avatar

Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen

Sensimo von Horoskowitz
07.08.2026
Anzahl Worte: 1087

Das Marterl oberhalb von Landshut

Oberhalb von Landshut bei Aygn geht der Blick bis zur Burg Trausnitz und der Martinskirche. Dort steht, eingerahmt von zwei kleinen Bäumen, ein unscheinbares Marterl mit einem Steinsockel und einem Kreuz. Meist wird es übersehen, man fährt achtlos daran vorbei. Dabei starb dort vor 540 Jahren die Person, die mit dafür verantwortlich war, das die größte Hochzeit des späten Mittelalters reibungslos über die Bühne ging.

Das Wegkreuzung für Sensimo von Horoskowitz bei Aygn

Die Inschrift erwähnt, dass sich der Feldhauptmann Sensime von Horoskowitz an einem Abend im Jahre 1486 “derfallen” hat. Bei diesem Reitunfall brach sich von Horoskowitz das Genick.

Die Inschrift

Sicherheits-Chef für eine Stadt und den Hochadel

Stell dir vor, es wird geheiratet. Nicht so klein und bescheiden wie heutige Celebrities 😉 nein, richtig groß. Deine Stadt hat knapp 10.000 Einwohner und es kommen mehr als 10.000 Gäste. Mit über 9000 Pferden! Der Kaiser ist da, sein Sohn, Kurfürsten, Fürstbischöfe, Grafen, der halbe Hochadel des Reiches ist versammelt. Eine ganze Woche lang. Eine Königstochter reist als Braut an. Alle, auch alle Einwohner werden eine Woche lang freigehalten. Bier und Wein in Hektolitern. Und du bist derjenige, den der Herzog von Bayern ausgewählt hat, für die Sicherheit von all dem zu sorgen. 😎

Die Fürstenhochzeit

Es ist der späte Herbst des Jahrs 1475. In der niederbayerischen Herzogsstadt Landshut richtet Ludwig der Reiche eine Hochzeit für seinen Sohn Georg und die polnische Königstochter Jadwiga aus, die seinem Beinamen alle Ehre macht.

Die polnische Königstochter bei der Aufführung der Landshuter Hochzeit 2017

So ein Ereignis bedurfte auch in damaliger Zeit besonderer Sicherheitsvorkehrungen, weilten doch die mächtigsten Fürsten des Reiches, darunter Kaiser Friedrich III. und sein Sohn Maximilian unter den Hochzeitsgästen. Herzig Ludwig brauchte jemanden, dem er nicht nur vertrauen konnte, sondern dem er auch zutraute, dafür zu sorgen, dass in diesen Tagen alles glatt läuft. Er hatte genau den richtigen Mann dafür, den “Obristen Hauptmann Sensime von Horoskowitz”.

Je nachdem, welchen Bericht du liest, finden sich sehr unterschiedliche Schreibweisen, was die Recherche auch nicht leichter macht. Sensimo oder Sensime oder einfach Seis (was wohl sein Rufname für Vertraute gewesen sein dürfte) finden sich in der Literatur. Beim Namen der Familie sind in der überwiegenden Zahl der Nennungen entweder “Horoskowitz”, “Horuskowiz” oder “Horoskawitz” zu finden. Hans Seibold, der den detailliertesten erhaltenen Bericht zur Landshuter Hochzeit schrieb, nennt ihn “Sesyme von Hörnskawitz”. Ein Bildnis dieses Mannes ist allerdings nirgendwo erhalten.

Ich habe bei der Recherche nichts gefunden, wie Sensime von Horoskowitz in den Dienst Ludwigs des Reichen kam. Der Herzig muss ihn aber offenbar vertraut haben, denn der Bedarf an Personal und Organisation war damals enorm. Die Stadt Landshut konnte gar nicht so viele “Wappner” für die Stadtwache stellen wie benötigt wurden, daher wurden aus allen umliegenden Orten des Herzogtums bis im weiten Umkreis so viele Stadtknechte und Wachen wie möglich abkommandiert, ohne den Schutz dort zu vernachlässigen. Je nach Bericht waren es aus Landshut mehrere Hundert Wappner und nochmal so viele, die für den Einsatz nach Landshut beordert wurden. Allein die Logistik und Unterbringung für eine Stadtwache von etwa Tausend Männern war beeindruckend. Dazu wurden diese für die Hochzeitswoche einheitlich eingekleidet, wofür allein Unmengen an Stoff benötigt wurde.

Die Wappner bei einer Aufführung der Landshuter Hochzeit.

Eine solche Organisation und eine solche Mannschaft an Sicherheitskräften stemmt kein Mann allein. Immerhin sind die Namen der von Horoskowitz unterstellten Hauptleute überliefert: Karl Kärgl, Jörg Gareis, Caspar Schlesier, Wolfang Schermer und Caspar Tuntz. Sensime von Horoskowitz und sein Team mussten nicht nur dafür sorgen, dass die Stadt gesichert war (alle Posten wurden in der Zeit doppelt besetzt), sondern auch wie heutige Ordnungsdienste dafür sorgen, das Stadtvolk in die Schranken zu weisen, sollte die Begeisterung und die Neugier für den Adel überhand nehmen. Insofern hat sich die letzten 500 Jahre kaum etwas geändert.

Das Volk schaut die Hochzeit.

In der überfüllten Stadt wurden die beiden “Stiegen” zum Tanzhaus (dem “Tanntzhawss” im Bericht von Hans Seybolt) bewacht, denn dafür hatte man im Rathaus Wände herausgebrochen und den ersten Stock umgestaltet, um alle Teilnehmer unterzubringen. Hier waren allein einige Dutzend Wappner eingesetzt, um das gemeine Volk vom Besuch und dem Kontakt mit dem Adel abzuhalten. Auch die Schranken in der Altstadt wurden bewacht, den die “Rennen” (das Turnier) wurde nicht wie in den heutigen Aufführungen der Landshuter Hochzeit auf der Ringlstecherwiese ausgetragen, sondern mitten in der relativ breiten Altstadt!

Eine Rüstung für das Rennen

Weitere “Security” war abgestellt für die Bewachung der Unterkünfte von Fürsten und der Stadtresidenz von Herzig Ludwig in der Ländgasse. Der Weg zur Kirche für die Hochzeit war wahrscheinlich ähnlich abgesichert (und vom Volk belagert) wie heutige königliche Hochzeiten. Über alle dies hatte von Horoskowitz den Oberbefehl.

Dieser hatte auch bei eventuellen Vorkommnissen das letzte Wort (und benötigte dafür eine gute Nachrichtenorganisation der Stadtwache). Hans Seibold schreibt: “Item die von Landshut haben mit ihren Wappnern alle Stadttore, Türme, die Stadtmauer und andere Wachen besetzt und versehen… waren die Wappner angewiesen, dass sie, falls Feuer, Rumoren, Zusammenrottungen oder sonstige Widerwärtigkeit innerhalb oder außerhalb der Stadt entstünden, Warnzeichen gäben. Doch ohne des Obristen Hauptmanns Wissen und Willen sollten sie die Glocken nicht klenkeln noch anschlagen.

Die Wappner in Aktion beim Einfangen des gemeinen Volks (Aufführung 2017).

Auf ausdrücklichen Befehl von Herzog Ludwig sollte der Stadtkämmerer auch alle “Widerwärtigkeiten” der Landshuter Wappner an von Horoskowitz melden. Bei einer Sicherheitstruppe von etwa Tausend Mann, von denen die Hälfte nicht aus Landshut stammte, sicherlich eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme.

Ich kann mir vorstellen, dass der “Seis” in dieser Woche nicht viel Schlaf oder Ruhezeiten hatte. Aber er wurde dem Vertrauen des Herzogs gerecht. Die Hochzeit verlief ohne nennenswerte Probleme. Etwas mehr als drei Jahre nach der Hochzeit seines Sohnes mit Hedwig (Jadwiga) starb Herzog Ludwig der Reiche im Januar 1479. Auch dort war Sensime von Horoskowitz wohl für den sicheren Ablauf verantwortlich.

Von Horoskowitz selbst nicht das Glück haben, seinen Lebensabend genießen zu können. Er starb noch vor den Brautleuten der Landshuter Hochzeit an einem Abend des Jahres 1486 bei einem Reitunfall ("hat er sich derfallen" schreibt eine Quelle) in Aygn, nahe der Stelle wo elf Jahre zuvor die Landshuter die polnische Königstochter bei der Ankunft zur Hochzeit begrüßt hatten. Das Marterl an dieser Stelle gedenkt dieses bedeutenden Mannes.

Die Lage des Wegkreuzes in Aygn.

Quellen

“Das Reich zu Gast in Landshut”, Hrsg. Deutinger, Roman; Paulus, Christof, Verlag Thorbecke, 2017, ISBN 978-3-7995-1155-1

“Herzog Georgs Hochzeit zu Landshut im Jahre 1475”, Sebastian Hiereth, Hrsg. Verkehrsverein Landshut e.V., 1975, keine ISBN

“Die reichen Herzöge von Bayern-Landshut”, Gerald Huber, Verlag Friedrich Pustet, 2013, ISBN 978-3-7917-2483-6

Dokumentation am Landshuter Höhenwanderweg bei Aygn, Landratsamt Landshut


Lizenz für diesen Post CC-BY-SA 4.0


Alle Blogposts auflisten



Diesen Artikel kommentieren

  ℹ️

Sie können die Kommentarfunktion ohne die Speicherung personenbezogener Daten nutzen. Schreiben Sie Ihren Kommentar und klicken Sie auf "Abschicken". Der Versand und die Übertragung Ihres Kommentars ist zur Erfüllung der von Ihnen mit dem Klick auf "Abschicken" ersichtlichen Absicht technisch notwendig und bedarf keiner weiteren Einwilligung. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung des Kommentars. Jeder hier eingegebene Kommentar wird zuerst geprüft.