Zeitgemäßes Lernen konkret

Tweet mit Aufruf zur Blogparade

Der Netzlehrer Bob Blume ruft zu einer Blogparade auf und erfreulicherweise beteiligen sich sehr viele Leute mit sehr interessanten Beiträgen. So viele in der Tat, dass ich bis jetzt mit dem Lesen beschäftigt war und mein Beitrag immer wieder ergänzt und umgeschrieben wurde. Was ging mir beim Lesen des Titels der Blogparade durch den Kopf?

Papa, bringst Du mir was mit?
Etwas Zeitgemäßes. Etwas zum Lernen. Und konkret!
– Aber das sind ja drei Wünsche auf einmal!

Wer zu jung für die Anspielung ist: hier gibt’s die Auflösung.

Eine Anekdote zum Start: wie viele Eltern (habt Ihr immer das bekommen, was Ihr Euch gewünscht habt?), ist auch das Ergebnis der Blogparade einerseits sehr guter Lesestoff (s. oben), andererseits scheinen Lehrerinnen und Lehrer manchmal die gleichen Probleme mit dem Verarbeiten von Textaufgaben zu haben wie Schülerinnen und Schüler. 😄 Warum? Wie lautet das Thema der Blogparade?

«Zeitgemäßes Lernen konkret»

Woran arbeitet sich der Großteil der Beiträge ab?

Zitate aus der Blogparade

Während viele Autoren der Blogparade eher abstrakt unterwegs sind oder sich eher am Begriff der «zeitgemäßen Bildung» abarbeiten, möchte ich im Konkreten und im Lernen bleiben. Dazu gibt es ein paar Beispiele aus meiner Lernkarriere und der meiner Tochter. Vierzig Jahre Unterschied erlauben es, die eine oder andere Erkenntnis zu gewinnen. «Lernen» schließlich ist etwas anderes als «Bildung»1.

Was meine Lernkarriere möglicherweise von vielen LuL2 unterscheidet: LuL werden während der Schulzeit (wie wir alle) und vor allem während der Ausbildung als Einzelkämpfer sozialisiert (kennen Sie viele LuL, die einfach mal ins Klassenzimmer gehen, sich den Unterricht angucken und dann danach darüber fachsimpeln und sich austauschen? Sehen Sie 😏). Ich hatte wahrscheinlich einfach Glück, Interessen zu haben, die eine völlig andere Art und Weise des Lernen erfordern. Nahezu alles, was ich neben der Schule lernte, ging nur mit einem Lernprozess, der heute so gerne als «zeitgemäß», «4K-orientiert» oder was auch immer bezeichnet wird, weil die entsprechenden Ressourcen damals allein nicht zu organisieren oder der Lernerfolg anders nicht sicher zu stellen war. Dazu kommt eine ziemlich früh begonnene Nutzung von Technologie zur Welterschließung und zum Lernen. Ich bin deshalb der Meinung, dass sich mein Lernen heute gar nicht groß von dem heute unterscheidet. Aber die Bewertung überlasse ich der geneigten Leserin. Und ja, es wird in ein paar Absätzen konkret, versprochen!

Zeitgemäß. Was ist denn zeitgemäß?

Vorab (auch und gerade weil ich mir seit mehr als 30 Jahren meine Brezen mit IT und Software verdiene): nein, es geht überhaupt nicht um analoges oder digitales Lernen. Wer hier immer noch unterscheidet, sollte ganz von vorne anfangen mit dem Thema Lernen und Bildung. Oder wie es der geschätzte Mike Graf in seinem Beitrag ausdrückte:

Es ist eben keine Frage von Chronologie und zeitlicher Einordnung …
und noch weniger eine Frage des Zeitgeistes! Alle Forderungen gab es in ähnlicher Form bereits lange vor der digitalen Transformation und das ist auch der Grund, warum das Digitale in keinem Punkt eine Erwähnung findet.

Die provokante Frage ist vielmehr: kann überhaupt zeitgemäß gelernt werden? Oder wird nicht deshalb gelernt, weil eben für das Hier und Jetzt ein Defizit erkannt (oder, wie häufiger im Schulumfeld, darauf hingewiesen) wurde; damit also eine Basis für die Zukunft geschaffen wurde? Ist «der Zeit gemäß» genau genommen nicht das Verharren in der Vergangenheit? Und wenn ich zwei Sprachen lerne, Latein und Python, um eine Software zur Zeichenerkennung von Grabsteintexten römischer Legionäre zu erstellen: welche der beiden ist dann die «zeitgemäße»? Damit wäre dieser Begriff wie viele andere, die erschaffen wurden, auch nur eine unnötige Dekoration dessen, um das es eigentlich geht: dem Lernen.

Lernen also.

Die Weihnachtszeit kommt. Was das mit Lernen zu tun hat? Ich lerne gerade, Nusslikör zu fabrizieren. Von eigenen Notizen über YT-Videos und Recherchen im Web (warum muss Walnusslikör eigentlich nochmal nachreifen?) über das «Be-Greifen» beim Ansetzen und die sensorische Lernerfahrung, welche Nussmischung und welche Nuss wie schmeckt (nicht jede Walnuss ist gleich), welche anderen Komponenten dazu passen. Die Dokumentation dazu für nächstes Jahr. Das alles erfolgt, um ein Ziel zu erreichen. Ich unterscheide dabei nicht zwischen «analogem» und «digitalem» Lernen oder Theorie und Praxis. Ich will als Lernergebnis ja auch nicht nur Praxis oder nur Theorie haben, sondern ein Verstehen, eine neue Kompetenz erworben haben. Dazu kommt der Austausch mit anderen, die diesen Lernprozess schon hinter sich haben, mit mir lernen oder das planen. Dazu kommt, dass ich dieses Wissen nicht in einem streng nach «Fächern» oder in fixen Zeitintervallen gelernt habe. Also alles doch etwas anders als in der üblichen Schule …

Habe ich denn in der Schule nicht auch gelernt? Natürlich. Der Punkt ist aber: ich habe bis heute nicht aufgehört zu lernen. Schule war in meiner Lernbiographie nur ein kleiner Teil (bereits jetzt weniger als ein Viertel) meiner Lebenszeit. Mir ging und geht es dabei sehr ähnlich wie Maik Rieken in seinem großartigen Beitrag:

Für mich heute fundamental wichtige Dinge in meinem Leben habe ich nicht durch institutionelle Systeme wie Schule oder Universität gelernt. Ich wäre jedoch auch nicht da, wo ich jetzt bin, ohne diese Institutionen. […] Aber das eigentliche Lernen hat dort für mich in der Summe nicht stattgefunden.

Warum ich heute anders lerne bzw. in meiner schulischen Lernkarriere vermisst habe: ich versuche mir zuerst klar zu machen, warum ich etwas lerne/lernen möchte. Für alle, die diesen Klassiker noch nicht kennen: sehen Sie sich den TED-Talk von Simon Sinek an, ich warte solange. Ohne das «WHY» wird der Versuch, Wissen zu vermitteln, fehlschlagen (das Video zeigt, warum «vermitteln» nicht funktioniert). Warum habe ich geschrieben, dass sich meine Art zu Lernen nicht so sehr geändert hat bzw. sich vom Lernen in der Schule ausserhalb der Bleistiftspitze und den Scharfsinnigen unterscheidet? Let go back, back into time

Back to the future …

Ich habe 1980 meine Funkamateurlizenz erworben, so richtig mit Kurzwelle, Morsen und selbstgebauten Antennen. Da gab es keinen Frontalunterricht. Ich bin mit meinem Vater schon ein, zwei Jahre vorher zu den Vereinsabenden des örtlichen Amateurfunk-Clubs gefahren und habe zugehört, dumme Fragen gestellt und gemacht. Anfangs or allem Fehler. 😏 Seltsamerweise kommt es beim Antennenbau wirklich auf Millimeter an. Kabel an Stecker löten lernst Du nur durch Kabel an Stecker löten. Aber das alles schon «multimedial», über Bücher, über das Tun, direkte Gespräche, Fotos und den Kontakt mit anderen Funkamateuren (zuhören darf man auch ohne Lizenz). Ich durfte als «Greenhorn» jede Menge lernen, hatte aber keine Lehrer, sondern Mentoren, Fragesteller und mit mir Lernende. Ich lernte Schaltpläne lesen, lehrte Betriebstechnik, baute Geräte, erkundete mit anderen Kurzwellen-Funkfernschreiben und hörte Morsezeichen. Das alles immer schon mit «formative assessment». Es macht nämlich keinen Sinn, erst Dutzende von Stunden in den Bau einer Yagi zu stecken, um dann am Ende ein «da hätteste aber vor 18 Stunden an dieser Stelle besser mal aufgepasst. Jetzt kannste’s wegwerfen» zu hören oder sich ein Morsezeichen falsch einzuprägen und dann darauf hingewiesen zu werden, dass das kein «Q» ist. Summativ führt immer in die lerntechnische Sackgasse.

Warum gibt es bei Vereinen, Interessengruppen und Hobbyisten schon lange das, was die Schule jetzt mit Lernlandschaften, Lernen durch Lehren (ein alter Hut bei Hobbyisten und Vereinen im informellen Lernen) und «digital» entdeckt (digital wäre neu ist eine lustige Annahme: ich habe meinem Bio-LK 1982 Codes mit einem Konvertierprogramm von Basensequenzen nach Aminosäuren erklärt). All das, egal ob der Umgang mit dem Computer oder Betriebstechnik lässt sich nicht «vermitteln», wenn man Teenager ist. Der Mike erwähnt in seinem (wie immer höchst lesenswerten) Beitrag

dass eigentlich weniger wesentlich im Lernen ist, was der Sender intendiert, sondern was der Rezipient absorbiert.

Schon aus diesem Grund muss der Schwerpunkt tatsächlich auf dem Lernen, dem konstruktivistischen Erschließen von Neuem liegen. Auch wenn es oft noch gern verklärt wird, gelehrt oder vermittelt werden im Sinne einer aktiven Transaktion, die vom Lehrenden ausgeht, kann fast nichts. Nur wenn eine intrinsische Motivation vorhanden und das eigene Defizit zur Erreichung eines Ziels bekannt ist, wird erfolgreich gelernt. Um eine schiefe, aber nicht so abwegige Analogie zu bemühen: Lernen wird vielfach immer noch als «Push-Prozess» gesehen, ist aber in Wirklichkeit eher sowas wie Kanban: ein Pull-Prozess mit einem integrierten WIP-Limit (WIP = work in progress). Im Sinne von «konkret» bedeutet das, dass ich mit voller Überzeugung hinter dem stehe, was einige aufgeschlossene Schulen bereits praktizieren: Lernen funktioniert nicht in Intervallen von 45-Minuten (oder 60, oder 90). Lernen funktioniert auch nicht für alle SuS gleich, weswegen es ja Lerntheken, Differenzierung, Förder- und Fordermethoden gibt.

Das war aber für gute Pädagogen schon immer so und hat wie bereits erwähnt überhaupt nichts mit analog oder digital zu tun. Auch hier wieder ein konkretes Beispiel: doppelt verkette Listen (linked lists). Das sind Datenstrukturen zur Ablage von Informationen (und ein schönes Beispiel, dass weniger «Coden» und mehr «Daten und Datenstrukturen» mehr Zeitinvarianz bei informatischer Bildung bieten würde). Das kann man so zeigen wie in diesem Beispiel oder mit UML- oder anderen abstrakten Diagrammen informatisch höchst korrekt erklären. Oder ich besorge mir ein halbes Dutzend der verpönten Kunststoff-Strohhalme und jeweils einen Meter Wollfaden in zwei Farben. Damit baue ich dann konkret und physikalisch greifbar meine verkettete Liste, die damit «begreifbar» wird. Unsere Teilnehmerinnen im Programmierkurs hatten jedenfalls eine eindeutige Vorliebe und konnten damit auch zeigen, wie Operationen an solchen Datenstrukturen funktionieren und danach den Transfer der Umsetzung in Code leisten.

Fast forward

  1. Meine Tochter ist Teenie und besucht die 9. Klasse einer Realschule. Und sie mag (schon länger) K-Pop. Jetzt singen diese Leute alle tatsächlich auch Koreanisch. Gehört nicht zum Lehrplan der bayer. Realschulen und der Sek I. 😄 Was bleibt frau also anders übrig als informelles, intrinsisch motiviertes Lernen? Und weil es Teenie-Bands ja nicht nur in Korea gibt und das Lesen von Mangas3 im Original Sprachkenntnisse erfordert, wird dazu auch gleich Japanisch gelernt? Warum ist das ein schönes Beispiel für «konkretes, zeitgemäßes Lernen»?

Die Videos laufen auf YouTube, hier will meine Tochter schließlich den Text verstehen (oder die Interviews). Wer ein Beispiel möchte: «My Pace» / Stray Kids.

Damit haben wir einen digitalen Part und Medienkompetenz (Videos finden, das offizielle Video erkennen), Sprachkenntnisse in Englisch (das richtige Lied, Beschreibung der Interviews verstehen), Lernen im Netzwerk (was glauben Sie, was ihre Freundinnen hören? 😏) und analoges Arbeit mit Feinmotorik-Training (ich war sprachlos, als die junge Dame zwei Stunden in höchster Konzentration gestochen scharfe koreanische Übungen in ein Heft schrieb und erst zufrieden war, als alles perfekt aussah). Was für einen Unterschied Lernen als aus sich selbst heraus erkannter Wunsch nach Kompetenz macht!

Amelies Übungen

 

Lernen ist nicht trennscharf

Wenn es einen Aspekt am Adjektiv «zeitgemäß» im Sinne von «für die heutige Zeit und ihre Anforderungen geeignet» gibt, dem ich zustimmen könnte, dann den, dass Lernen ein Netzwerk bildet und der Erwerb und die Verknüpfung neuer Stränge mit dem bestehenden Netz an Wissen und Fähigkeiten nie monothematisch abläuft. Schon aus diesem Grund bin ich kein Freund des historisch ballastbeladenen Fächerkanons. In Zeiten, in denen ausserhalb der Schule interdisziplinäre Zusammenarbeit immer wichtiger wird und Teams mit verschiedensten Kompetenzen an der Lösung komplexer Probleme arbeiten, besteht das System Schule immer noch auf einer strikten Fächertrennung. Man denke nur an das Thema «XYZ als eigenes Schulfach» (z.B. die Diskussion auf Twitter zum #Pflichtfachinformatik). Ich spüre förmlich, wie einige LuL bereits kurz vor der Schnappatmung sind, ich möchte zwei Beispiele anführen, die meine Argumentation stützen. Weitere aus der persönlichen Erfahrung gerne in der Diskussion auf Twitter oder per Mail. Beide zeigen aber, dass Lernen schon immer so sein konnte, wie es heute für Schulen oft gewünscht wird.

Wie es Maik Rieken in seinem Beitrag schreibt: «Ich finde nicht, dass sich an meinem Lernen heute viel geändert hat.». Eine Aufgabe, die zugleich das Thema «Projektlernen» abdeckt war es, für eine Vorführung zum Thema Amateurfunk auch Abends ein Programm zu bieten. Was können wir zeigen? Die Idee kam schnell: «Erde-Mond-Erde». Der Traum aller MINT-Pädagogen – alles in einem Paket! Was das ist? Ab einer bestimmten Frequenz werden Funkwellen nicht mehr an der Ionosphäre der Erde reflektiert und strahlen lichtgleich direkt in den Weltraum (darum gibt es auch Verbindungen mit Raumfahrzeugen). Wie kann ich dann aber auf einer solchen Frequenz eine Verbindung z.B. mit den USA schaffen? Easy: wie brauchen nur einen Reflektor weit draussen. Genau, der Mond. 🌔 Für alle wirklich Interessierten: einfach mal «Erde Mond Erde» googeln (oder hier lesen). Was da an Fähigkeiten nötig ist: die Mondposition zu bestimmen, Mechanik für die Antennen (das ist nix Kleines, siehe hier) zu verstehen und zu bauen, Funkverständnis, Astronomie, Englisch, Software, Zeitzonen, verständlich erklären, Organisation, Betreuung der Besucher und und und. Wie sollte man hier sauber nach «bitte nur Elektrotechnik» oder «wir machen jetzt aber Projektmanagement» trennen. Wir waren zehn Leute, von 16 bis über 80 und jeder hatte seine besonderen Fähigkeiten. Da lernt man dann auch gleich Gruppendynamik und De-Eskalation. 😏

Das zweite Beispiel eignet sich auch gut für Projekte oder als Thema im Englisch-Unterricht und ich verspreche, es ist das letzte zum Thema Kommunikation per Funk 😄 – aber dieses Medium zeigt gut, dass das alles schon vierzig Jahre lang verfügbar war. Sie können Englisch? Well, then have a try on this:

On the flip-flop from Big A to Shakytown I came by a 10-33. Was a fender bender on the big road, they even had a bear in the air. Some suicide jockey got some gator teeth in his donut and flipped the dry box.

Ja, das ist Englisch, aber Slang. Und zwar der CB-Slang aus den 80ern von amerikanischen Truckern, bei denen der freie Bürgerfunk damals das war, was heute WhatsApp-Gruppen für die Teenies sind. Hier müssen Lernende für das Verstehen dieser Begriffe beispielsweise wissen, warum mit «Shakytown» die Stadt San Francisco gemeint ist, warum ein Polizeihubschrauber ein «bear in the air» ist und das «gator teeth» nur so heissen, weil die abgerissenen, grobstolligen Karkassenstücke von LKW-Reifen aussehen, wie Teile eines Reptils. Sie benötigen Wissen über die sogenannten «10-Codes» und was US-Bewohner mit einem «10-4 on that» meinen, einem immer noch verbreiteten Slang-Ausdruck.

Jetzt haben wir Englisch, Physik, Geschichte, Erdkunde, Soziales und Politik. Sie können erforschen, wie sich Codes innerhalb bestimmter Gemeinschaften weiter entwickeln, wie Technologie Sprache prägt und Metaphern zur Abgrenzung benutzt werden. Von digital über analog, von altem Sprachfunk bis modernen Smartphones lässt sich zeigen, dass bestimmte Kommunikationsformen aufblühen und aussterben, es lässt sich der Bogen von Abkürzungen zu «alten» Emojis wie ;-) zu neuer Bildsprache spannen und lernen, warum auf Fernstrassen Rastplatzschilder wie das unten abgebildete besser geeignet sind als Texthinweise.

Und warum das alles?

Sie stellen sich vielleicht die Frage, warum diese Beispiele gewählt habe für meine Argumentation, dass es ein «zeitgemäßes» Lernen gar nicht gibt oder es dessen bedarf. Es gibt immer nur «Lernen». Ich wollte das lernen (ja, Englisch und Funk und Computer und den gegenseitigen Austausch), denn es hat mir buchstäblich die Welt geöffnet. Ich saß da 1980 in einer kleinen Stadt in Niederbayern und sprach in einer Runde mit einem Trucker, der gerade zuhause in Texas war, mit einem Apfelbauern in der Nähe von Baikonur und mit einem Schweden in der Nähe von Kiruna. Ich bekam eine Vorstellung von der Welt, vom Austausch von Ideen und Erfahrungen. Ich habe gelernt, dass kollaboratives, iteratives und flexibles (heute würde man sagen, agiles) Vorgehen mit entsprechender Sozialkompetenz der einzige Weg ist, eine Veranstaltung einem Dutzend Mitwirkungen zu planen. Mir musste als Teenager nie jemand erklären, warum ich Englisch lernen sollte (über einige andere Fächer breiten wir den Mantel des Schweigens 😏), wieso es Codes und Jargon gibt. Und (»Danke, Papa») wie man Nachts um 21 Uhr 12 Meter Metallmast mit einer Antenne drauf nur mit zwei Leuten in ein Zaunrohr stellt. Ich habe gelernt, im Team zu lernen und zu lehren, dass man Wissen nicht «vermittelt», sondern anbietet, dass jeder Lerner seinen eigenen Lernstil hat und das das berüchtigte Paar «Pädagogik & Technik» (in meinem Fall für die Erwachsenenbildung eher «Andragogik & Technik») ein Zwillingsstern-System ist, weil Technik in der modernen Gesellschaft immer Lernen verändert und Lernen und Neugier die Technik verändert.

Mut zur Lücke

Passend und wie bestellt zum Thema habe ich heute Abend einen Tweet von Dejan Mihajlović gesehen:

Tweet von Dejan

Woraufhin ich antwortete: «Ist das nicht die Definition von Lernen

Seine Antwort: «Ich habe ein unheimlich engagiertes Kollegium. Die wissen auch von den vielen Angeboten, die wir in Freiburg generieren. Trotzdem geht keiner diesen Schritt.» (leicht gekürzt)

Ich bin der Meinung, auch das ist konkretes, zeitgemäßes Lernen (dieser Anspruch gilt nicht nur für SuS, sondern gerade auch im Bereich der Erwachsenenbildung). Aufgrund der zu Beginn des Posts bereits genannten beruflichen Sozialisation von LuL als Einzelkämpfer/innen und immer noch oft vorhandenen Rolle als «Wissende» (die 1% Twitterblase hier weiß, dass ich sie nicht meine) ist das möglicherweise einer der Gründe, warum dieser Schritt nicht gegangen wird. Es fällt von «innen» vielleicht nicht so auf, aber die meisten LuL haben eine enorme Angst, Nichtwissen zuzugeben. Selbstverständnis und Haltung entwickelt sich aus Erfahrungen und Wissen, also dem Ergebnis von Lernen. Hat jemand, egal ob LuL oder SuS, diese Haltung einfach bisher nie gelernt, zeigt sich das auch in der Haltung gegenüber dem lebenslangen Lernen und dem, was Mike als «gutes Nicht-wissen-Management» bezeichnet. Wenn ich aus einem Bereich komme, wo Probleme/Aufgaben fast immer unbekannt sind, tue ich mich leichter, offen an diese heranzugehen, weil das der einzige Weg ist, der zum Ergebnis führt.

Gut zeigt sich das in dem Bereich, in dem ich beruflich unterwegs bin, vom Analysieren von Anforderungen bis zur Softwareentwicklung oder dem Modellieren von Datenstrukturen und Datentransformationen. Im Prinzip ist jedes Problem, das an mich herangetragen wird, etwas Neues oder bisher nicht aufgetretenes (sonst gäbe es schon eine Lösung, ein Script oder eine App dafür 😄). Die wichtigste Fähigkeit für das Lernen der Zukunft ist also nicht das Wissen, wie ein bestimmtes Problem gelöst wird (Fakten und Rezepte), sondern wie mit einem Problem umgegangen wird, das noch niemand zuvor gesehen hat. Wie es von mehreren Leuten auf Twitter schon formuliert wurde, ist die Kernthese des Lernens (das immer zeitgemäß und konkret im Sinne des Erwerbs einer persönlich gewünschten oder benötigten Kompetenz ist, sonst würde es keinen Grund zum Lernen geben) das «Keine Ahnung, aber finden wir’s raus».

Das alte Lernen unterscheidet sich also nicht hinsichtlich analog oder digital (ich kann mit Computern, voll digitalisiert und per Internet über Kontinente verbunden ebenso Schrott-«Lernen» ohne Wirksamkeit veranstalten, das hat mit dem Werkzeug nichts zu tun, siehe die Strohhalme und Wollfäden von weiter oben). Perfekt wie immer hat das Sir Ken Robinson formuliert:

If you run an education system based on standardization and conformity that suppresses individuality, imagination, and creativity, don’t be surprised if that’s what it does.
– Sir Ken Robinson

Das ist die Essenz von «zeitgemäßem konkreten Lernen«:

  • Lernen ist Förderung von individuellen Fähigkeiten im eigenen Takt
  • Lernen ist Nonkonformismus, Vorstellungskraft
  • Lernen ist kein Solo, sondern Kollegialität, Netzwerke und Austausch
  • Lernen ist Anwendung, explorativ und im Tun und Anwenden
  • Lernen ist soziale Interaktion (weswegen die Lehrperson wichtig ist)
  • Lernen ist ein begleiteter Prozess mit «formative assessment»
  • Lernen funktioniert informell und durch Lehren meist besser als formal und rezeptiv

Fazit

Wichtig ist es, überhaupt zu verstehen, dass der Ausgangspunkt immer Lernende sein müssen (einer der großen Fehler der Schule in der Vergangenheit), dass der eigene Einfluss als Lehrperson nicht überschätzt wird (wieder Maik Rieken: «Für mich bilden wir uns in Schule viel zu viel auf unseren Einfluss auf Schülerinnen und Schüler ein. Beim Ausgleich von sozialen Unterschieden kann Schule helfen […], aber nie Zivilgesellschaft ersetzen.»). Lernen, das Wirkung zeigen soll (und irgendwann in Bildung mündet), ist ein individueller Pull-Prozess und damit für das System Schule immer ein Balance-Akt, denn: «Wenn Du am Gras ziehst, wächst es nicht schneller». Vor allem aber bin ich optimistisch, wenn ich mir die Beiträge hier und den Elan der LuL hier auf Twitter ansehe, die engagiert und leidenschaftlich arbeiten, streiten, teilen und lernen. Optimistisch, dass sich «zeitgemäßes, konkretes und strikt schülerorientiertes Lernen» verbreiten wird. Dafür bin ich Euch allen als Vater dankbar.



  1. Bildung als Begriff ist gerade in Deutschland und vor allem im Bereich der formalen, schulischen Welt so aufgeladen und seit der ersten Nutzung durch Meister Eckart mit so vielen historischen Schichten umhüllt, dass dies einer konkreten Betrachtung entgegensteht. Am ehesten stimme ich noch mit der prozesshaften Definition von Alexander von Humboldt überein, nach der Bildung eine „*durchgängige Wechselwirkung des theoretischen Verstandes und des praktischen Willens*“ ist.
  2. Regelmäßige Blog-Leser wissen es schon: LuL = Lehrerinnen und Lehrer, SuS = Schülerinnen und Schüler, KuK = Kolleginnen und Kollegen. Ja, das immer auszuschreiben wird sehr schnell lästig. 😏
  3. Mit ist bewusst, dass im Japanischen nicht zwischen Singular und Plural für «Manga» («漫画») unterschieden wird, allerdings ist das Plural-S im Deutschen auch für Lehnwörter üblich.
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