem klar sein.
Die Umgebung
Alles da, jeder hat einen bequemen Platz? Sehen Sie, auch hier unterscheiden sich die Vorlieben. Berufsbedingt erfolgt bei den Profis die Verkostung meist im Stehen (wie bei Kaffe- oder Weinverkostungen auch), da man sich an einer Theke ‚entlangarbeitet’. Ich persönlich stehe auch lieber, was natürlich auch daran liegen kann, dass so wenige Lagerhäuser und Besucherzentren über bequeme Clubsessel verfügen. Wichtiger ist die Temperatur. Single Malt sollte bei Zimmertemperatur getrunken werden. Im Zeitalter geschlossener Klimasysteme und überheizter Räume sei hier angemerkt, dass der Begriff ‚Zimmertemperatur’ wie bei alten Rotweinen zu einer Zeit entstand, als damit ca. 15° - 17° Celsius gemeint waren und keine 25°. Je höher die Temperatur, umso mehr flüchtige Aromen gibt der Malt ab und es kann durchaus sinnvoll sein, die Gläser mit kleinen Glasdeckeln abzudecken, wenn die Proben länger stehen.
Es sollte klar sein, dass niemand frisch parfümiert an einem Tasting teilnimmt. Auch streng riechende Reinigungsmittel sollten nicht kurz vorher für Tisch oder Gläser verwendet worden sein. Aus leidiger Erfahrung mit ‚zitronenfrischen’ Geschirrspülertabletten werden meine Nosing Glases von Hand und mit geruchsfreiem Spülmittel gewaschen!
Das Tasting
Genug der Vorreden, jetzt wird probiert! Ich habe Ihnen versprochen, dass die Verkostung von Single Malt keine komplexe Prozedur sein muss. Um einen neuen Whisky kennen zu lernen oder eine neue Abfüllung eines bekannten Malts einzuordnen, sollten Sie sich aber nach Möglichkeit an den folgenden Ablauf halten. So haben Sie den größten Genuss und erfahren möglichst viel über das Destillat, dass da in Ihrem Glas funkelt.
Farbe und Transparenz
Viele wissen es nicht, aber es ist den Herstellern gesetzlich durchaus erlaubt, die Farbe des Whiskies innerhalb gewisser Grenzen durch die Zugabe von Zuckerkulör (Karamell) ‚einzustellen’, um Schwankungen innerhalb des Produktes zu vermeiden. Lediglich einige wenige Destillerien (Bruichladdich ist beispielsweise eine dieser noblen Ausnahmen) verzichten komplett auf jede Art von Kolorierung. Die Whiskyindustrie versichert, dass solche Zusätze keine Auswirkungen auf den Geschmack haben, was immer wieder lebhaft diskutiert und von einigen Kennern dementiert wird. Grundsätzlich gilt, je weniger Veränderungen das Produkt erfährt, umso besser.
Die Farben des abgefüllten Whiskies reichen von einem blassen Strohgelb über viele Zwischentöne bis zu einem dunklen Kupferton, der dem von Sirup oder Malzbier ähnelt. Das verwendete Fass spielt hierbei natürlich die größte Rolle, wobei auf Grund des oben erwähnten Zuckerfarbstoffs eben nicht automatisch von einer rötlichen Tönung auf ein Spitzen-Sherryfass geschlossen werden sollte. Sorgen Sie nach Möglichkeit für eine blendfreie und neutrale Beleuchtung, wenn Sie später noch andere Whiskies mit diesen vergleichen möchten. Im romantischen, rötlichen Licht des winterlichen Kaminfeuers zeigt ein Single Malt eine ganz andere Farbe als sechs Monate später im knalligen Licht der Nachmittagssonne.
Die Transparenz des Single Malts kann ebenfalls schwanken und entgegen der landläufigen Meinung ist eine leichte Trübung eher ein Zeichen für die Qualität des Produkts als umgekehrt. Dazu muss ich etwas ausholen. Bis in die 70er Jahre wurde Whisky bei der Abfüllung normal gefiltert, um eventuell verbliebene Partikel auszufiltern. Einige Inhaltsstoffe des Whiskies führen nun dazu, dass eine niedrige Temperatur oder die Zugabe von Wasser das Destillat trübt. Steigt die Temperatur wieder, verschwindet in der Regel auch die Trübung. Auf den Geschmack hat dies keinen Einfluss, im Gegenteil, die für die Trübung verantwortlichen Ester, Aldehyde und Öle sind auch Geschmacksträger. In den 70er Jahren bekam die Firma „Teacher’s“ eine Ladung Blend aus den Staaten als Reklamation zurück, da der Whisky „trüb und wolkig“ war. Nachforschungen ergaben, dass die Ladung bei Temperaturen um und unter dem Gefrierpunkt eine Zeitlang auf den Docks stand, da die Hafenarbeiter streikten. Nun wurden Firmen beauftragt, eine Methode zu entwickeln, solche Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Das Ergebnis war die so genannte Kühlfilterung (‚chill filtration’), die bereits auch bei Weinen angewandt wurde. Hierzu wird das Destillat auf knapp über 0° bis - 10° Celsius abgekühlt und dann durch eine oder mehrere Filterschichten gepresst. Dies führt zu einem kristallklaren Whisky, der nicht mehr trübt. Unglücklicherweise werden damit aber wichtige Geschmacksstoffe aus dem Whisky entfernt, wofür man den ahnungslosen damaligen amerikanischen Einkäufern heute nicht unbedingt dankbar ist. Diese Behandlung muss nämlich nicht angegeben werden. Im Gegenteil, viele Abfüller heben mittlerweile mit Formulierungen wie ‚un-chill filtered’ die normale Filterung hervor. Sollte Ihr Dram bei Kälte oder bei der Zugabe von kaltem Wasser also Schleier zeigen, dann ist das eher ein Zeichen für eine produktgerechte Herstellung und hohe Qualität.
Körper und Konsistenz
Was hier so hochtrabend bezeichnet wird, ist beim Tasting ganz einfach. Halten Sie das Glas schräg und rollen Sie den Stiel zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie werden feststellen, dass normalerweise die flüchtigen Alkohole über die Kondensation an der Glaswandung als ‚Tränen’ wieder in die Flüssigkeit zurücklaufen. Im Englischen werden diese tropfenförmigen Laufspuren als ‚legs’ bezeichnet. Je länger diese ‚legs’ sind, umso höher ist der Alkoholanteil des Whiskies. Laufen die Tränen langsamer, ist der Gehalt an öligen Substanzen und längerkettigen Verbindungen größer, was dem normalerweise Whisky mehr Fülle und Körper verleiht.
Eine weitere Möglichkeit ist das so genannte ‚beading’, die ‚Perlenkette’. Bedecken Sie dazu das Glas mit der Fläche der anderen Hand und schütteln Sie einige Male kurz und kräftig vertikal. Verschwinden die sich bildenden Blasen (von Schaum zu sprechen wäre zu viel des Guten) sofort wieder, dann besitzt der Whisky einen Alkoholanteil von weniger als ca. 50%. Je länger die Blasen erhalten bleiben, desto höher der Alkoholgehalt. Bei einem wuchtigen Single Malt mit viel Körper (ölige Substanzen) und hohem Alkoholgehalt bleibt eine regelrechte ‚Perlenkette’ eine Zeit lang an der Glaswandung bestehen. Auf diese Art und Weise können Sie nicht nur herausfinden, ob Sie einen Whisky in Fassstärke vor sich haben, sondern Könner erhalten hier bereits Aufschlüsse über die Aromen des Whiskies. Ich habe auf Islay Whiskyprofis erlebt, die allein dadurch aus den Produkten ihrer Destillerie eines identifizieren konnten.
Aromen, das ‚Nosing’
Jetzt ist es an der Zeit, das wichtigste Organ bei der Verkostung zum Einsatz zu bringen: die Nase. Vieles, was gemeinhin als Geschmack bezeichnet wird, betrifft in Wirklichkeit den Geruchssinn. Am Geschmäckern können wir Menschen nur die vier Richtungen süß, sauer, salzig und bitter unterscheiden, alles andere ist in Wirklichkeit eine Leistung unseres Geruchssinnes. Hier kann der Mensch nach entsprechendem Training bis zu 4000 Gerüche unterscheiden und das noch in Konzentrationen von bis zu 1 zu einer Million Teilchen. Daher sollten Sie jetzt an Ihrem Whisky riechen. Allerdings nicht die Nase in das Glas hängen, bis die Augen tränen, sondern ziehen Sie das Glas zuerst einmal unter der Nase durch, so dass Sie vielleicht eine Sekunde den Geruch ‚wie im Vorbeigehen’ aufnehmen und auf die ersten Aromen reagieren. Danach lassen Sie nach einem Schwenken des Glases die Aromen etwas länger auf sich wirken und schließlich nehmen Sie einen tieferen Atemzug durch die Nase und vergleichen das volle Buket mit den ersten Eindrücken. Richard Paterson, Master Blender von Kyndale, bezeichnet dieses Nosing in seinen Vorträgen mit den Worten „Hello, How are you, Nice to see you again“ recht anschaulich, wenn er das Glas dreimal unter seiner Profinase spazieren führt.
Hier erhalten Sie auch Eindrücke, wie ‚spritig’ der Whisky noch ist, d.h. wie vorherrschend alkoholische Aromen und Aldehyde noch sind. je nach Aroma kann der Eindruck in der Nase von mild, wärmend, stark bis zu stechend reichen. Vorsicht ist auch bei der Verkostung von Fassstärken angebracht: bei einem Single Malt mit mehr als 63% Alkohol einen tiefen Zug mit der Nase zu nehmen, macht Ihnen schlagartig klar, warum Alkohol ein Betäubungsmittel ist. Die nächsten zehn Minuten fällt Ihr wichtigstes Sinnesorgan für die Verkostung aus!
Halten Sie Ihre Eindrücke, was die Aromen beim Nosing angeht, auf einem Notizblatt oder einem ‚Tasting Wheel’ fest. Oft unterscheiden sich Geruch und Geschmack von Single Malts deutlich, daher kann es durchaus vorkommen, dass ein Whisky zuerst etwas enttäuscht, später aber im Mund ein wunderbares Geschmackserlebnis entstehen lässt (ich gebe zu, der umgekehrte Fall ist auch möglich, aber weit weniger befriedigend).
Nosing nach Zugabe von Wasser
Falls möglich, benutzen Sie dazu ein zweites Glas und fügen Sie dem Whisky Wasser hinzu. Dies schließt die Aromen des Destillats auf und intensiviert oft die Aromen deutlich. Haben Sie nur ein Glas zur Verfügung und möchten Sie den Whisky zuerst probieren, stellen Sie diesen Schritt einfach bis nach dem Geschmackstest zurück. Wie gesagt, dies ist keine heilige Zeremonie, sondern ein Erforschen und eine Genuss-Aktivität.
Wie viel Wasser Sie zugeben sollten, darüber lässt sich trefflich streiten. Bei professionellen Verkostungen wird der Whisky bis auf ca. 20% - 25% Alkoholgehalt verdünnt. Bei einem Single Malt in Trinkstärke also etwas weniger als die Hälfte Wasser, bei einem ‚cask strength’ Whisky ca. ein Drittel Malt und zwei Drittel Wasser. Dies ist allerdings nur eine ungefähre Angabe. Ich kenne Single Malts, die vertragen wirklich nur einige Tropfen, um das Optimum an Aromen aufzuschließen, andere wiederum muss man förmlich ‚ersäufen’. Ein gute Quelle sind hier Verkostungsnotizen von Autoren, die Whisky nicht nur pur, sondern auch mit Wasser verkosten (wie z.B. Walter Schobert in seinem „Single Malt Notebook“).
Denken Sie aber daran, Ihre Nase nicht zu überfordern. Gönnen Sie sich eine Pause oder wechseln Sie zu einem anderen Whisky. Wie Ihnen jeder, der in der Nähe eines Bauernhofes wohnt, bestätigen kann, adaptiert der Geruchssinn sehr schnell und blendet wichtige Aromen einfach aus.
Geschmack
Hier erst beginnt das eigentlich Trinken, allerdings nur einen kleinen Schluck. Lassen Sie einige Tropfen in die Mitte der Zunge gleiten und beobachten Sie die ersten Eindrücke, wenn sich der Whisky auf der Zunge verteilt. Wie fühlt sich der Whisky auf der Zunge an? Ist er eher flach, wärmend, spritig oder stechend adstringierend? Öffnet sich der Whisky eher langsam und komplex oder erwartet Sie ein Sturmangriff von Aromen?
Auch hier lassen sich gleich erste Aussagen über das Alter treffen. Je jünger der Whisky ist, umso eher brennt er vorne auf der Zunge. Ein älterer Whisky wird sich weiter hinten auf der Zunge bemerkbar machen. Jetzt können Sie auch feststellen, ob und wie sehr sich Geruch und Geschmack des Destillats unterscheiden.
Auch das, was allgemein mit ‚mouth-feel’ bezeichnet wird, der Körper und die Fülle des Whiskies, kann jetzt beurteilt werden. Es gibt Single Malts, auf denen kann man buchstäblich ‚herumkauen’, andere sind nur für einige Sekunden erfassbar und verschwinden praktisch ohne Abgang von der Zunge.
Der Gesamteindruck schließlich sollte wieder auf einem Notizblatt oder dem Tasting Wheel festgehalten werden. Grundsätzlich gilt, dass die wichtigste Regel die des persönlichen Geschmacks ist. Nur, weil ein anderer Mensch mit anderen Erfahrungen und komplett anderem sensorischen Hintergrund einen Whisky in den Himmel lobt, muss er Ihnen nicht schmecken. Letztendlich sind Ihre Vorlieben der einzig gültige Maßstab bei der Verkostung. Dennoch gilt normalerweise, dass auch ein Single Malt einen ausgeglichenen Charakter haben und ‚rund’ schmecken sollte. Außer natürlich, Sie erwarten und möchten besondere Aromen oder einen besonderen Geschmack. Ein Beispiel hierfür ist der berühmte ‚grüne Whisky’ von Springbank, der in einem Rumfass gelagert wurde oder das sehr pfeffrige Aroma eines 10jährigen Talisker, der nicht umsonst ‚die Lava der Cuillins’ genannt wird.
Der Abgang
Der Abgang ist die Zeit, die der Geschmack und die Aromen des Whiskies nach dem Verkosten noch vorhanden ist. Das Finish eines Single Malts kann praktisch nicht vorhanden sein oder aber wie bei einem Ardbeg Provenance stunden- bis tagelang anhalten. In der Regel ist ein mittlerer, eher längerer Abgang gewünscht. Es gibt allerdings auch Single Malts, die sich gut als Aperitif eignen. Hier wäre beim nachfolgenden Essen ein langer Abgang eher störend, daher kann es kurzer oder kaum vorhandener Abgang auch durchaus angenehm sein und dem Destillat einen gewissen Schwung verleihen. Nicht immer passen Aroma, Geschmack und Abgang zusammen. Gerade junge Single Malts oder sehr alte, überlagerte, Whiskies können in seltenen Fällen für eine eher unangenehme Überraschung sorgen. Andere wiederum, wie ein 26jähriger Ardbeg aus einen eher seltenen Fino-Sherryfaß waren noch zwei Stunden später ein Grund zur Freude. Wie bei guten Weinen entscheidet auch hier der persönliche Geschmack.
Geschmack mit Wasser
Versuchen Sie nun den gleichen Single Malt nochmals mit Wasser verdünnt und versuchen Sie zu entdecken, welche zusätzlichen Aromen sich durch die Zugabe von Wasser ergeben. Wenn mehrere Personen an der Verkostung teilnehmen, können Sie leicht eine ‚Verdünnungsreihe’ von wenig bis eher mehr Wasser durchtesten. Wie bereits erwähnt, verträgt nicht jeder Single Malt die gleiche Menge an Wasser.
Die Ergebnisse
Ein Tasting in Gesellschaft macht nicht nur mehr Spaß, sondern erweitert auch die eigene Palette an Aromen, Beschreibungen und Erfahrungen. Diskutieren Sie das Ergebnis und versuchen Sie herauszufinden, wer einen ähnlichen Geschmack und ähnliche Vorlieben besitzt und wer nicht. Gerade der Vergleich mit Verkostungsnotizen von Leuten mit komplett anderen Vorlieben kann oft unbekannte Facetten eines Single Malt zum Vorschein bringen.