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Alice White über den Beargrease Sled Dog Marathon 2022

TeamWolfMoon und der John Beargrease

Heute habe ich auf Twitter einen sehr interessanten Thread von Alice White gelesen, einer Musherin. In diesem erzählt sie über ihre Teilnahme am “John Beargrease Sled Dog Marathon”, einem 300 Meilen Hundeschlittenrennen in Minnesota.

Wer den Thread gerne in Englisch lesen möchte, einfach auf den Screenshot des Tweets klicken.

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Darin schildert Alice ihre Erlebnisse und Überlegungen, die letztlich dazu führten, das Rennen vor dem Ziel abzubrechen. Wie bei vielen Sportarten gehört meiner Meinung mehr Courage dazu, vor dem Ziel umzudrehen und die Sicherheit und das Wohlbefinden des Teams in den Vordergrund zu stellen als mit allen Mitteln zu versuchen, das Ziel doch noch zu erreichen. Da ich in meinem Bekanntenkreis ein paar “armchair musher” habe (das sind Leute, die die Hundeschlitten-Szene mangels Team oder Wohnsitz im Norden virtuell “vom Sessel aus” verfolgen), habe ich Alice gefragt, ob ich diesen sehr informativen Thread ins Deutsche übertragen darf. Netterweise hatte sie nichts dagegen:

I don’t have a problem with this! Go ahead!

Also dann: die zwei wichtigen Tags #MusherTwitter und #SledDogs oben rein und los geht’s. Kleine Erklärung vorab: ein “handler” ist ein Betreuer, der Musher an Kontrollpunkten bei der Betreuung der Hunde unterstützt.

Alice

Alice. Tierliebhaberin, Veterinärtechnikerin, Musherin, Fangirl. Menschlicher Diener von Upsy, dem freundlichen Schlittenhund, Darby dem Greyhound und 14 ganz besonderen Huskys. Pronomen: Sie/sie.

Mehr Bilder auf Instagram unter https://www.instagram.com/teamwolfmoon/

Thanks a lot, Alice for permitting me to share your thread in German!

Bildquellen: die Rechte bei allen Bildern liegen bei den im jeweiligen Bild angezeigten Namen bzw. Teams.

Alice White über den John Beargrease 2022

Obwohl die Sache nicht ganz so endete, wie ich gehofft habe, hatten das Team und ich eine fantastische Zeit bei unserem zweiten Versuch, den John Beargrease Sled Dog Marathon zu laufen.

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Obwohl ich einen meiner Leithunde, Viper, zu Hause gelassen habe, war dies ein viel stärkeres Team als im letzten Jahr und bei weitem das stärkste Hundeteam, das ich je bei einem Rennen hatte.

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Die ersten drei Etappen verliefen insgesamt ziemlich reibungslos, die Streckenbedingungen waren perfekt und das Team war gut drauf. Ich musste Wizard von seiner Schwester Svetlana trennen, denn die beiden beäugten sich mit größer werdendem Geschwister-Drama, wenn sie zusammen liefen.

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Ich glaube, mein Handler-Team hatte mehr Schwierigkeiten, weil die Parkplatzsuche an den Kontrollpunkten bei einem so großen Starterfeld in diesem Jahr eine echte Herausforderung war.

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Wir sind diesen großen Hügel außerhalb von Sawbill mit viel mehr Leichtigkeit und Enthusiasmus als im letzten Jahr hinauf gestürmt. Ich fühlte mich großartig!

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Ungefähr nach der Hälfte des Laufs begann jedoch einer meiner Haupt-Leithunde, Homie, seinen Enthusiasmus zu verlieren. Ich dachte, er könnte eine Pause gebrauchen, und tauschte ihn gegen Nachwuchs-Leithund Olaf aus. Es war wirklich cool zu sehen, wie Olaf von meinem anderen Leithund, Bolt, lernte.

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Aber es wurde auch klar, dass Homie nicht nur müde vom Laufen als Leithund war, er war einfach müde. Die Sonne war inzwischen herausgekommen und es war sehr warm geworden und der Schnee weich und kräftezehrend.

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Ich versuchte, Homie im Schlitten zu transportieren, aber das war eine eigene Herausforderung, denn er ist ein großer, kräftiger und eigensinniger Hund. Jedes Mal, wenn ich den anderen Hunden sagte: “Fertig!”, war es sein einziges Ziel, sich aus dem Schlitten zu kämpfen.

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Daher transportierte ich Homie in den nächsten Stunden abwechselnd im Schlitten oder ließ ihn laufen.

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Beim Kontrollpunkt Trail Center, nach einer schönen Ruhepause und nachdem die Tierärzte mir bestätigt hatten, dass Homie keine größeren Probleme hatte, sondern nur müde war, ließ ich ihn bei meinen Handlern und machte mich mit 11 aufgedrehten Hunden und Bolt und Olaf als Leithunden wieder auf den Weg in die Nacht.

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Die Strecke nach Skyport ist die längste Etappe des Rennens und die ersten 30 Meilen sind eine wirklich unterhaltsame, kurvenreiche Strecke durch Wälder und eine Reihe von Hügeln hinauf und hinunter. Die Hunde lieben es.

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In der Mitte kamen wir jedoch auf ein langes, gerades Stück des Trails, die sich kilometerlang hinzieht und die eintönig sein kann, wenn Du stundenlang dahin läufst.

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An dieser Stelle bemerkte ich, dass Bolt seinen Elan verloren hatte. Es war schwer zu sagen, ob er sich einfach nur langweilte, aber er hatte hinkte offensichtliches nicht oder ging ruckartig. Es war jedoch definitiv ungewöhnlich, dass er nicht 100% gab.

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Dennoch schob ich es zu diesem Zeitpunkt auf die Monotonie der Strecke. Olaf hingegen war mit voller Kraft dabei und sehr stolz auf sich.

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Nach ein paar Snack-Pausen und als die Strecke wieder interessanter wurde, mit Hügeln und Kurven, wie sie für den Beargrease typisch sind, fing sich das Team wieder und wir fingen an, wieder normal zu fahren.

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Wir kamen wie ein Güterzug in Skyport an, immer noch 11 Hunde stark, und ich hatte große Hoffnungen, dass wir nach ein paar Stunden guter Erholung den Checkpoint wieder verlassen würden. Und doch…

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Ich wurde die Befürchtung nicht los, dass Bolts “Unwohlsein” mehr als nur eine Verhaltenssache wegen des Trails war. Ich bandagierte ihm und vielen den anderen Teammitglieder die Gelenke, gab ihnen eine Menge Futter und Wasser und legte sie in ihre Strohbetten, mit Decken darüber, da es windig wurde.

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Als ich mich fertig zum Aufbruch machte, begann ich, mit den Hunden spazieren zu gehen, um sie aufzuwärmen, auf Muskelkater zu prüfen und ihre Muskeln zu fühlen, um sicherzugehen, dass sie nicht verspannt oder verkrampft waren. Olaf war ein wenig steif, als er aufstand, aber nach ein paar Runden an unserem Wagen vorbei wurde er schnell warm.

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Bolt hatte keine Probleme, zog kräftig an der Leine und sah insgesamt gut aus, aber ich hatte trotzdem ein ungutes Gefühl. Als ich mit meinen Händen über seine Hinterbeine fuhr, spürte ich etwas, von dem ich mir zunächst einreden wollte, dass es sich nicht um einen verspannten Muskel handelte.

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Als ich jedoch zwei verschiedene Tierärzte um Bestätigung bat, wurde schnell klar, dass ich mir das nicht eingebildet hatte.

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Glücklicherweise war es nichts, was Bolt wirkliche Beschwerden verursachte, und es wird mit etwas Ruhe problemlos ausheilen. Wenn man sich aber nicht darum kümmert, könnte es schließlich viel schwerwiegendere Probleme verursachen.

Das wollte ich nicht riskieren, daher war mir klar, dass Bolty-Boy nicht mehr im Team war. Damit befand ich mich in einem Dilemma und in einer Situation, die der vom letzten Jahr in Skyport sehr ähnlich war. Olaf hatte sich großartig geschlagen, hatte sich von Bolt inspirieren lassen und hatte viel Spaß gehabt.

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Er ist jedoch sensibel und ich hatte Bedenken, wie er es psychisch verkraften würde, wenn er der Haupt-Leithund wäre, der die Verantwortung für das Team trägt. Ich hatte schon andere Hunde, die gelegentlich als Leithund gelaufen sind, aber wie Olaf wirklich von ihrem Co-Führer abhängig sind, um Vertrauen in sich selbst zu gewinnen.

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Außerdem waren viele der Hunde, mit denen ich unterwegs war, letztes Jahr in meinem Team gewesen, als sie demoralisiert wurden. Sie würden diesen Streckenabschnitt zweifellos wiedererkennen und mit den Ereignissen vom letzten Jahr in Verbindung bringen. Ich befürchtete, dass wir ohne eine starkes Leithunde-Team in der gleichen Situation enden würden.

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Vielleicht war das alles nur in meinem Kopf - ich wusste, als ich ins Rennen ging, dass meine eigene Psyche das schwache Glied im Team war. Objektiv gesehen hatte ich ein viel stärkeres, glücklicheres Team als letztes Jahr. Aber ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass dieses Team demoralisiert wird, wo es doch so gut lief.

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Zu diesem Zeitpunkt gab es keine eindeutige richtige oder falsche Entscheidung, und Ihr könnt mir glauben: ich habe tagelang mit mir gehadert, aber zu diesem Zeitpunkt war die Entscheidung für mich ganz klar. Ich entschied mich, mein Team mit nach Hause zu nehmen und den Beargrease Sled Dog Marathon abzubrechen.

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War es lächerlich, dass ich nicht weitermachte, obwohl ich zehn starke, glückliche Hunde hatte? Es sieht wohl so aus. So viele Teams brachen mit weniger Hunden und müderen Hunden ab und hier bin ich und werfe das Handtuch, obwohl meine Hunde sich prächtig amüsierten.

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Der Trost ist, dass die Hunde nicht wissen, dass sie nicht ins Ziel gekommen sind. Soweit es sie betrifft, sind sie Champions, und sie haben sich gut erholt, ruhen sich aus, spielen, laufen frei herum und fressen und fressen und fressen! Ich könnte nicht glücklicher sein mit dem Zustand, in dem sie sich befinden!

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Das Frustrierendste ist, dass ich ein ganzes Jahr warten muss, um es erneut zu versuchen. Es wird zu wenig betont, wie viel Arbeit die monatelange Vorbereitung ist, die notwendig ist, um ein Team erst einmal nur an die Startlinie zu bringen. Und das ist eine MENGE.

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Eine meiner Hoffnungen für das nächste Jahr ist es also, den Prozess so zu dokumentieren, dass all die Aspekte hinter den Kulissen beim Mushing beleuchtet werden, die gerne übersehen werden.

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In der Zwischenzeit mag ich mich wie eine Ein-Frau-Armee fühlen, aber es braucht wirklich ein ganzes Dorf, um dieses Rennen zu bestreiten, und ich bin Blake und Jen Freking unendlich dankbar dafür, dass sie meinen Schlittenhunde-Träumen nachgegeben haben und dass sie die besten Mentoren sind, die ich mir wünschen kann.

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Und ich schulde Tim Riley und meinem Vater Richard großen Dank dafür, dass sie während de Beargrease Marathons als Handler für mich gearbeitet haben und mir in den Monaten davor bei verschiedenen Projekten unschätzbare Hilfe geleistet haben. Mein Vater ist 75 alt und aus irgendeinem Grund habe ich es nicht geschafft, ihn als Handler abzuschrecken - er sagt bereits, dass er nächstes Jahr wieder dabei sein möchte! Und Hut ab vor Jake Hway, Julie Schmelzer, Peter McClelland, Jake Leingang, Matt Klesser, Cassandra Louise und einer Reihe von Betreuern, an deren Namen ich mich nicht erinnere, die mir geholfen haben, an schwierigeren, überfüllten Kontrollpunkten zu meinem Truck zu gelangen. Und natürlich muss ich mich bei den vielen Menschen bedanken, die mich bei diesem Unterfangen unterstützt haben, sei es durch eine Spende für Hundefutter oder einfach durch aufmunternde Worte. Ich schätze euch alle unermesslich.

Ich hoffe, dass ich mich eines Tages von der Ziellinie in Grand Portage aus bei Euch bedanken kann. Bis dahin haben wir den Rest der Saison vor uns, um daraus noch mehr für das nächste Jahr zu lernen!

Alice

Bonus: wer macht was vor dem Schlitten?

Für alle Einsteiger hier noch eine kleine Erklärung, was “lead dog” (Leithund) eigentlich bedeutet und warum diese Teammitglieder nicht allein die ganze Arbeit machen.

Die Rollen der einzelnen Hunde

Ganz vorne läuft der Leithund (lead dog), üblicherweise im Doppelgespann. Leithunde sind normalerweise schnelle Läufer und die intelligentesten Hunde des Gespanns. Sie befolgen nicht nur die Kommandos des Mushers, sondern müssen auch schlau und erfahren genug sein, um in bestimmten Situationen schnell und eigenständig zu entscheiden. Ein Musher hat normalerweise mehr als einen Leithund im Team und diese werden während eines Rennens durchaus auch mal durchrotiert oder je nach Geländetyp eingesetzt.

Hinter dem Leithund kommen die Swinger (swing dogs). Oft sind das ebenfalls Hunde mit einer Eignung als Leithunde oder Nachwichs-Leithunde im Training. Diese Position ist dafür verantwortlich, das Gespann heil um Kurven zu bekommen und in die richtige Richtung mitzuziehen. Sie setzen die Richtungsvorgaben der Leithunde und des Mushers um.

Danach kommen die Teamhunde (team dogs). Das ist der größte Teil des Gespanns. Bei Langstrecken-Marathons laufen bis zu 16 Hunde in einem Gespann, das sind dann 10 Teamhunde, bei kleinen Rennen oder anderen Gelegenheiten besteht ein Gespann vielleicht nur aus vier Hunden, den beiden Leithunden und den beiden Wheel Dogs.

Die Wheel Dogs. Das sind die Hunde, die direkt vor dem Schlitten angespannt werden. Dies sind normalerweise die größten und stärksten Hunde des Teams, das “Muskelpaket” des Gespanns. Sie leisten die größte Arbeit beim Losfahren.

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