Grafik-Dateien: Know-How und Aufruhr

Twitter ist manchmal faszinierend. Da versuchst Du, mit einem detailliert geplanten Tweet, an dem Du eine halbe Stunde herum formuliert hast, eine Reaktion zu erreichen und das Ergebnis?

Tumbleweed tumbles along the road

Nichts. Nada. Zilch. Niente. Das Leid des kleinen Twitterers…

Auf der anderen Seite schreibst Du ohne großes Nachdenken einen «rant tweet», nachdem Du wieder mal der hauseigene Help-Desk warst und am nächsten Morgen – bäm! – jede Menge Feedback:

Mein tweet zu Grafikdatei-Kompetenz

Im Verlauf des Threads habe ich Basti Hirsch, dem @Cervus auf Twitter für heute Abend eine Antwort versprochen. Dann kann ich auch gleich einen Blogpost draus machen, ich komme in letzte Zeit sowieso viel zu selten zum Schreiben. ;-)

Er antwortete mir:

In wie vielen Branchen braucht man dieses Wissen wirklich? Warum ist es deiner Meinung nach nicht ausreichend, es in den entsprechenden Ausbildungen. Studiengängen, Fortbildungen oder privat zu erlernen?
Link zum Tweet

Ich möchte gerne «am anderen Ende» beginnen, den Schülerinnen und Schülern. Schule hat zwei Aufgaben: die Persönlichkeitsbildung der Kinder und die Vorbereitung auf die Lebenswelt nach der Schule. Die Gewichtung der beiden Schwerpunkte schwankt im Verlauf der Geschichte, letztendlich war die allgemeine Schulpflicht eine Reaktion auf die Anforderungen der Zeit an die Staaten. Heute wird gerne der Aspekt der Persönlichkeitsbildung betont. Immer allerdings muss klar sein, dass die Kinder das Recht auf Unterstützung ihrer Persönlichkeitsbildung, einer Vorbereitung der Lebens- und Arbeitswelt und die Ausrichtung an der Zukunft und nicht an der Vergangenheit haben.

In den Antworten auf meinen Tweet haben einige Lehrkräfte eine «interessante» Einstellung gezeigt, was die Aufgaben der Schule angeht:

Nicht können oder wollen ist entscheidend. Da gibt es Vorgaben und Rahmenbedingungen. Schule ist kein Zuarbeiter für da „draußen“.

Genau das ist der Punkt. Schule ist Zuarbeiter für «da draußen». Wenn Schule nicht auf das «draußen» vorbereitet und Kindern ermöglicht, souveräne Entscheidungen zu treffen bzw. auf mögliche Problemfelder außerhalb des sicheren Umfelds der Schule hinweist, wozu dient Schule dann? Als Selbstbeschäftigung? Schule ist eben kein Selbstzweck und exakt diese Aufgabe der Vorbereitung von Persönlichkeit und Bildung der Kinder auf das «draußen», nichts anderes. Ich habe das vor Kurzem in einem Vortrag so formuliert:

Schul/Aufgabe: Lernlust fördern, sonst nichts

Das mag manchen Lehrerinnen und Lehrern nicht gefallen und schnell ist man dem Vorwurf ausgesetzt, «der Wirtschaft» hinterher zu laufen oder der «Kommerzialisierung der Schule» Vorschub zu leisten. Das sind Strohmann-Argumente, denn viele Entwicklungen in Gesellschaft und technischer Zivilisation werden bewußt aus der Schule heraus gehalten, um sich nicht damit beschäftigen zu müssen. Diskussionen, die ich seit Mitte der 80er Jahre regelmäßig zum Thema Informationstechnologie führe, ist ein solches Beispiel. Digitale Transformation wurde nicht vom Bildungssystem «verschlafen», sondern Jahrzehnte lang aktiv verhindert. Standardargument (ebenfalls ein Antwort-Tweet):

Was. Denn. Noch. Und. Wann. Und. Womit.

Um damit wieder zum eigentlichen Thema des Tweets und zu Bastis Antwort zurück kommen, dem ich mit

Gegenfrage in der Zwischenzeit:
in wie vielen Branchen braucht man Versmaß und Gedichtanalyse? ;-)

antworte. Was ist denn nun wichtiger? Hölderlin oder Pixel und Metadaten?

Das impliziert, dass das Schulsystem nur Zeit für eines der beiden Themen hat. Natürlich ist mir vollkommen klar, dass es Themen gibt, die im Lehrplan als verpflichtend verankert sind, aber genau darum geht es mir. Ich hadere ja nicht mit all den engagierten LuL im Twitter-Lehrerzimmer, sondern mit denjenigen, die einen Prozess am Leben halten, bei dem buchstäblich Jahrzehnte ins Land gehen, bis sich Dinge in den Lehrplänen wieder finden. Mit denen, die die heilige Kuh des Lehrplans nicht kritisch überprüfen, verschlanken und an die Zeit anpassen und das derzeitige System so am Leben erhalten.

Wir leben in einer visuell geprägten Welt (aufgrund unserer evolutionären Entwicklung schon gar nicht anders möglich, der Mensch ist ein Augen-Tier und Muster-Erkenner). 99% oder mehr aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland besitzt nach dem Ende der Grundschule ab der 5. oder 6. Jahrgangsstufe ein Smartphone. Die Bewertung von Informationsquellen wird immer wichtiger. Jede Sekunde(!) werden ca. 90000 Videos allein auf YOuTube hochgeladen (Stand 2020, das entspricht etwa 61h Video). Das ist meine Antwort an Basti. Es geht nicht darum, in welchen Branchen dieses Wissen gebraucht wird. Es geht darum, dass ohne grundlegende Kenntnisse zu den Informationsströmen und Dateien, in denen diese Bilder in die Welt strömen, die Teilhabe an der Gesellschaft stark eingeschränkt ist. Ja, im Jahr 2021 sind Pixel und Metadaten wirklich wichtiger als Hölderlin, wenn jemand die Schule beendet.

Wie Basti schrieb:

Warum ist es deiner Meinung nach nicht ausreichend, es in den entsprechenden Ausbildungen. Studiengängen, Fortbildungen oder privat zu erlernen?

Genau das ist es, was derzeit durch interessierte oder in dieser Richtung privilegierte Schülerinnen und Schüler geschieht. Sie müssen es in der überwiegenden Zahl der Fälle auch so machen, weil die Lehrkräfte gar nicht die Kompetenz besitzen, es zu vermitteln. Gedichtanalyse? Easy. Den Unterschied zwischen JPG und PNG erklären oder zeigen, wie groß ein Bild für einen Ausdruck sein muß und warum? O lala…

An dieser Stelle ein kleiner Einschub: ich mag auch Gedichte (ich kann sogar welche auswendig, die ich als Erwachsener gelernt habe 😉). Ich brauche aber auch ein Beispiel. Wer also etwas anders lesen möchte, nehme das Tastschreiben, Boyle-Mariotte oder DIN5008 und Briefe(!), aber keine Erklärung, wie in Mails richtig zitiert wird. You get the point…

Meine mit Versmaß und Gedichtanalyse war also durchaus ernst gemeint. Warum können das interessierte Schülerinnen und Schüler nicht bei Interesse in Studiengängen, Fortbildungen oder privat lernen? Das Schulsystem nimmt sich oft viel zu wenig und dann wieder zu wichtig. Kein einziger Schüler wurde je nur mit dem Schulstoff in Musik professioneller Violinist oder nur mit dem Schulstoff in Kunst anerkannter Künstler oder nur mit dem Schulstoff in Deutsch Empfänger eines Literatur-Preises. Es ist immer Neugier, intrinsische Motivation und die Einsicht in das «Warum».

Schule soll kursorische Darstellung von Themenfeldern liefern und Neugier wecken, Optionen ermöglichen, mehr nicht. Das gilt allerdings für viele Themen. Bei allem Verständnis für einen «Kanon» sollte das Wohl der Schülerinnen und Schüler und der Nutzen der Inhalte für deren späteren Lebensweg im Vordergrund stehen. Hier sehe ich als Vater, in der Erwachsenenbildung Tätiger und als Beobachter digitaler Bildung seit über 30 Jahren deutliches Optimierungs-Potenzial für die Schule. Gerade das Warum und zeitinvariante Konzepte sind deutlich sinnvoller als Klickwissen und irgendwelche gerade hippen Apps. Farbmodelle, Farbräume und der Unterschied zwischen Vektoren und Pixeln ist so ein Beispiel für Konzepte aus der Frühzeit der Computer, die immer noch aktuell sind. Metadaten und Bilder und die Möglichkeiten der Manipulation gibt es seit dem Beginn der Fotografie, auch alles zeitinvariantes Wissen. Es mag sein, dass Lehrerinnen und Lehrer mangels Fortbildungsmöglichkeiten und jahrzehntelangen Versäumnissen ihrer Dienstherren hier kompetenztechnisch deutlich hinterher hinken, aber das kann nicht auf dem Rücken unserer Kinder ausgetragen werden.

Dazu kommt bei vielen Lehrkräften ein gewisses, nennen wir es mal «Unbehagen», zuzugeben, dass nicht alles gewusst wird. Das ist Wohl eine Folge der beruflichen Sozialisation als «allwissende Einzelkämpfer vor der Klasse». Lebenslanges Lernen gilt auch für Lehrkräfte und dazu gehört auch das Selbstbewusstsein, Lücken zuzugeben. Lieber werden urbane Mythen gepflegt und das Verhalten von Software ungefragt hingenommen:

Wenn ich hier LuL auf Twitter bis zum Beweis per Hexdump erklären muss, dass .jpg-Dateien nicht dadurch nach .png konvertiert werden, nur weil's der Browser anzeigt, hakt es an den Grundlagen

Der Thread dazu findet sich übrigens hinter diesem Link.

Die Auswirkungen sind für Schülerinnen und Schüler unter Umständen deutlich drastischer als fehlendes Wissen über den Herrn Hölderlin, Hexameter oder die Pentapodie. Ein viel zu kleines Bild, eingepackt in eine Word-Datei oder eine JPG-Datei in einem ZIP (ja, das ist unnötig) kann für eine Bewerbung das frühe Aus bedeuten. Ein leichtfertig geteiltes Bild mit Metadaten erlaubt es Stalkern, die Privatadresse eines Jugendlichen heraus zu finden. Bilder, die als wahr geteilt werden, obgleich sie mit wenig Aufwand als Fälschung identifizierbar wären, hinterlassen eine deutliche Beule in der «street cred» des Teilenden.

Nochmal in aller Deutlichkeit: niemand sollte in der Schule im regulären Unterricht in die Details irgendwelcher Komprimierungsalgorithmen für Bilder einsteigen oder irgendwelche obskuren Grafikformate (geoTIFF, anyone?) behandeln. Die Kunst liegt darin, zu wissen, wo die Grenze liegt (Sie wissen ja, kursorische Darstellung, Neugier wecken, Optionen ermöglichen). Aber ich werde mich als Bürger, mit Software Vertrauter und vor allem als Vater nicht damit zufrieden geben, dass Lehrerinnen und Lehrer ernsthaft glauben, dass das Ändern der Dateierweiterung eine Konvertierung der Grafikdatei zur Folge hat. Dazu kamen auch Antwort-Tweets, die aus ziemlichem Abstand zur täglichen Realität ganz nonchalant die Verantwortung ab: «War auch mein Gedanke – finde, Profis müssen Lernen, mit den Dateien von Laien umzugehen, nicht umgekehrt».

TL;DR: Schule hat die Aufgabe der Bildung und Persönlichkeitsbildung unserer Kinder und deren Vorbereitung auf die Lebens- und Arbeitswelt nach der Schule. Wer das als «Zuarbeit für »draußen«» empfindet, sollte seine berufliche Passung überprüfen. Irgendwann muss Stoff aus Lehrplänen auch mit allem Respekt am Wegesrand der Entwicklung zurück gelassen werden. Und (aufgepasst, alle Ihr Dienstherren der föderalen Kleinstaaterei!) Lehrerinnen und Lehrer benötigen Zeit und Mittel für das eigene lebenslange Lernen (und wir reden von einem Tag pro Woche, nicht einer Stunde pro Quartal!), das allerdings dann verpflichtend mit einem ebenso verpflichtenden beruflichen Austausch. Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei. Und abschließend: dem nächsten Fortbildner, der Platzmatten für iPad verteilt, damit keine Bedienelemente gelernt werden müssen und Screenshots als PDF verschickt, für die habe ich eigene Voodoo-Puppen. 😉

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