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Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen

Die längste Strasse Italiens
07.06.2026
Anzahl Worte: 1567

Unterwegs auf der S.S. 16

Die Ampel der Baustelle vor uns ist rot. Wir stehen in der Schlange irgendwo zwischen Martinsicuro und Pineta in einem der Küstenorte der Abruzzen. Rechts überholt uns erst ein Rollerfahrer, dann ein zweiter. Beide stellen sich ganz vorne an der Ampel auf. Rechts von uns gucken zwei Kinder die Auslage des Badesachen-Geschäfts an, daneben plaudern drei Rentner vor einem kleinen Lebensmittelgeschäft.

Vier Fahrspuren, neu asphaltiert. Wir rollen mit Tempo 110 durch die Landschaft an der Adria. Ein Schild zeigt eine Raststätte in 5 km Entfernung an, hinter uns verschwinden die Euganäischen Hügel im Dunst des Morgens. Ein Caffè Doppio wäre jetzt tatsächlich eine gute Idee. Autobahn-Feeling und doch keine Autobahn.

70 Meter links von uns das Meer, die Adria südlich von Campomarina Lido. Nach 15 Metern Strand ein kleiner Fußweg, Schilfgras, dann die Bahngleise und keine 15 Meter daneben die Landstrasse, auf der wir fahren. Alles auf weniger als 100 Metern. Die Teerdecke hat schon bessere Zeiten gesehen, aber hier rollt auch alles, was nicht auf die Autobahn darf oder will. Links Blau, vor uns grauer Asphalt und rechts das gelbe trockene Gras auf den Hügeln.

Drei Eindrücke, drei Mal die gleiche Strasse. Die Strada Statale Numero 16, besser bekannt unter ihrem Beinamen „Adriatica“. Die längste Strasse im Netz der italienischen Strade Statali, ein paar Meter länger als 1000 Kilometer. Hier kannst Du mehr oder weniger ganz Italien auf einer Strasse erleben. Von der endlos flachen Po-Ebene am Ortsende von Padua im Landesinneren über sechs Regionen Italiens bis zum Ende am doppelten Kreisverkehr nur wenige Hundert Meter vom Meer entfernt in Otranto, Apulien. Du kannst in einer Stunde 100 Kilometer schaffen oder 10, je nachdem wo und wann Du auf der SS16 unterwegs bist. Dafür wird es eigentlich nie langweilig.

Der Verlauf der SS16 Adriatica durch Italien

 

Geliebt und gehasst zugleich

Meine Frau und ich sind nicht jeden Kilometer der SS16 gefahren, nach über 40 Jahren Urlaub in Italien wüssten wir auch gar nicht mehr welchen. Die meisten der 1000 Kilometer haben wir aber gesehen, manche Abschnitte haben wir Dutzende Male befahren. Manchmal waren wir so genervt vom Gewusel und dem Verkehr, dass wir doch auf die A14 geflüchtet sind, weil wir nach einer Stunden wieder nur gut 30 Kilometer geschafft hatten. Dann wieder, in warmen Sommernächten rollen wir durch die Badeorte wie beim Schaulaufen. Öde Gewerbegebiete mit Autowerkstätten, Reifenhändlern und Industriebetrieben oder historische Orte und Baudenkmäler, Shoppingmeilen oder Markstände am Strassenrand und Strecke machen auf der zur Superstrada ausgebauten SS16, alles schon erlebt. Bedingt durch die Geographie Italiens ist diese Küstenstrasse die Lebensader des Nord-Süd-Verkehrs. Wenn Du nicht nur einmal und nicht immer zur gleichen Zeit unterwegs bist, dann bietet allein die Reise auf der SS16 eine ganze Palette an Eindrücken.

Die Strada Statale 16 Adriatica irgendwo in den Marken

Der Nebel der Po-Ebene im Herbst ist berüchtigt. Hier ist der Londoner Fog in die Lehre gegangen. Schemenhaftes Schleichen auf der Landstrasse, weil es auf der Autobahn (hier noch die A13 von Padua nach Bologna) auch nicht schneller gehen würde. Im Winter Glücksgefühle kurz vor Otranto, wenn Du Ende Januar bei über 15 Grad und Sonne dem deutschen Mistwetter entflohen bist. Staunen im Frühjahr, wie grün die italienischen Hügel der Abuzzen sein können, wenn Du nicht zu der Zeit, in der nur noch die Leute aus Bayern und BaWü Ferien haben, in den Süden fährst. Oder das Schwitzen, Warten und Fluchen bei fast 40 Grad, wenn Du Dich im Stadtverkehr durch Civitanova Marche quälst.

Bei Regenwetter auf der SS16 Adriatica unterwegs

Jeder Tourist, der in Richtung Süden unterwegs ist, seien es die älteren, an die Sehnsuchtsorte ihrer Jugend zurückkehrend (Hurra, Cesenatico, Cattolica, Teutonengrill), die jungen Partyfans (Rimini ist in der Saison ein einziger Nachtclub) oder Kulturbeflissene auf dem Weg nach Andria und dann weiter zum Castel del Monte von Friedrich II (ein Staufer, also auch ein Teutone) sollte die A14 mal verlassen und ein Stück auf der SS16 fahren. Die Autobahn, so es keine Staus gibt, was selten genug der Fall ist, ist einfach ein langweiliges Stück in einer Blechkiste in Richtung Süden. Die SS16 ist das echte Leben, vom landwirtschaftlichen Verkehr zwischen Padua und Cesena und den Motorsport-Fans in Richtung Imola über die diskussionswürdige Auslegung von Verkehrsregeln in den kleinen Städten (es wird hier halt so gefahren, dass nichts passiert, nicht was irgendwelche Schilder anregen) bis zum Ab-in-den-Süden-Feeling auf der Superstrada südlich des Gargano.

Die Entstehung der „Strade Statali“

Alles begann 1928 noch im damaligen Königreich Italien und der Automobilisierung des Landes. Mit dem Gesetz Nr. 1094, das der Schaffung einer speziellen Behörde für die staatliche Verwaltung und Instandhaltung des Strassenwesens diente. Die damalige „Azienda Autonoma Statale della Strada“ (A.A.S.S.) verewaltete 137 Verkehrsadern. Komplett fertig war die SS16 dann 1937 (als man ihr das letzte Stück der geplanten Route von Maglie im Salento nach Santa Maria di Leuca wieder nahm und daraus die SS275 wurde), die letzte Etappe führt von Maglie in Richtung Osten nach Otranto.

Nach dem zweiten Weltkrieg und der Gründung der Republik Italien wurde am 27.6.1946 die Nachfolgeorganisation „Azienda Nazionale Autonoma delle Strade“ (A.N.A.S.) gegründet. Vielleicht bist Du auf einer Reise durch Italien an einem dieser kleinen Häuser mit der typischen dunkelroten Farbe vorbei gefahren, die immer noch im ganzen Land am Straßenrand stehen. An der Vorderseite beschriftet mit „A.N.A.S. Casa Catoniera“, einer Nummer, einem Ort und einer Kilometerangabe. Aus der Zeit zwischen 1946 und 1996 stammen all die größeren und kleinen Straßenwärter-Häuser, die über alle italienischen Staatsstrassen verteilt in der Landschaft stehen, teils liebevoll renoviert, teils als Wohnhäuser umgebaut und teils verlassen und verfallen.

Ein Casa Cantoniera der ANAS

Übrigens: Der Name blieb, die Organisationsform änderte sich. Im Jahr 1996 wurde die A.N.A.S. von einer autonomen Behörde in eine öffentliche Wirtschaftseinrichtung umgewandelt. Im Dezember 2002 wurde die A.N.A.S. in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, deren alleiniger Gesellschafter das Ministerium für Wirtschaft und Finanzen war. Seit 2007 war die A.N.A.S. eine Holding mit zur Gruppe gehörenden Beteiligungsgesellschaften und Konzessionsgesellschaften, die gemeinsam mit den Gebietskörperschaften und anderen Interessengruppen den Bau und den Betrieb wichtiger Verkehrsinfrastrukturen betreuen. Im Januar 2018 wurde die gesamte Beteiligung an A.N.A.S. an die Ferrovie dello Stato Italiane, die staatliche italienische Eiesenbahngesellschaft übertragen. Deshalb ist heute die Italienische Bahn dafür zuständig, einen Teil des Strassennetzes zu warten und auszubauen.

Von Nord nach Süd

Die SS16 Adriatica führt oft mitten durch die Orte

Nicht überall ist die SS16 auch wirklich die „Adriatica“, die sie dem Namen nach ist. Von Padua bis Cervia verläuft die Strasse im Landesinneren und nähert sich mit südöstlichem Verlauf der Adria. Erst zwischen Cervia und Cesenatico führt die SS16 dann an der Küste entlang. Bei Falconara vor Ancona verlässt die SS16 die Küste und führt um Ancona und den Naturpark des Monte Conero herum durch das Landesinnere, um erst wieder bei Porto Recanati auf die Küste zu treffen. Bei Marina die Chieuti vor dem Lago di Lesino, bereits in Apulien, dreht der Strassenverlauf wieder weg vom Meer und führt den Gargano umgehend nach Foggia. Von da ab geht es erst nach Barletta wieder an die Adria zurück. Bis Brindisi bleibt die „Adriatica“ dann ihrem Namen wieder treu und führt dann durch das Innere des Salento nach Maglie, um dann für das letzte Stück in Richtung Otranto nach Osten abzubiegen.

Für alle, die es genau wissen wollen oder nachsehen wollen, ob Sie schon auf der SS16 unterwegs waren, hier von Nord nach Süd die größeren Orte im Verlauf:

  • Monselice
  • Rovigo
  • Ferrara
  • Ravenna
  • Cesenatico
  • Rimini
  • Cattolica
  • Pesaro
  • Fano
  • Senigallia
  • Ancona
  • Porto Recanati
  • Civitanova Marche
  • Grottamare
  • San Benedetto del Tronto
  • Alba Adriatica
  • Giulianova
  • Pescara
  • Ortona
  • Vasto
  • Termoli
  • Campo Marino
  • San Severo
  • Foggia
  • Cerignola
  • Barletta
  • Trani
  • Bari
  • Polignano a Mare
  • Mola di Bari
  • Monopoli
  • Brindisi
  • Fasano
  • Lecce
  • Maglie
  • Otranto

Zusätzlich tragen noch einige sogenannte „Varianten“, also zusätzliche Verläufe der Strasse als Abzweigung, Ergänzung oder Anbindung die Nummer 16. Ein Beispiel dafür ist dei SS16bis von Pescara nach Spoltore.

Die SS16 Adriatica ausgebaut als Superstrada in Apulien

Nicht nur Autos

Was mich immer wieder verwundert: wie viele Radlerinnen und Radler auf der Strasse unterwegs sind. Klar ist die SS16 interessant, aber es gibt eine ganze Menge von Strassen, die landschaftlich schöner, fahrerisch herausfordernder und weniger befahren sind. Und obwohl auf diesen Strecken auch viele mit dem Rad unterwegs sind (ich bewundere Leute, die sich unmotorisiert zur Forca di Presta hochquälen oder mit dem Rad in weniger als einer Stunde von Figline Valdarno nach Greve fahren), gibt es genügend Radfahrerinnen und Radfahrer die, meist in Gruppen und mit einheitlichen Trikots, auf der SS16 unterwegs sind. Wer die Niederländer für das Volk der Radfahrer hält, sollte in Italien Urlaub machen!

Bis zur nächsten Fahrt…

Ich bin viele Strassen in Italien gefahren, numerisch beginnend mit der SS1 „Aurelia“ im Westen und viele andere, von Autobahnen bis zu kleinen Gassen, bei denen meine Frau Angst um die Außenspiegel hatte. Aber aus irgendeinem Grund habe ich ein besonderes Verhältnis zur „Adriatica“. Vielleicht, weil Sie Dich auf einer Strasse durch so viele verschiedene Regionen und Kulturen führt. Wenn ich eines in den Zeiten südlich der Alpen gelernt habe, dann dass es „Italien“ so nicht gibt. Italien ist ein politisches Konstrukt. Was es in Wirklichkeit gibt, sind historisch gewachsene Regionen, Traditionen, Stolz und Wunden aus der Geschichte und die Gewissheit, dass „la terra nostra“ immer die beste Gegend ist, für was auch immer dort gedeiht. So vielfältig und interessant wie ganz Italien ist auch die Fahrt von der Po-Ebene fast bis ans südliche Ende des Salento.

Tags: travel italia

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