Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Eigentlich wollten die Tochter und ich am Montag zum Blutspenden gehen. Der Termin war ausgesucht, bestätigt und wir haben rechtzeitig Feierabend gemacht.
Falls jemand nicht Blutspender/in ist, das Ganze läuft folgendermaßen ab:
Wenn die medizinische Abteilung den Segen gibt, dann erst geht’s weiter zum Blutspenden. Alles immer wieder mit Checks, damit auch niemand verwechselt wird.
Die Tochter und ich kommen gleichzeitig dran, sie bei Arzt Nr. 2, ich bei Doktor Nr. 3 im Raum. Alles wie immer. Wir hatten beide beim Fragebogen angegeben, dass wir vor dem Spendentermin im Ausland waren (Bologna/Imola, in der Emilia Romagna in Italien).
Mein Doc nickt bei Bologna wissend, dann lässt er mich auf dem Wischkästchen-Tablet unterschreiben, er ebenfalls und dann, “you are Go for the medical vampires, my friend” 😆 😉
Ich stehe auf, gehe zur Tochter, die etwas belämmert im Raum steht. “Papa, ich darf nicht zur Blutspende. Ich war in der Emilia Romagna und da gibt es ein Virus, da darfst Du dann vier Wochen lang nicht.”
Hu? Ich stutze und gucke den Arzt an, der das Gespräch mit meiner Tochter geführt hat. “Ich war auch in Bologna und Imola übers Wochenende. Der Kollege meinte gerade, alles gut und ab zur Blutspende. Was denn jetzt?”.
Der Doc guckt verdutzt. “Aber das ist doch Emilia-Romagna!” Klar, es sei denn, die Kontinentaldrift hat sich übers Wochenende deutlich beschleunigt, möchte ich schon antworten. Stattdessen zucke ich nur mit den Schultern und weise zu “meinem” Doktor.
Die beiden Mediziner konferieren kurz. Dann weist der Tochter-Doc auf einen Stapel, den der Papa-Doc auf seinem Schreibtisch hat und meinte, “Da, Emilia-Romagna, jaja! Die dürfen nicht.”
Jetzt bin ich ernsthaft neugierig. Der Papa-Doc wirkt auf einmal leicht nervös und beordert mich wieder an seinen Tisch. Storno, nix mit der Blutspende auch für mich. Er zeigt mir eine Ärztezeitschrift vom Stapel. Da steht als Titel “Reisemedizinische Beratungen: An Chikungunya-Prävention denken” und ein Artikel, dass gerade die Emilia-Romagna ein Hotspot für diese durch die Asiatische Tigermücke übertragene Infektion ist. Menno!
Ich weiß genau, was die Entwickler der Tablet-Software nicht in Ihren Testszenarios hatten: dass ein durchgewinkter Typ nochmal zurückgerufen und seine Spendenfreigabe storniert werden muss. 🤣 Nach zehn Minuten Herum-Gescanne und tippen und wischen kommt eine weitere Ärztin, nimmt mein Armband ab und lässt sich nochmal den Blutspende-Ausweis geben und notiert handschriftlich auf dem Armband, dass ich nicht spenden durfte und vier Wochen gesperrt bin! Es lebe die Digitalisierung! 😎
Da willst Du Menschen helfen und meldest Dich bei den medizinischen Blutsaugern an und dann verhageln Dir die eingewanderten und durch den Klimawandel begünstigten geflügelten Blutsauger die Spende. Unverrichteter Dinge machen sich Tochter und Papa auf den Weg nach Hause, nicht ohne noch schnell beim Supermarkt vorbei zu fahren, denn die Käsesemmel samt Apfelschorle nach der Spende ist ein Ritual und als Entschädigung machen wir uns die dann eben zuhause selbst. 😉
Was hat mir dieses Erlebnis zum Wochenstart wieder gezeigt? Kritische Systeme ohne eine Kontrollinstanz sind doof. Abgesehen von der (eher weniger lustigen) Tatsache, dass “mein” Doktor die Zeitschrift mit der Warnung vor der Tigermücke und dem Chikungunya-Virus auf dem Tisch hatte und der andere das sofort parat hatte, war der Tochter-Doc vielleicht einfach geografisch fitter.
Allerdings: ein Land abzufragen im digitalen Fragebogen und dann bei Bedarf die Region, dass mit den aktuellen Ausschlusskriterien abzugleichen (es reicht ja, wenn das Tablet weiß, dass Bologna in der Emilia-Romagna liegt), das ist keine “rocket science”, wirklich nicht. Wir hätten uns auch alle Schritte nach dem Fragebogen sparen können, wenn dort gleich ein Hinweis mit der Warnung aufgeploppt wäre und wir eben vier Wochen lang warten müssen. Spätestens die Mediziner aber hätten einen Hinweis bekommen müssen, schließlich haben die Medizin studiert und nicht Geographie.
Wäre ich allein gegangen und durchgerutscht, wäre im schlimmsten Fall eine Blutspende mit den Viren weiter verarbeitet werden. Und auch wenn es es hinterher irgendwie doch rauskommt, dann muss die Blutspende vernichtet werden und die ganze Arbeit bzw. der Aufwand war völlig umsonst. Und wenn es Warnungen oder Ausschlüsse gibt, dann lasst die Ärztinnen und Ärzte nach der Region eines Landes fragen. Ein großes Danke an den Tochter-Doc, dass seine Kenntnis der italienischen Geographie so gut war. Wieder ein Beispiel dafür, dass Prozesse komplett durchdacht und ständig auf mögliche Verbesserungen geprüft werden sollten.
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