Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Ich bin vor einigen Tagen auf das Blog von Ilona gestoßen und habe gerade noch einen Aufruf zu einer Blogparade Meine Bucketlist von 2018: Reiseträume damals und heute erwischt. Eine mit einem Thema, das mich auch selbst beschäftigt und interessiert, was will man also mehr?
Ich habe kein Reiseblog, auch wenn ich manchmal Touren und Erlebnisse von unseren Reisen hier teile. Aber hatte ich eine bucket list, also eine Liste von Reisezielen, die ich unbedingt sehen wollte, bevor ich den Löffel abgebe? Natürlich gibt es Ziele, die ich sehen wollte, die aber von vornherein meist unrealistisch waren (schon mal nachgesehen, was ein Zugticket für den “Canadian” von Toronto nach Vancouver kostet? Und um die halbe Welt fliegen “just for fun”?).
Vor Corona und nach Corona unterscheidet sich gar nicht so sehr, denn Fernreisen waren nie die große Sehnsucht von mir oder meiner Frau. Wenn ich sehen will, wie es im Sossusvlei in Namibia aussieht, ist das Web voll mit Bildern, Videos, 3D-Panoramas. Durch Australien fahren, wo die eine Hälfte der Tierwelt giftig ist und die andere versucht, Dich umzubringen? 🕷️🦂🐍🐊 Nö, danke. 😎
Ich wuchs in einem Haushalt auf, in dem kein Geld für Auslandsurlaube da war. Nach den Sommerferien konnte ich nur den Berichten der Schuldfreunde zuhören, die vom Meer oder den Bergen erzählten. Das Meer gesehen habe ich das erste Mal mit 18 (auf Helgoland), geflogen bin ich erst mit 30. Dann mit Mitte 30 allerdings zwei, drei Jahre lang mal so oft, dass ich gleich zwei “Wir lieben Dich”-Karten von Airlines hatte. Aber das ist eine andere Geschichte. 😉
Eine weitere Reise oder ein fremdes Land war und ist daher für mich immer noch etwas Besonderes. Ich hätte mir als Teenager nie träumen lassen, dass ich mal am Ufer des Pazifiks in Westport stehen, in Seattle den Ottern zusehen würde oder mit Kamelen durch das Wadi Rum laufen würde.
Ich finde einen Plan für Reiseziele schwierig, denn dazu muss das Ziel ja bereits einigermaßen kennen oder bereits davon gehört haben, sonst könnte es ja kein Wunschziel sein. Aber dann ist es weniger Entdecken. Sehr viele meiner Reisen waren eher kurzfristig geplant. Eine Woche auf Islay, unsere Hochzeitsreise nach Kreta, die ebenfalls ein gemeinsamer spontaner Entschluss war. Viele Dinge ergeben sich erst vor Ort, wie der Trip nach Chrysi auf Kreta damals. Als ich in Jordanien war, ergab sich kurzfristig die Chance mit Beduinen und ihren Kamelen durch das Wadi Rum zu ziehen. Ein völlig ungeplantes, aber dennoch unvergessliches Erlebnis.
Reisen bedeutet aber nicht nur, weit weg zu fahren. Einer meiner schönsten Reiseerinnerungen ist die an die Reise mit unserer damals 6jährigen Tochter über etwa 35 Kilometer zu Fuß mit dem bepackten Bollerwagen von Landshut nach Dingolfing zu meinen Eltern. Die Tochter wollte damals wissen, wie das “früher war, als es keine Autos gab”. Also waren wir einen ganzen Tag unterwegs und es war wunderbar!
Dennoch gibt es ein Land, das immer den ersten Platz auf der Reiseliste haben wird: Italien.
Ich war nach dem Abitur zusammen mit meiner damaligen Freundin das erste Mal in Italien, natürlich am Gardasee. Nicht umsonst wird Bardolino als der südlichste Stadtteil von München bezeichnet. 😉 Da kommt man auch ohne Italienischkenntnisse gut durch. Die Woche dort war eine Offenbarung für mich.
Die letzten 40 Jahre war ich jedes Jahr mindestens einmal, sehr oft sogar zwei oder drei Mal in Italien und ich habe erst an der Oberfläche gekratzt. Ich muss nicht in die Karibik oder auf die Seychellen, ich kenne Stellen in Italien, die das ebenso bieten. Schnorcheln mit Sichtweiten unter Wasser von 20-30 Metern? Kein Problem. Berge, Schnee und alpines Klettern? Keine 250 Kilometer von zuhause weg. Kulturdenkmäler und Geschichte bis zum Abwinken. Eine Küchenkultur, von der anderswo ganze Kontinente nur träumen können. Abenteuer auf der Strasse? Einfach mal durch Rom oder Neapel oder auf Sardinien durch die Barbagia. Und und und… 😊
Mittlerweile habe ich die Küste Italiens von Ventimiglia bis hinter Triest komplett mit dem Auto abgefahren, so es Strassen gibt (die Cinque Terre und einige Inseln möchte ich mit dem Boot selbst erkunden, wozu hab ich den Führerschein gemacht). Natürlich habe ich die üblichen Touristenziele gesehen, manche mehrere Male, aber was mich reizt, sind die Ecken abseits der touristischen Trampelpfade. Und ich habe gelernt, dass es “Italien” eigentlich nicht gibt. Es gibt Regionen und eine unglaubliche kulturelle Vielfalt und einen Stolz auf die eigene Region, den ich immer wieder faszinierend finde.
Der Tourist sucht das Außergewöhnliche und zerstört es, indem er es findet.
Ich war Ende Juni 2025 nach etwa 35 Jahren wieder in San Galgano und habe dort das Ergebnis “touristischer Erschließung” erlebt und das hält sich dort noch relativ in Grenzen.
Ich war das letzte Mal 1993 auf Sardinien. Einerseits möchte ich aus genau diesem Grund wieder dorthin, andererseits habe ich Angst, was in der Zwischenzeit aus den Orten geworden ist, die wir damals besucht haben.
Heute werden Reiseziele nach “Instagramability” ausgesucht, niemand hält den Lauf der Dinge und die Lawine des Tourismus auf, aber Venedig 1985 und Venedig 2025 sind zwei völlig verschiedene Reiseziele.
Ein weiterer Grund, warum ich viele Reiseziele weniger interessant finde: das Sprachproblem. Natürlich kann ich Bali besuchen oder nach Norwegen fahren und dort mit den Leute Englisch sprechen. Das ist allerdings etwas völlig anderes als zumindest mit Grundlagen der Landessprache irgendwo anzukommen und Land und Leute kennenlernen und etwas lernen zu wollen. Klar ist das völlig egal, wenn ich zwei Wochen den Club nicht verlasse oder mich nur am Strand oder am Klettersteig aufhalte. Aber das reicht mir persönlich nicht. So viele schöne Erlebnisse hätte ich nie gehabt, wenn ich nicht etwas Italienisch könnte. Um Grammatik habe ich mich wenig geschert und diese VHS-Kurse immer gemieden, denn “L’obiettivo non è quello di fare zero errori, ma di comunicare”. 😎 Rein ins Leben, mit Hand und Fuss und lernen, hören, fragen. Mein erster Satz (und einer der Gründe, Italienisch zu lernen) war “come si cucina?” (wie wird das gekocht?). So nach und nach kamen dann die Grundlagen der Grammatik dazu und irgendwann – das ist wirklich ein Punkt auf der Liste – gehe ich für einen Monat nach Italien in eine Sprachschule.
Dennoch, für die Blogparade (und weil es zugegebenermaßen eine Menge schöner Ecken außerhalb Italiens gibt, ok 😎) kommt hier eine ungeordnete Liste von Orten, wo ich wirklich gerne mal hin möchte.
Ich bin mit allerdings jetzt schon sicher, dass sich wieder völlig andere Reisen ergeben werden, an die ich mich erinnern werde. 😉
Namibia
Ich habe schon so viel gesehen und gelesen, dass ich da schon als Fotograf unbedingt hin möchte, vor allem in den Norden und Nordosten.
Mit dem Zug von Montreal nach Vancouver
Der “Canadian” fährt erst ab Toronto, aber das würde mir auch reichen. Wenn ich wirklich einmal die Gelegenheit bekomme, dann wird eines der Highlights auf der Liste.
Neues neue Ägyptische Museum in Kairo
wie auch Ilona geschrieben hat, für Geschichtsinteressierte ist das ein Muss.
Mit dem Boot bis zur Donaumündung
Von Regensburg aus mit einem Motorboot (zur Not mit einem dieser Flusskreuzer, obwohl ich Angst vor dem Durchschnittsalter der Passagiere hätte 😉) bis ins Delta am Schwarzen Meer. Muss herrlich sein.
Alaska im Winter
Nochmal Sardinien
Ja, ich habe oben geschrieben, dass sich die Insel sicherlich gewandelt hat, aber es gibt noch Ecken, die nicht überlaufen sind und im Frühjahr vor Ostern kommen die Touristen noch nicht. Dafür würde ich die Vespa mitbringen. 🛵😉
Jordanien
Eine Foto-Tour durch Neuseeland
Dies ist eines der Ziele, die ich schon aus Gründen der Nachhaltigkeit nicht erreichen werde. Aus Spaß um die halbe Welt jetten ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Aber die Vielfalt des Landes, die Menschen und die Mentalität dort machen es zu einem Sehnsuchtsort.
Ngorongoro Krater und seine Umgebung
Ich habe als Kind Bücher über diese Gegend gelesen, ein ehemaliger Arbeitgeber hat in Moshi einen Kindergarten aufgebaut und diese Ecke Afrikas übt aus irgendeinem Grund eine große Faszination auf mich aus. Zwischen Moshi, dem Krater und dem Tarangire-Nationalpark ein paar Wochen wären traumhaft.
Noch viel mehr von Italien
Das war doch klar, oder? Die Karte oben zeigt, dass da schon noch Platz ist für neue Orte, neue Bekanntschaften, Rezepte, Dialekte und Landschaften. Und vielleicht finde ich außer Triest noch eine zweite Stadt, die kein historisches Zentrum mit Renaissancebauten hat. 😉
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