BYOD or not to BYOD

To byod or not to byod, that is the question:
Wether ‘tis nobler in the mind to suffer
The blue screens and updates of outrageous systems,
Or to take arms against a sea of hardware,
And by opposing unify them.

IT-Hardware im Alltag der Schule. Der Barde hätte wahrlich seine Freude an dieser Aufführung gehabt. Ein Dilemma gar, unlösbar und doch täglich’ Qual für das Volk von Pädagogen, die kabelschwingend Softwareflüche schleudern, die Hardware-Hydra bannend und sich der Updates müde am Abend auf Twitter dann erzählen, wie einfach früher doch die Taschenrechnerei gewesen …

Aber genug der guten (oben) und der schlechten (darunter) Dichtung über ein Thema, dass im Zuge der leidvoll langen Diskussion um den digitalen Bildungspakt gerade wieder an Bedeutung gewinnt.

Ich habe einen begünstigten Blick auf diese Diskussion. Ich bin Vater und Elternvertreter, einer, der beruflich (nein, es ist kein Beruf – es ist eine Berufung, für die ich bezahlt werde 😄) seit über 30 Jahre in allen möglichen Bereichen der IT unterwegs ist. Ich habe über die Jahre vieles an Entwicklung, Moden und Erfahrungen erlebt und darf jetzt auf Twitter an vielen interessanten Gedanken der Lehrerschaft teilhaben.

Grundlegende Gedanken

Ich habe mir bereits länger Gedanken zum Bereich Hardware//BYOD/Klasenzimmer-Hubs gemacht, da ich an einer Idee brüte (die später in ein Projekt und ein paar Blog-Posts münden wird). Heute hat mich jemand auf Twitter aufgefordert, meine Gedanken mitzuteilen.

Der Tweet von Michael Graf

Zum Hintergrund: die Diskussion, wer für die Betreuung der Hardware- und Softwarelandschaft zuständig sein sollte, ist eine alte. Aktuell leisten die Systembetreuung Mitglieder des Kollegiums, die dafür entsprechende Ausgleichsstunden erhalten. Unabhängig von der (durchaus berechtigten) Diskussion um die Anzahl dieser Stunden möchte ich meine Gedanken aus einer anderen Perspektive entwickeln.

Der Betrieb der IT-Landschaft an einer Schule ähnelt bis zu einem gewissen Grad dem Betrieb jeder anderen IT-Infrastruktur und lässt sich grob in folgende Bereiche gliedern:

  • Organisation
  • Technik
  • Training

Logisch gesehen bauen diese drei Bereiche auch aufeinander auf. Organisation bedeutet hier die Planung, Auswahl und Beschaffung der Infrastruktur anhand der Anforderungen sowie die Organisation der Dokumentation und die planerische Weiterentwicklung im Rahmen einer IT-Strategie. Technik beinhaltet die Sicherstellung des reibungsfreien Betriebs (Monitoring, Wartung, Fehlerbehebung und Hotline), während Training die Vermittlung benötigter Konzepte und Kompetenzen sowie die Aufzeigen des optimalen Einsatzes bedeutet. Im schulischen Bereich ist das der pädagogische Part. Das diese Aufteilung nicht ganz am System Schule vorbei geht, zeigt auch beispielsweise dieses Dokument der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen. Wichtig ist an dieser Stelle der Zusatz «anhand der Anforderungen«: ganz gleich ob Schule, Behörden oder Wirtschaft: ich muss erst wissen, was ich warum erreichen will, bevor ich anfange, Berge von Hardware und Gigabytes an Software anzuschaffen.

Steht eine Infrastruktur, stellt sich spätestens dann unweigerlich die Frage nach der Betreuung. Diese über die Lebenszeit des Systems sicherzustellen ist der größte Teil der Gesamtkosten des Systems. Einmal 500 für ein Tablet oder einen Rechner aufzutreiben oder auszugeben, das ist nicht das Problem. Diesen über einige Jahre auf dem aktuellen Stand zu halten, Software zu aktualisieren, Nutzungsmöglichkeiten zu finden und zu vermitteln, bei Problemen schnell eine Lösung zu haben, das sind die Kostentreiber. Diese sieht man auch nicht bzw. lässt sich damit kein eindrucksvolles Foto für die lokale Presse schießen. Netzwerk-Verkabelungen, aktive Netzwerkgeräte wie Router, Firewalls oder Access Points sind ebenso langweilige wie essentielle Komponenten für einen problemlosen Betrieb.

Systembetreuer 2.0?

Fragt sich nun, wie die Pädagogen an dieser Stelle ins Spiel kommen. Meiner Meinung nach im Bereich der Betreuung überhaupt nicht. Das ist auch der Grund, warum Pädagogen eben Pädagogen genannt werden und nicht Systemadministratoren oder Netzwerk-Ingenieure. 😏 Natürlich ist das jetzige System «historisch gewachsen» und ironischerweise kann es sein, dass gerade die Pioniere eines Computereinsatzes in der Schule manchmal zu den Bremsern werden. Jahrelang haben sie mit großem Einsatz und Engagement das Schulnetz aufgebaut, betreut und weiter entwickelt, Computerräume aufgebaut, Fehler behoben und Kollegen begeistert und dann kommt der Tag, an dem das Schlagwort «BYOD» (Bring Your Own Device) in den Raum geworfen wird. Keine Betreuung mehr notwendig – alle Schüler haben nur noch Tablets oder Smartphones. Alles, was noch benötigt wird, ist eine stabile und schnelle Infrastruktur für WLAN in jedem Raum und eine sichere Netzwerkgrenze. Und nun?

Bedingt durch organisatorische Eigenschaften des Bildungssystems zeigt sich eine gewisse Latenz bei der Berücksichtigung sowohl technischer als auch sozialer Entwicklungen. Zeugnisse davon legt jeder dieser «Computerräume» in einer Schule ab – niemand wird in der heutigen Zeit noch einen Bereich der Lebens- und Arbeitswelt nennen können, der nicht von Computern beeinflusst wurde. Muss damit nicht jeder Lernraum auch «Computerraum» sein? Unaufdringlich und bei Bedarf nutzbar, wie alle anderen Möglichkeiten auch? Der Autor selbst hat die Segnungen des «Sprachlabor-Hypes» am eigenen Leib erfahren dürfen – wie viele Sprachlabore werden heute noch eingerichtet? Mehr soll zu diesem Thema auch gar nicht gesagt werden.

«Internet» und «Online» – das bedeutet heute für 90% der Bevölkerung (und nicht nur für die Schülerinnen und Schüler) das Smartphone oder (seltener) ein Tablet. Ja, ich höre Ihren Aufschrei (»was ist mit Textverarbeitung, Tastschreiben, Tabellenkalkulation?»), dazu komme ich gleich. Eine originäre Aufgabe der Schule ist die Vorbereitung ihrer «Kunden» (Schülerinnen und Schüler) auf die Lebens-, Bildungs- und Arbeitswelt. Da diese mittlerweile durchdrungen ist vom Internet, dem Web, den Smartphones und einer weltweiten, mehr oder weniger in Echtzeit stattfindenden Kommunikation und Dokumentation, bleibt dem System Schule meiner Meinung nach gar nichts anderes übrig, als den Fokus hierauf zu setzen. Nahezu jeder Jugendliche ab einem Alter von ca. 12 Jahren besitzt heute ein Smartphone. Damit wird in der Schule in der Tat nur noch eine Zugangsmöglichkeit per WLAN in einem Lernraum benötigt.

Üblicherweise tauchen dann folgende Argumente auf:

  • «aber die sozial Benachteiligten«
    Dies lässt sich einfach dadurch lösen, dass eine Schule einen Smartphone-Pool anlegt (frei werdende Geräte bei Vertragswechsel des Kollegiums oder engagierter Eltern, lokales Sponsoring, ältere Geräte der SuS, etc.). So lässt sich in der Tat jeder mit einem Smartphone für den Unterricht ausstatten, sollte es keine Klassensätze an Tablets geben.
  • «es gibt so viele verschiedene Geräte«
    Theoretisch ja, in der Praxis gibt es zwei: iOS und Android, alles andere ist vernachlässigbares «ferner liefen». Dazu kommt ein anderer Punkt, bei sich das pädagogische Personal eine gewisse «App-Verliebtheit» vorhalten lassen muss: moderne Software läuft in einem modernen Browser webbasiert und nicht als proprietäre App. Nötigenfalls muss hier der Entwicklungsdruck in Richtung plattformneutrale Anwendungen im Browser erhöht werden.
  • «was ist mit Textverarbeitung, Tastschreiben, Tabellenkalkulation?
    Ich hatte weiter oben ja versprochen, diesen Punkt zu behandeln. Ja, natürlich sind später (egal ob Studium oder Beruf) noch genügend Desktop-Anwendungen vorhanden (bestes Beispiel sind die üblichen Verdächtigen aus dem Office-Bereich). Auch hier lässt sich der Administrationsaufwand radikal vereinfachen, wenn man bereit ist, aus den Erfahrungen der Wirtschaft zu lernen: Virtualisierung, Zentralisierung und ThinClients. Eine detaillierte Ausführung würde an dieser Stelle zu weit führen, aber: kein Rechner, sondern ein «dünner Client», der nur dazu dient, einen virtuellen Desktop anzeigen, der zentral auf einem Server ausgeführt wird.
  • «wer betreut dann die persönlichen Smartphones bei Problemen«
    dies ist das interessanteste Argument der Liste, zu dem ich eine ebenso interessante Meinung habe: wenn die verwendete Software sich zum größten Teil über den Browser abbilden lässt (mit ggf. wenigen Apps, die über einen der beiden AppStores verteilt werden), dann beschränkt sich die notwendige Funktionalität erst einmal auf die WLAN-Verbindung und den Browser. Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass die Kompetenz, ein Smartphone nicht nur bedienen, sondern auch in Grenzen (neue WLAN-Verbindung, ausschließende Fehlersuche, etc.) konfigurieren zu können, eben einer die für die Zukunft notwendigen Kompetenzen ist, die Schülerinnen und Schülern während ihrer Schulkarriere vermittelt werden sollte. So wie SuS heute auch den Umgang mit Mitmenschen, Büchern, Sportgeräten und Kontenplänen oder Literaturverzeichnissen lernen. Dass dazu ein ganz anderes Kompetenzniveau des Lehrpersonals notwendig ist, versteht sich von selbst.

Da ich in diesem Blogpost die Freiheit der «grünen Wiese» habe, hier meine Vorstellung, wie ein verwaltbares System einer IT-Landschaft in der Schule aussehen könnte:

Virtuelle Desktop

Es gibt keine Laptops, Desktops oder anderen normale PCs, sondern nur sog. «ThinClients», die einen virtuellen Desktop zur Verfügung stellen (Stichwort Citrix), der zentral auf einem oder mehreren Servern verwaltet wird. Hier existiert ein definiertes Set an installierten Anwendungen, die im Rahmen einer sauberen organisatorischen Planung bei Bedarf weiter entwickelt werden.

Stabile WLAN-Infrastruktur

Es gibt überall im Schulgebäude WLAN, idealerweise mit getrennten virtuellen Netzen und AccessPoints pro Klassenraum, die eine netzwerktechnische Infrastruktur zur Verfügung stellen.

BYST bzw. BYOD

Primäre Geräte für Schülerinnen und Schüler sind entweder Tablets (BYST, bring you schools tablet) oder eigene Smartphones/Tablets (BYOD, bring you own device). Die SuS haben in der Schule die entsprechenden Fähigkeiten vermittelt bekommen, diese Geräte funktionsfähig zu halten. Bei akuten Problemen oder dem Fehlen eines Gerätes steht ein schuleigener Pool zur Verfügung.

Zentrales Geräte-Management für Schul-Hardware

Ebenso wie ein zentralisiertes Management der evtl. vorhandenen Desktop-Applikationen existiert ein zentrales Mobile Device Management für die mobilen Geräte der Schule. Bei einer konsequenten Ausrichtung dieser Art lässt sich die hard- und softwaretechnische Variabilität der Infrastruktur auf ein Minimum beschränken (es gibt schlicht lokal nicht zu installieren oder zu aktualisieren), bei akuten Problemen mit einem Gerät gibt es einen fertig konfigurierten Ersatz-Pool.

Klare Aufgabentrennung

Es gibt eine klare Trennung der Aufgaben von pädagogischem Personal (Definition der Anforderungen, organisatorische Weiterentwicklung, Fortbildungen) und Betrieb der IT-Infrastruktur. Hierfür ist keine pädagogische Ausbildung notwendig, sondern technische Expertise.

Es existiert ein klares, schulweit definiertes Set an Anwendungen und Apps. Experimente, das Testen neuer Anwendungen etc. sind nach wie vor auf entsprechenden Lehrpersonal-Geräten möglich.

Systembetreuer-Pool

Die technische Betreuung erfolgt über einen Pool von geschulten Systembetreuern, die jeweils die Schulen eines Sachaufwandsträgers betreuen, evtl. über Kooperationen sogar die von mehr als einem. Es existiert eine Hotline und eine Betreuung mit klar definierten SLAs (service level agreements), so dass der Betreuungseinsatz auch im Fehlerfall planbar ist. Pro Schule gibt es kanalisiert eine Ansprechpartner-Rolle, die jederzeit von mind. zwei Personen geleistet werden kann (kein single point of failure). Für Fragen im Bereich der Anwendung der Anwendungen oder nicht-pädagogischen Konzepten steht eine entsprechende Hotline zur Verfügung, die über ein von jeder Schule nutzbares Ticketsystem auch eine transparente Dokumentation und Nachverfolgung über Personen hinweg erlaubt.

Und was kostet der Spaß?

Ja, Michael Graf hat Recht, wenn er schreibt: «Es wird nicht genug Personen geben, die das leisten können, aber für E8 arbeiten wollen.» – wie überall gilt auch hier das Gesetz von John Ruskin:

Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen kann und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Menschen.
Es ist unklug, zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann.
Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten. Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas hinzurechnen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas besseres zu bezahlen.

Schon aus diesem Grund macht es keinen Sinn, entsprechendes Know-How vorzuhalten und dann nur an einer Schule einzusetzen. Wie überall in der IT wird es auch in einem solchen System passieren, dass sich Erkenntnisse proaktiv von einem Ort auf einen anderen übertragen lassen. Wie überall in der IT macht es Sinn, Hotline-Kapazität und «Kundenbetreuung» zu bündeln, um so bessre Reaktionen zu bieten. Wie überall zeit sich der Netzwerkeffekt solcher Betreuung erst bei mehreren Schulen. Dann allerdings sollte auch das Budget für eine professionelle Betreuung vorhanden sein.

Kein Mensch käme auf den absurden Gedanken, bei einem Problem mit dem zentralen Heizungssystem einer Schule eine Lehrerin oder einen Lehrer mit Werkzeug bewaffnet in den Heizungsraum zu schicken, weil er das auch privat als Hobby macht oder sich einfach engagieren möchte. Im Bereich der Schul-IT ist dies immer noch eine völlig valide Einstellung. Es wird meiner Meinung nach Zeit für das System Schule, in diesem Bereich wirklich Vorbereitung auf die Lebens- und Arbeitswelt zu betreiben und dies nicht nur für Schülerinnen und Schüler, sondern auch für Lehrerinnen und Lehrer. Diese haben dann nämlich Zeit, das zu tun, was für unsere Kinder wesentlich mehr bringt: einen zeitgemäßen Unterricht zu halten, mit der pädagogisch besten Mischung aus Arbeitsmitteln und Medien. So wie jemand den Wasserhahn in einer Schule aufdreht und sicher sein kann, dass da sauberes Wasser kommt und im Problemfall professionelle Abhilfe geschaffen wird. IT ist Infrastruktur.

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