Der OHP – das ewige Meme

Mitte der Woche postete Dejan Mihajlović im Rahmen der #10YearChallenge (einer der immer wieder durch die sozialen Medien schwappenden Spaß-Ideen: man poste zwei Bilder im Abstand von 10 Jahren) folgendes Bild:

OHP bei der 10Yrs-Challenge

 

Thread oder Tweet, Hauptsache Twitter1

Interessant ist der sich nach dem Tweet entwickelnde Thread. Natürlich konnte ich nicht einfach still mitlesen, sondern gab nach ungefähr den ersten hundert Antworten folgenden Kommentar ab:

Dieser Tweet2 zeigt wunderbar die Tool-Orientierung vieler Leute. Dass schlechter LuL auch volldigitalisiert schlecht sind und gute auf der Waldlichtung ohne OHP guten Unterricht machen, geht wieder komplett unter.
Und wie beim Fußball: 80 Mio Experten. :-)

Schreiben wollte ich: «Dieser Thread zeigt…», weil ich mich explizit auf die Diskussion darunter bezog, weshalb auch der Kommentar mit den 80 Millionen Experten dazu kam. Naja, wenn man Unsinn schreibt, weil man nicht weiß, wo man sich im Englisch-Lexikon bei «T» befindet, muss man es auch aushalten. Das ist aber nicht der eigentlich Grund für den Blogpost. Mit fiel dabei nur wieder auf, wie wichtig es ist, dass alle an einer Diskussion Beteiligten über die gleichen Dinge sprechen oder schreiben. Deutlich machte mir das die Antwort von Christian Mayr:

Der Tweet von Christian Mayr

 

Die digitale Dreifaltigkeit

Was meine ich damit? Zu einen, dass der im Bildungsbereich wie außerhalb davon genutzte Begriff der «Digitalisierung» eigentlich drei Dinge beschreibt:

  • Die Lehrenden-Perspektive: Digitale Tools im Unterricht und digitale Schulentwicklung
  • Die Lernenden-Perspektive: Kompetenzen für die digitale Welt und digitale Souveränität
  • Die Gesellschafts-Perspektive: Transformation durch die Digitalität und Techné

Diskussionen von Lehrerinnen und Lehrern auf Twitter drehen sich naturgemäß oft um den ersten Punkt. Dies war (wie die Antworten auf den Tweet von Dejan auch zeigen) auch der Hintergrund meiner Antwort. Sehr oft lese ich Fragen nach Einsatzmöglichkeiten eines bestimmten Tools (das berühmt-berüchtigte Kahoot! soll hier nur als ein Beispiel dienen). Oder es wird in der anderen Richtung gefragt, welche Tools für einen bestimmten Einsatzzweck (z.B. Apps für Stop-Motion-Filme) in Frage kommen.

Der zweite Punkt ist der, an dem nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern indirekt auch Eltern interessiert sind, die für ihr Kind eine Ausbildung erwarten, mit der es eine digitale Mündigkeit erhält. Hier beginnen sich schon Unterschiede in der Erwartungshaltung zu zeigen, die sich auch in Diskussionen äußern, welche Inhalte vermittelt oder auch nicht vermittelt werden. Welche Relevanz dieser Punkt hat, zeigt die im Januar 2019 in der Öffentlichkeit heiß diskutierte Veröffentlichung großer Mengen personenbezogener Daten oder die jährliche Hitliste der (schlechten) Passwörter.

Die dritte Perspektive ist einer, der sich kein Mitglied der Gesellschaft verschließen kann, da Automatisierung, Computereinsatz, Algorithmen und Netzwerke mittlerweile alle Bereiche durchdringen. Daher betrifft das sowohl das Bildungssystem und die Schule über die Bildungspolitik als auch die Schulabgänger, die in Beruf oder Studium starten und Berufe haben werden, die heute noch nicht einmal existieren. Hier liegen auch die Voraussetzungen, die Christian Mayr für die Schulentwicklung anspricht.

Meiner Meinung nach ist in der aktuellen Diskussion eine zu deutliche Betonung der ersten Perspektive zu beobachten. Natürlich sind Ausstattungen und Schulentwicklung wichtig, aber als jemand, der in der Wirtschaft sozusagen «Endkunde» des Systems Schule ist sowie als Vater einer Teenager-Tochter sehe ich die beiden anderen Punkte nicht mit der gleichen Intensität behandelt. Das ist sicherlich mein subjektiver Eindruck (Sie wissen schon, Samplegröße 1 😄) und ich freue mich, wenn ich das anders sehe. Aber solange im IT-Unterricht an Realschulen «Tastschreiben» gelehrt wird, Prinzipien wie Trennung von Inhalt und Layout oder die Wahl guter Passwörter (und wieso diese gut sind) nicht oder kaum vorkommen, bin ich glaube nicht der Einzige, dem das so geht.

Was hat das nun mit dem OHP zu tun?

Zum Schluss zurück zum Bannerbild. Der arme Overheadprojektor muss (zusammen mit der Kreidetafel) immer als Symbolbild dafür herhalten, wie veraltet das System Schule ist. Natürlich ist das auch ein dankbares Bild, da es jede und jeder als ehemaliger Schüler kennt und diese Dinger wirklich schon alt sind. Technik und vor allem digitale und vernetzte wie Smartphone, Computer und Internet sind aber nicht nur gesellschaftliche, sondern auch pädagogische und didaktische «Kontrastverstärker». Weniger gute LuL werden weniger gut, gute LuL werden durch entsprechende Tools noch besser. Aber diese Tools muss ich kennen und beherrschen. Natürlich ist es «hip», überall QR-Codes zu verwenden. Wenn ich aber in digitalen Medien oder auf Webseiten einen QR-Code sehe (ohne einen entsprechenden normalen Hyperlink dazu), dann hat jemand das Prinzip nicht verstanden. Ebenso wenig bringt es beispielsweise, vehement die Abschaltung der Standortbestimmung für das Smartphone zu fordern, wenn man mit dem Auto unterwegs ist, um Google nicht erlauben, festzustellen wo man ist. Wenn vor und hinter mir ein halbes Dutzend Fahrzeuge in der gleichen Funkzelle eingebucht sind wie ich und ungefähr die gleiche Signalstärke haben, wo werde ich dann wohl stecken? Das gleiche gilt für LuL, die von Schülerinnen und Schülern fordern, für Referate nur Bilder mit einer CC0-Lizenz zu nutzen, weil sie irgendwann mal gehört haben, dass CC0 gut ist, anstatt sich die Grundlagen von Bildlizenzen anzueignen.

Insofern haben alle LuL meine Unterstützung, die wie Christian Mayr unermüdlich an der Entwicklung hin zu einem modernen, zeitgemäßen Unterricht mit entsprechenden Werkzeugen arbeiten und ich verstehe, dass es frustriert, wenn die Infrastruktur tatsächlich aus dem OHP besteht. Kein Lehrperson an einer Schule sollte beispielsweise auch das eigene Arbeitsmittel Tablet oder PC selbst kaufen müssen. Dennoch hoffe ich, dass ich etwas verdeutlichen konnte, dass sich digital relevanter Konzepte auch ohne Hardware erklären lassen. Wer einmal gesehen hat, wie in einer Schultheater-Vorführung DNS erklärt wurde oder Datenstrukturen mit Kästchen und Wollfäden visualisiert hat, hat das Konzept auch ohne digitale Tools verstanden. Das bedeutet explizit nicht ein Gegeneinander, sondern ein Plädoyer für beides! Nur weil ich mit Schlageisen und Zunder Feuer machen kann, muss ich das 2019 nicht tun. 😄

Zum Ende noch eine unkonventionelle Nutzung eines OHP, die meine Argumente aber sehr klar macht. Es ist übrigens sehr zu empfehlen, das komplette Video anzusehen! Mikko Hypponen – fighting viruses, defending the net


  1. Ja, ich spiele auf das legendäre Zitat von Andy Möller an (»Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!»), an das er sich laut Interview 2012 nicht mehr erinnern kann.
  2. Je genau, gut mitgelesen. Genau hier hätte «Thread» stehen sollen. Aber was schreibt man nicht alles mit zuwenig Kaffee…
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