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Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen

Der erste Bug
09.09.2026
Anzahl Worte: 949

Spätsommer 1947

Der 9. September 1947 (ein Dienstag) war ein heißer Spätsommertag in der Nähe von Boston. Auf dem Gelände der Harvard University arbeite einer der allerersten Computer, der “MARK II”. Er wurde dort unter Leitung von Howard Aiken gebaut und getestet. Mitglieder des Teams waren auch Grace Hopper und Edmund Berkeley. Der Auftraggeber war die Marine der Vereinigten Staaten, die das System für die Berechnung von ballistischen Geschossbahnen nutzen wollte.

Der MARK II (oder “Aiken Relay Calculator” nach seinem Konstrukteur) war kein Computer im heutigen Sinn, sondern ein elektromechanisches Monstrum. Mit einem Gewicht von etwa 23 Tonnen breitete sich das System auf einer Fläche von über 300 Quadratmeter aus! Dementsprechend war auch die Wärmeentwicklung.

Teilansicht des MARK II (oder Aiken Relay Calculator)

Aus diesem Grund waren alle verfügbaren Fenster im “Maschinenraum” von Hardvard auch weit geöffnet. Eine kleine Motte flog durch eines dieser Fenster und verfing sich in einem der Tausenden von Relais. Relais 70 des Panel F grillte die Motte zu Tode und MARK II begann, fehlerhafte Daten zu liefern und nicht mehr richtig zu funktionieren. Also machte sich das Team auf die Suche nach der Ursache des Fehlers.

Irgendwann wurde das Insekt ("the bug") gefunden, entfernt und schon rechnete MARK II wieder korrekt und tat seinen Dienst (wie so viele Dinge der frühen Informatik und des frühen Internets) für das Militär. Auch wenn die Motte sicher nicht das erste Lebewesen war, das durch Elektronik den Tod fand wurde sie doch berühmt. Denn der Operator Bill Burke nahm die Motte und dokumentierte die Fehlerursache wurde wissenschaftlich korrekt und mit Hilfe eines Klebestreifens im Logbuch der Maschine unter den Einträgen für den 9. September.

Logbuch und Bug. Smithsonian Institution’s National Museum of American History.

Der Eintrag unter dem verewigten Insekt lautet “first actual case of a bug being found”, also “erster tatsächlicher Fall eines gefunden Bugs”.

Die Entdeckung bzw. der Eintrag wird oft Grace Hopper zugeschrieben. In anderen Geschichten steht, dass sie später den Bug und das Ereignis berühmt machte. Üblicherweise wird dann erzählt, dass die Bezeichnung “Bug” für einen Fehler in einem System und der Prozess der Fehlerbereinigung (das “Debuggen”, also Entwanzen) dadurch geprägt wurde.

Der Bug mit der Geschichte des Bugs

Und hier findet sich der eigentliche “Bug” in der Geschichte. Denn der Begriff ist viel älter. Hopper, Aiken und Berkeley wussten damals schon, dass sie auf der Suche nach einem Bug waren. Sie wussten nur noch nicht, dass sie im tatsächlichen Wortsinn einen finden würden, als sie der Fehlfunktion des MARK II auf den Grund gingen.

Der Gebrauch des Wortes geht nämlich zurück bis ins späte 19. Jahrhundert! In der Ergänzungsbeilage des Oxford English Dictionary lautet die vierte Definition für das Substantiv “bug” wie folgt: “a defect or fault in a machine, plan, or the like”. Als Referenz gibt das OED die Ausgabe der Pall Mall Gazette vom 11. März 1889 an, in der gemeldet wurde, dass “Mr. [Thomas] Edison die letzten zwei Nächste durchgearbeitet hatte, um einen bug in seinem Phonographen zu finden”. Edison selbst schreibt in einem Brief vom November 1878 an Tivadar Puskás, dem Erfinder der Telefonzentrale, “This thing gives out and then that bugs – as such little faults and difficulties are called – show themselves and months of anxious watching, study and labor are requisite before commercial success – or failure – is certainly reached”. Und die dritte Ausgabe von Webster’s New International Dictionary hat 1934 als dritte Definition des Substantivs “bug”: “a defect in an apparatus or its operation”. Einige Jahre später findet sich 1896 in “Hawkin’s New Catechism of Electricity” aus den USA die Definition “The term ‘bug’ is used to a limited extend to designate any fault or trouble in the connections or working of electronic apparatus”.

Es ist also klar, dass Leute bereits Jahre vor dem “Hardwareproblem” des MARK II das Wort “bug” nutzten, wenn sie eine Fehlfunktion in einem System oder einem Gerät beschrieben. Das Team des MARK II nutzte dann nur die Gunst der Stunde, tatsächlich einen echten “bug” als Problemursache gefunden zu haben, um sich den Ruhm der Erzählung zu sichern. Deshalb wahrscheinlich auch die Formulierung “first actual case of a bug being found”, weil sie genau wussten, was der Begriff bedeutet. Und auch der Begriff “Debugging” ist nicht im Zuge dieses Vorfalls entstanden. Es gibt bereits eine Verwendung 1945 in einer Ausgabe des “Journal of the Royal Aeronautical Society” über die Entwicklung eines neuen Flugzeugmotors: “It ranged from the pre-design development of essential components, through the stage of type test and flight test and debugging right through to later development of the engine”. Ein Artikel im Magazin “Airforce” (Seite 50 der Juni-Ausgabe von 1950) beschreibt schließlich das “Debugging” von Kameras für Flugzeuge.

Es gibt nicht nur Bugs

Fun fact: es gibt mehrere Begriffe für Fehlfunktionen und Ausrutscher. Bei Werner von Siemens war es das jiddische “Macke”, vom hebräischen Wort “máke”, das Plage bedeutet. Seinen Ursprung im Jiddischen hat auch “glitch” (für “rutschen”) für einen kurzzeitigen Bug oder Signalfehler. Dieses Wort hat es bis in die Weiten des Alls geschafft, denn auch eine plötzliche, unerwartete Änderung der Rotationsfrequenz eines Pulsars oder Neutronensterns wird als “glitch” bezeichnet.

Und mit dem Weltall schließt sich zum Ende des Artikels der Kreis der Bugs, denn sowohl der Mars Polar Lander 1999 als auch die Marssonde Schiaparelli 2016 waren dank eines Bugs in der Software der Meinung, den roten Planeten bereits erreicht zu haben, als sie die Triebwerke abschalteten. Tja, falsch gerechnet. Der Polar Lander schlug mit knapp unter 100 Stundenkilometer und Schiaparelli mit über 300 Stundenkilometer auf der Marsoberfläche ein und hinterließen als einziges Forschungsergebnis Trümmer und einen kleinen Krater.

Also immer schön “debuggen”, Fehler suchen, “glitches” vermeiden und vor allem: Fenster zu, damit keine Motten reinkommen!

Tags: tech software

Lizenz für diesen Post CC-BY-SA 4.0


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