Kompetenz durch Vielfalt?

Immer wenn ich gerade beschäftigt bin, treiben auf Twitter die interessantesten Diskussionen vorbei (nein, natürlich prokrastiniere ich niemals und lese Twitter, während ich eigentlich was Produktives tun sollte, niemals! 😉). Um was ging es? Hier ist der Ursprungs-Tweet:

Der Start des Threads

Die These von Martin: die Kompetenzen der SuS einer solchen Schule müssten höher sein, als die der SuS welche in einem homogenen Setup lernen.

So hat ein paar Tweets später auch der Account des Internationalen Stiftungsgymnasiums Magdeburg getwittert:

Alle unsere SuS und LuL haben individuelle Geräte, Geräteklassen und Betriebssystem - BYOD. Läuft super und der Kompetenzerwerb steht im Vordergrund und nicht die Technik.

@STEJHGym auf Twitter

Meine Reaktion, mitten in Italienisch-Aufgaben und einem Refactoring eines privaten «Grabbelkisten Server»-Projekts in Golang, war denn auch entsprechend:

Leute, Ihr könnt doch nicht so einen Thread abfahren, wenn ich keine Zeit habe. Ich glaube ich muss da in der Nacht einen Blogpost schreiben. Menno, nie hat man Zeit, wenn’s interessant wird. 😆😎

Ich auf Twitter

Jetzt muss ich natürlich auch den versprochenen Blogpost nachliefern.

Was ist «Vielfalt»? Ergeben sich «Kompetenzen durch Vielfalt» wirklich dadurch, dass ich zwischen verschiedenen Betriebssystemen hin und her springe? Wenn ich den Tweet des Internationalen Stiftungsgymnasiums Magdeburg richtig lese, dann ist das noch nicht einmal der Fall, denn BYOD bedeutet ja auch, dass die SuS innerhalb «ihres» Systems bleiben. Es lohnt sich, sich durch den Thread und alle seine Verzweigungen zu lesen. Oft kommt dabei das Thema Dateiaustausch vor und das Nutzen verschiedener Applikationen, z.B. zum Erstellen einer Präsentation. Das sehe ich teilweise anders (klar, sonst würde ich nicht hier sitzen und einen Blogpost schreiben 😉), denn das Eine (Dateien und Dateiaustausch) erfordert für den Umfang des Schulstoffes keine verschiedenen Betriebssysteme und das Andere (die Präsentationen) erfordern eine ganz andere Interpretation des Begriffs «Vielfalt».

Markus Bölling hat das in diesem Thread so ausgedrückt:

Die Frage nach den Geräten und Betriebssystemen greift viel zu kurz, wenn trotzdem z.B. Präsentationen ausschließlich mit einem einzigen Präsentations-Tool gelehrt wird, anstatt die Basiskompetenzen zu lehren.

@mboelling auf Twitter

Vorab, ich stimme mit Markus Bölling überein: die Diskussion auf den Einsatz verschiedener Betriebssysteme zu reduzieren, greift meiner Meinung nach zu kurz. Ich meine mit Kompetenz durch Vielfalt weniger die Technik, sondern das, was hinter der Technik liegt, von grundlegenden, zeitinvarianten und übergreifenden Bedienkonzepten über den Mensch und seine Anwendung des Werkzeugs Hardware und Software.

Das geht deutlich mehr in die Richtung, die ich unter «Kompetenz durch Vielfalt» verstehe. Diese Kompetenz durch Vielfalt, um beim Beispiel der Präsentation zu bleiben, hängt nicht daran, ob Du Keynote, Libre Presenter oder Powerpoint nimmst.

Viel wichtiger ist es meiner Meinung nach, zu erkennen, dass es «die Präsentation» gar nicht gibt. Es gibt eine reine Faktenpräsentation, das Erzählen einer Geschichte, um damit eine Wirkung zu erzielen, ein «Slideument» (die schlimmste Form der Präsentation, die diesen Namen gar nicht verdient, siehe hier) oder eine wissenschaftliche Argumentation oder eine Produktvorstellung (den «pitch»). Das ist für mich Kompetenz durch Vielfalt, zu wissen wie welche Art von Präsentation bestmöglich aufgebaut und erstellt wird. Wo brauche ich wenige, aussagekräftige Bilder als visuelle Anker, wo muss ich Daten visualisieren, wo ist Text angebracht? Wie baue ich den Spannungsbogen auf? Welche Geschichte möchte ich erzählen und welche Kernaussage meinem Publikum vermitteln? Das ist Kompetenz durch Vielfalt: die Vielfalt der möglichen Ansätze für eine Präsentation.

Zu wissen, wie ich eine der vielen (in den meisten Fällen völlig überflüssigen Animationen) Animationen in PowerPoint oder Keynote erstelle; das Wissen, dass es Powerpoint auch auf dem Mac gibt oder LibreOffice für Linux, Windows und den Mac, da ist mit dem Wechsel des Betriebssystem in der schulischen Ausbildung gar nichts an Kompetenz zu holen. Auch nicht in der Bedienung. Es ist ja gerade das Ziel von plattformübergreifenden Applikationen, gleich bedienbar zu bleiben. Und wenn ich nichts zu erzählen oder keine Argumente habe, wird mir der Wechsel von einer Applikation zu einer anderen auf einem anderen Betriebssystem auch keine Erleuchtung oder mehr Kompetenz bringen. 😉

Till (er ist @Liebero12 auf Twitter und jemand, von dem ich in DM-Chats immer viel lerne und mich sehr gerne austausche) bezieht das darauf, dass unterschiedliche System Fertigkeiten den Umgang mit dem Austausch von Dateien fördern, allerdings indirekt:

Mir geht es eigentlich nicht um das Dateisystem selbst. Wenn man unterschiedliche Betriebssysteme hat, muss man einfach automatisch darüber nachdenken, wie man seine Sachen austauscht Ist man nur in einem System, gibt es das Problem ja gar nicht.

Es ist eher das Bewusstsein über den Austausch und die Notwendigkeit, sich darüber Gedanken zu machen. Das ist ein Punkt, allerdings benötige ich dazu nicht zwingend ein anderes Betriebssystem. Sogar das in dieser Beziehung oft als «nicht zum Zeigen des Umgangs mit Dateien geeignet» geschmähte iOS besitzt seit langem eine Dateien-App, mit «Documents» noch eine App, die das Arbeiten mit Dateien ermöglicht und wer es tief unten unter der Oberfläche haben will, soll sich a-Shell installieren und hat dann ein Terminal (ja, inkl. Shell, Programmierung und Dateisystem) in der Hosentasche. Meine Idee von Kompetenz durch Vielfalt geht, wie oben geschildert, viel weiter als Dateien hin und her schieben1.

Kompetenzen baue ich auf, in dem ich mehrere Wege zum Ziel kenne und um deren Vor- und Nachteile weiß. Das ist nicht «Windows oder Mac», sondern z.B.

  • GUI
  • Kommandozeile
  • Applikation
  • Selber programmieren
  • Makros

Ja, man kann auf der Kommandozeile Präsentationen bauen. Ja, ich kann Animationen (wenn sie denn sein müssen) mit den Effekten eines Präsentationsprogramm bauen oder mit Makros. Ich könnte eigenen Code schreiben, der ein slide deck nicht nur aus einer Textbeschreibung erstellt, sondern auch animiert. Nicht alles ist sinnvoll, nicht alles eignet sich für jeden Einsatzzweck. Wie beispielsweise bei QR-Codes liegt die Kompetenz darin, für die gegebene Aufgabe das richtige Werkzeug zu wählen. Benötige ich einen oder zwei QR-Codes, ist das einfach. Muss ich 200 QR-Codes erstellen, wird die Sache mit schon eine Klickorgie. Mit einer dedizierten Applikation kann ich vielleicht einfach eine Datei mit Links einlesen und die App erstellt alle QR-Codes. Ich kann das aber auch mit der Kommandozeile tun und dann ist das sehr wahrscheinlich ein «Einzeiler» (also nur eine Kommandofolge).

Das ist Kompetenz durch Vielfalt (und das geht auch bei Windows und ja, auch auf dem iPad – auch da gibt es Kommandozeile, Programmierumgebungen und Office-Programme), ein halbes Dutzend verschiedene Wege zum Ziel zu kennen mit ihren Vorteilen, Nachteilen und Anforderungen. Um mich mal selbst zu zitieren: «eine bash findest Du überall, egal welches Betriebssystem». Aber Du musst halt erstmal wissen, ob, wann und warum Du mit der Kommandozeile (einer «shell») produktiver bist oder nicht. Es gibt Dinge, da werde ich mich hüten, die mit der Kommandozeile zu tun und es gibt Aufgaben, da werde ich mich hüten, das mit einem GUI zu versuchen. Und es gibt Aufgaben, da schreiben Leute wie ich ein Programm oder ein Script dafür.

Kommen wir zurück zum Tweet von Markus Bölling: «Die Frage nach den Geräten und Betriebssystemen greift viel zu kurz, wenn trotzdem z.B. Präsentationen ausschließlich mit einem einzigen Präsentations-Tool gelehrt wird, anstatt die Basiskompetenzen zu lehren.«

Anders als er vielleicht meinte, würde ich auch nicht ein einziges Präsentations-Tool benutzen, allerdings nicht, um zwischen Anwendungen oder Betriebssystem zu wechseln, sondern weil eine gute Präsentation nicht mit einem Präsentations-Tool beginnt. Präsentationen sind Stories, sie haben eine Agenda, eine beabsichtigte Wirkung. Fast alle meine Präsentationen (und die vieler anderer Leute, die sowas beruflich machen) beginnen ganz analog mit Scribbles und einem Storyboard. Ich brauche einen Aufbau, einen Spannungsbogen bzw. eine argumentative Kette und eine Visualisierung dazu (sonst könnte ich das ja ohne Präsentation vorlesen oder eine Textdatei versenden). Storyboards wiederum bringen Dir als Schülerin oder Schüler woanders Kenntnisse beim Erzählen und Analysieren von Geschichten und bei der Filmanalyse. Stories, Spannungsbogen, Handlung, Heldenreise und andere Dinge kann ich in Deutsch lernen und in einer Präsentation in Geschichte oder für ein Schulprojekt verwenden.

Das geht bis zu Farbenlehre in Kunst, Lichtstimmungen und menschliche Physiologie hinein. Warum wohl wirken Bilder mit einem orangefarbenen Objekt vor einem blauen Hintergrund zu angenehm? Das ist das Lagerfeuer in der Winternacht bzw. der Dämmerung, ein menschlicher Urtrieb. Wenn Du also Präsentationen baust, dann gilt: «Orange vor blauem Hintergrund: aah, Feuer, Wärme, Menschen! Blau vor orangefarbenem Hintergrund dagegen: Shit, ich hab die falschen Beeren gegessen!» 🤣

Aus diesem Grund gehöre ich auch zu den Leuten, die den Fächerkanon für lange überholt halten. Das oben waren jetzt locker ein halbes Dutzend «Schulfächer». In Wirklichkeit ist das aber einfach Leben bzw. «Überzeugen mit einer Präsentation». Vielfalt ist eben nicht Dateien mit Windows oder Mac oder iOS verwalten, das wäre zu kurz gedacht. Vielfalt (und auch später nach der Schule nützlich) wäre es beispielsweise beim Thema Dateien, zu wissen, welche Möglichkeiten es gibt, Inhalte in Dateien zu strukturieren. Dass es unterschiedliche Konventionen für Dateinamen gibt, die ich wissen sollte, wenn ich Austausch betreibe. Was Encodings sind und das es verschiedene Prinzipien gibt, Daten in Dateien unterzubringen (und dass es Gründe gibt, warum manche Dateien textbasiert sind und manche Binärströme). Kompetenz ist es nicht, eine Datei von iOS nach Windows zu kopieren oder von einem Webmailer ein Foto zu einem Linux-Rechner zu mailen. Das ist Anwendungswissen. Kompetenz ist es, zu wissen, dass Bilddateien heute Container sind, die nicht nur die Bilddaten enthalten. Kompetenz ist es, zu wissen, dass ein Ausdruck etwas anderes ist als eine Anzeige und es daher Farbmodelle wie RGB oder CYMK gibt. Dass Bilder auf dem Ausdruck furchtbar aussehen, weil ein Farbprofil für die Ausgabe Teil der Bilddatei sein kann und was dann zu tun ist.

Natürlich ist es schön, wenn ich mich auf einem iOS-Gerät zurecht finde, einen Mac bedienen kann und den Dateimanager von Windows bedienen kann, um eine Datei an einen Linux-Rechner zu senden. Das werden die meisten der Schülerinnen und Schüler sowieso lernen, wenn sie es von zu Hause nicht schon können. Dass Lehrkräfte schon mit dem Management bzw. der flüssigen Beherrschung eines Betriebssystem mehr als ausgelastet sind, zeigt sich täglich nicht nur auf Twitter. Wie sollen Schulen dann Kompetenz durch die Vielfalt von vier Betriebssystemen mit vier Softwarebeständen anbieten?

Sich dann aber auf den Standpunkt «Mein System ist so gut, ich muss mich gar nicht mit systemübergreifenden Dingen beschäftigen» ist allerdings eben nicht die sich darauf ergebende Schlussfolgerung. Sondern, wie Till weiter oben schrieb, «Wenn man unterschiedliche Betriebssysteme hat, muss man einfach automatisch darüber nachdenken, wie man seine Sachen austauscht». Den Blick weiten bedeutet nicht, als Landvermesser jahrelang umherzustreifen. Schule hat nicht die Zeit dafür und auch gar nicht die Aufgabe, Dinge in der Tiefe, in der einige sehr engagierte LuL auf Twitter im «Twitterlehrerzimmer» unterwegs sind zu behandeln. Schule sollte IMHO auf Herausforderungen aufmerksam machen, Lernlust fördern, Grundlagen sicherstellen und Themen kursorisch behandeln.

Ablage von Informationen, also Dateiformate, Datenstrukturierung etc. lassen sich auf allen Systemen problemlos machen (es gibt sogar gute Hex-Editoren für iOS!). Aber das ist was für die freiwillige AG nach dem Regelunterricht. Erstmal sollten die Schülerinnen und Schüler lernen, Informationen zu sammeln, zu klassifizieren und wieder verfügbar zu machen. Dazu ist meiner Meinung nach Wissen über URLs, Dateiformate und ihre Verwendung (Vektor vs Raster, offen vs proprietär, Text vs Binär) wichtiger als das irgendein Spezialaspekt irgendeines Dateisystems. Diese Dinge werden nämlich nach der Schule immer noch gebraucht werden und wichtig sein.

Schlussempfehlung für alle Leser:innen, die gerne Bildungsthemen mitverfolgen und Threads nicht selbst suchen wollen: das #Twitterlehrerzimmer bzw. der #Twittercampus haben jeweils eigene Hashtags, nach denen sich bequem suchen lässt. Für die Leute im schönsten Bundesland Deutschlands 😉 gibt es den Hashtag #BayernEdu, den ich auch oft verwende.



  1. Für eine wirklich nützliche Behandlung des Dateisystem- und Dateien-Themas ist im Unterricht gar keine Zeit und würde auch die meisten Lehrkräfte überfordern. Das beginnt bei Encodings, geht über Dateisysteme und reservierte Dateinamen und Zugriffsrechte zu Pfadlängen und Dingen wie Datei-URLs bis zu betriebssystemspezifischen Unterschieden wie hard links und soft links, junctions, sparse files, copy-on-write und und und. Na, noch dabei? 😉
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