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Ten years after — Entdeckungen zu Datenschutz und digitaler Bildung

 

Ich habe letzte Woche mein Archiv auf dem NAS entrümpelt. Neben einigen Stücken Quellcode, über die wir hier den Mantel des Schweigens breiten wollen, bin ich auch auf einen Post aus einem längst vergangenen Blog gestoßen. Den nachfolgenden Text habe ich vor ziemlich exakt 10 Jahren (!) geschrieben. Das zeigt meiner Meinung nach sehr schön, wie sehr sich die aktuellen Diskussionen hinsichtlich Datenschutz und digitaler/zeitgemäßer/insert-your-favorite-adjective Bildung im Kreis drehen.

Ich gebe zu, es sind gegenüber 2008 Fortschritte zu beobachten, die breite Masse der Schüler wartet aber seit einem Jahrzehnt immer noch darauf, dass die Diskussionen enden und der Unterricht beginnt …

Hinweis: das sind die originalen Links, keine Garantie dafür, dass noch alles online ist.

Hamlet, 1, 4 – Marcellus …

Something is rotten in the state of Denmark.

Ich hätte den Post auch mit “though this be madness, yet there is method in it” beginnen können. Warum? Ich vermisse bei der ganzen, mehr oder weniger intelligent geführten Diskussion um die Datenskandale (als wären Adress- und Datenhändler eine Erfindung der letzten drei Monate) einen Aspekt, der mir persönlich wichtig erscheint: die Rolle der Bildung in dieser ganzen Geschichte. Das gewisse Kreise in unserer Gesellschaft gar kein Interesse an einem mündigen, informierten Bürger haben, steht ausser Frage. Bleibt also nur die ja auch von der Politik oft beschworene Eigeninitiative im Bereich lebenslanges Lernen. Obwohl langsam eine Diskussion über notwendige Konsequenzen aus den letzten Ereignissen einsetzt, sind auch in der Blogosphäre kaum Kommentare über die Rolle der Erziehung und Medienkompetenz zur Vermeidung von ungebremster Datensammelei zu finden.

Sicher, es wird immer eine Menge von Leuten geben, denen man mit der Versprechung von Geld, Autos, Sex oder Geld und Sex in Autos ;-) alle möglichen Daten aus der Nase ziehen kann. Dennoch findet das Thema Identitätsmanagement viel zu wenig statt, schon gar nicht in den meisten Schulen, in denen ein kleiner Prozentsatz enthusiastischer Pädagogen gegen die träge Mehrheit ankämpft. Woher will man die Problematik auch kennen, wenn “Online-Shopping” das Bestellen eines Kataloges nach einem Werbespot im TV bedeutet? Der erstgenannte Prozentsatz wird dann durch Lehrpläne ausgebremst, die Medienkompetenz und sicheren Umgang mit Zukunftstechnologien mit dem Beherrschen des marktführenden Office-Softwarepakets gleichsetzen. Umso mehr gilt mein Respekt dem Häufchen der unbeirrten Engagierten, die einem (nicht nur in Fächern wie IT) noch Jahrzehnte nach der Schule im Gedächtnis bleiben. Nur als Disclaimer, bevor sich jemand unnötig aufregen muss: ich weiß, wovon ich schreibe, meine erste Fortbildungsveranstaltung für Lehrer habe ich 1985 gehalten.

Umso mehr liegt die Verantwortung bei uns allen. Bei den Digerati ebenso wie bei den Eltern, Erziehern und all jenen, denen etwas an unserer Bildung liegt. Wer keine Ahnung hat, was man mit Software und personenbezogenen Daten anstellen kann, macht sich auch keine Sorgen. Eine Verteufelung der Onlinegesellschaft und des elektronischen Handels erinnert stark an die bilderstürmerischen Tendenzen zu Beginn der Schrift, des Buchdrucks, des Radios, des Fernsehens — Sie wissen, was ich meine …

Die digitale Kultur erfordert neues Wissen, neue Techniken und Fertigkeiten und die sollten vermittelt werden. Was auf den Lehrplan in Schulen gehört, ist weniger “Wolken-IT” und “Office”, sondern ein grundlegendes Handwerkszeug, ein digitales Überlebenspaket für das 21. Jahrhundert. Der Umgang mit der eigenen Identität und den eigenen Daten muss gelernt sein. Insofern finde ich den radikalen Ansatz, den Handel mit personenbezogenen oder Adressdaten komplett zu verbieten und dies nur durch die jeweiligen Menschen zugestatten, zwar interessant und ehrenwert, aber im Ergebnis als nicht zielführend. Denn wie oben bereits beschrieben würde das Karl Couchkartoffel auch nicht davon abhalten, für einen vermeintlichen Vorteil sein Einverständnis zu geben.

Daher bleibt als Erkenntnis neben dem “datentechnischen Teilrückzug”, den in Art und Umfang jeder für sich selbst ausmachen muss, nur die bestmögliche Wissensverbreitung um die Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren der modernen Welt. Gerade hat sich wieder ein bayerischer Politiker damit gebrüstet, dass bayerische Schüler im Lesen, Schreiben und Rechnen an der Spitze stehen (nebenbei, wieso tut er das und nicht die Schüler, die diese Leistungen erbringen?) — das, meine Herren Politiker, reicht nicht aus. In einer Zeit, in der die letzte Mondlandung fast 40 Jahre her ist und der LHC fertig ist, sind Kulturtechniken aus den vergangenen Jahrhunderten etwas wenig …

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