Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Die Idee zu diesem Blogpost kam über die Bande von Michael Gisiger, der in seinem Blogpost “Die unterschätzten Stunden des Tages” in einem schönen und kurzen Text etwas beschreibt, das ich seit ein paar Jahren versuche zu leben.
Genau das lässt sich gerade jetzt beobachten, mitten im Sommer. Die Tage sind lang, die Sonne geht spät unter. Nach einem heissen Arbeitstag werden die Abendstunden oft zur schönsten Zeit des Tages. Statt die Nachmittagshitze auszusitzen, lockt der Abend nach draussen: ein Buch im Garten, in der Aare schwimmen gehen, ein Apéro und gute Gespräche mit Freunden. Trotzdem behandeln viele diese Stunden wie blossen Leerlauf zwischen Feierabend und Schlafengehen. Vielleicht verschenken wir gerade hier die wertvollste Zeit des Tages. Eine bewusst gewählte Stunde genügt. Dann fühlt sich ein Abend nicht mehr wie ein Rest des Arbeitstags an, sondern wie ein eigener Teil des Lebens.
Die bewusste Gestaltung und vor allem Wahrnehmung der vergehenden Zeit ist etwas, dass in der täglichen Hektik oft untergeht. In dieser Zeit der von vielen betriebenen permanenten “Selbstoptimierung” versperrt die Orientierung an den “KPIs” des eigenen Tagesablaufs oft den Blick auf das Wesentliche.
Zeit ist relativ und es gibt dieses schöne, Albert Einstein zugeschriebene Zitat: “Wenn man zwei Stunden lang mit einem hübschen Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden”. Oft kommt es darauf an, was wir aus der uns zur Verfügung stehenden Zeit machen. Damit meine ich eben nicht, das Messen, Tracken und Optimieren, sondern das Sich-Bewusst-Machen der Zeit und der darin stattfindenden Aktivität.
Wir haben mehr Zeit, als wir denken, wir müssen sie aber auch erkennen. Was meine ich damit? Natürlich kann ich in mein Tagebuch (so ich denn eines führen würde) schreiben: “arbeitsreicher Tag” oder “Ich habe von 9 bis 18 Uhr gearbeitet”. Das stimmt aber nicht. Von 13:15 bis 14:30 habe ich zuerst eine halbe Stunde ein Mittagsnickerchen gemacht (eine herrliche Erfindung) und war dann fast eine dreiviertel Stunde mit Chico unterwegs. Wir haben zwei Schmetterlingen zugesehen, ich habe Chico beim Rumschnüffeln in der Flutmulde zugesehen und in die Sonne geblinzelt, wir haben den Schatten der Bäume genossen und zumindest ich hatte Zeit zum Nachdenken (Chico vielleicht auch, aber sicher über andere Dinge 😉). Ich habe in den Sandalen die trockenen Grashalme gespürt, den typischen Geruch der trockenen Sommerwiese gerochen und überhaupt nicht an die Arbeit gedacht. Aus diesem Grund nehme ich in die Mittagspause auch kein Arbeits-Smartphone mit und das private wird nur als Kamera benutzt. Es hat Jahre gedauert, sich dieses Verweilen im Augenblick und das kindliche Staunen über Dinge wie eine von Blüte zu Blüte fliegende Hummel oder das Spiel von zwei Hunden wieder anzueignen.
Das ist nicht “der Arbeitstag”, sondern ein eigener Teil meines Lebens, bewusst erlebte Zeit. Michael bezieht sich in seinem Blogpost auf Seneca (den ich auch sehr schätze), aber mir gefällt zu diesem Thema Horaz besser, der mit seinem “CARPE DIEM” eines meiner Lieblings-Mottos geprägt hat.
Ganz gleich, ob Jupiter dir noch weitere Winter zugeteilt hat oder ob dieser jetzt, der gerade das Tyrrhenische Meer an widrige Klippen branden lässt, dein letzter ist, sei nicht dumm, filtere den Wein und verzichte auf jede weiter reichende Hoffnung! Noch während wir hier reden, ist uns bereits die missgünstige Zeit entflohen: Pflücke den Tag, und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!
Mir gefällt das “Pflücke den Tag” übrigens viel besser als das oft übersetzte “Nutze den Tag” oder “Genieße den Tag”, denn die bildhafte Beschreibung des Pflückens zeigt schön, dass es, ist der Apfel einmal gepflückt, kein Zurück mehr gibt. Ich kann den Tag nicht “entpflücken”, es ist meine Verantwortung, aus diesen 86400 Sekunden, die der Tag hat, das für mich persönlich sinnvollste zu machen. Denn niemand, egal wie viel Geld oder Einfluss jemand hat, bekommt mehr als diese 86400 Sekunden pro Tag (für alle Nerds, die jetzt mit den Füßen scharren, “ja es sind nicht exakt 86400 und es gibt Schaltsekunden und jetzt kommt wieder runter” 😎) und wenn die weg sind, sind die unwiederbringlich weg.
Denn genau darum geht es: nicht um Effizienz, sondern um Wahrnehmung. Wer seine Zeit sichtbar macht, nimmt sie plötzlich anders wahr. Zwischen Arbeit, Schlaf und Verpflichtungen steckt oft mehr Spielraum, als das eigene Gefühl vermuten lässt.
– Michael Gisiger
Was das alles mit dem Titel und der Jahreszeit für Blogs zu tun hat?
Es ist Sommer und ich sitze beruflich bedingt schon lange genug vor einer Tastatur und gucke in einen Bildschirm. Da gibt es genug andere Dinge als ein Blog. Die Jahreszeit für Blogposts ist nicht der Sommer (zumindest auf der Nordhalbkugel). Ich bin eine “Eule” und genieße daher jede einzelne Minute dieser langen Tage. Familie, Chico, meine anderen Hobbies, all das bewusst zu erleben und den Tag “zu pflücken”, das ist mir in dieser Jahreszeit wichtiger. Wenn die Tage sowieso kurz sind, das Wetter schlecht und Aktivitäten im Garten oder draußen abseits der Hunderunden nicht mehr möglich sind oder keinen Spaß machen, dann kommt die Zeit des Bloggens.
Solltet Ihr also in diesen Wochen und Monaten hier weniger Neues zu lesen finden, dann kennt Ihr immerhin den Grund. 😉 Habt einen schönen Sommer!
Lizenz für diesen Post CC-BY-SA 4.0