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Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen

Drei Jahre Fediverse
08.11.2025
Anzahl Worte: 1134

Schön hier, aber waren Sie schon mal im Fediverse?

Ich kenne virtuelle Gemeinschaften schon länger als ein paar Jahre. Meistens waren das nicht-kommerzielle Plattformen. Egal ob CB-Funk vor 40 Jahren, eine eigene Mailbox im FidoNet Ende der 80er Jahre oder eine Online-Community für Fotografen. Klar gab es auch kleine Sünden (ich hatte ein Konto bei CompuServe, falls das noch jemand kennt), ich war allerdings nie bei Facebook oder Instagram, WhatsApp ist seit einem halben Jahrzehnt Geschichte (gilt evtl. nur halb, weil meine Frau einen Account hat. Das ist ein dickes Brett, da muss ich irgendwann mal drüber bloggen).

Wo ich allerdings lange aktiv war, das war Twitter. Seit Ende 2010 oder so hatte ich da einen Account. Bis eben vor drei Jahren. Da habe ich wie viele andere Musks’s Spielplatz im November 2022 verlassen, Posts gelöscht, Account deaktiviert und gone for good. Im verlinkten Artikel stehen meine Gründe dafür.

Ein neuer Anfang

Eigentlich bin ich schon länger im Fediverse aktiv. Den alten Account habe ich aber beim Rumspielen kaputt gemacht, dann gelöscht und dann festgestellt, dass sich der nicht wieder herstellen lässt. Für alle, die sich fragen, warum ich bei PixelFed und bei Mastodon zwei verschiedene Accountnamen habe: da habt Ihr den Grund. 😆 Dann also ein Neuanfang ohne “der” …

Ja, zu Beginn war es etwas Umgewöhnung gegenüber Twitter. Aber nichts total Neues, denn wie beim CB-Funk, bei Mailbox-Netzen und -Usern oder in einer Fotografen-Community ist die eigene Community auch eigene Arbeit. Finde Leute, die interessant für Dich sind, lies viel rum, folge anfangs lieber zu vielen als zu wenigen und baue Dir nach und nach Deine Bubble. Das scheint etwas zu sein, dass die algorithmisch verwöhnten Migranten von kommerziellen Plattformen nicht (mehr) zu kennen scheinen und sich dann beschweren, dass “nichts los ist”, wenn sie vier anderen Accounts folgen.

Tja, hier berieselt Dich keine Fernsehwerbung und umsorgt Dich kein Lieferdienst, hier musst Du selbst durch die Stadt gehen und Schaufenster ansehen, Geschäfte und Kneipen finden. Das macht es aber einfach, wirklich nur das zu sehen, das mich interessiert und ich kann einfach Likes verteilen oder Posts neu teilen, ohne die Sorge, dass mir als Reaktion darauf ein Algorithmus nur noch Posts zu diesem Thema in die Timeline spült, nur weil ich einmal ein Bild von einem Meerschweinchen geliked habe (ich mag Meerschweinchen, das war ein Beispiel 😎).

Mastodon und Fediverse? Oder doch PixelFed und Lemmy?

Dabei fiel mir bereits nach kurzer Zeit auf, dass “Mastodon” nur ein Teil der ganzen Sache ist, die sich Fediverse nennt. Wie bei eMail können viele verschiedene Dienste und Server aufgrund eines gemeinsamen Protokolls miteinander sprechen. Sehr schnell hatte ich Leute von anderen Servern und von anderen Diensten, die gar nicht Mastodon nutzten in meiner Timeline. War das eine coole Entdeckung. Gut, für einen neuen Dienst brauchst Du auch einen neuen Account, den globalen “nomadic identity login” gibt’s (noch?) nicht. Aber mit PixelFed habe ich jetzt auch eine Möglichkeit gefunden, Bilder zu teilen und andere Bilder zu sehen und kann so verschiedene Interessen auf verschiedenen Plattformen ausleben und dennoch meine Bilder-Posts von PixelFed auf Mastodon liken und weiter verteilen, damit jemand anders, der mit Friendica oder Calckey unterwegs ist, darauf antworten kann.

Es geht schließlich um Leute, nicht um die Software, die genutzt wird.

Abends auf einer italienischen Piazza

Deswegen gefällt mir diese Analogie zu einer abendlichen “passegiata” auf einer italienischen Piazza auch sehr gut. Alle sind unterwegs, Hunde und Alte, Einheimische und Touristen, Italiener, Deutsche, Engländer. Man spricht Italienisch, Dialekt oder SBE (simple bad English 😉) und wenn man ein paar Tage in der Stadt ist, werden einem manche Leute vertraut, Du beginnst etwas SmallTalk und so weiter…

Angerempelt

Natürlich gibt es auch im Fediverse Leute, die den Halbstarken und alten Nörglern auf der Piazza entsprechen. Für jedes Mal, wo mir als Newcomer gesagt wurde, wie ich was zu tun hätte und warum ich liken oder nicht liken, boosten oder nicht boosten soll und warum das nicht Mastodon, sondern Fediverse heißt einen Euro und ich könnt auf einer meiner geliebten Piazze in Italien lange Urlaub machen.

Auch das Fediverse ist ein Spiegel der Gesellschaft und auch hier gibt es genügend Leute, die den Erklärbar und Erzieher-Onkel (ja, es sind zu 99.9% immer Männer) rauskehren und damit Neulinge abschrecken, die nicht wie ich selbst jahrelang ne Mailbox betrieben haben. Das ist meine Freizeit, meine Interessen und so wie ich Leuten auf der Piazza aus dem Weg gehe oder Lokalitäten meide, so ist es hier auch. Stummschalten oder Blocken. Wer rüpelt oder meint, herummissioinieren zu müssen, kann das gerne tun, aber nicht in meiner Timeline.

Ich habe öfter Posts gelesen, ob man denn hier, wo alle so nett zueinander sind, überhaupt blocken darf, weil das den Diskurs unterbindet. Leute, ich bin wegen Euch hier, meine eigenen Standpunkte kenne ich zur Genüge. Erst durch Gespräche wird das interessant.

Ein Abend, an dem sich alle Anwesenden einige sind,
ist ein verlorener Abend.
– Albert Einstein

Wenn allerdings jemand meint, die Oberlehrerin rausholen zu müssen, dann – ploink – da ist kein Unterschied zu allen anderen Kanälen. Schon vor knapp 40 Jahren gab es Nutzer, die in allen damals vorhandenen niederbayerischen Mailboxen geblockt waren.

Ist aber trotzdem schön hier

Das sind aber Randerscheinungen. Neben der chronologischen TimelinAnkündigungene von Leuten, denen Du folgst, ist es tatsächlich so, dass hier Leute auch einfach Dinge vorleben und meist netter zueinander sind als anderswo. Seit ich im Fediverse bin, habe ich mir angewöhnt, Bildbeschreibungen zu erstellen (selten wird’s noch vergessen, aber ich gebe mir Mühe), ich antworte nicht um der Antwort willen, sondern weil die Gespräche hier interessanter sind und die Leute aus Gründen hier sind und nicht auf den Kommerz-Spielplätzen. So langsam finden sich auch mehr Accounts aus dem Bereich Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation und anderen Bereichen, da hier die Interaktion vor dem Sammeln von Likes kommt.

Alle die anderen, die von “Reichweite” träumen wie woanders, die sind entweder schnell wieder weg oder lernen, dass Du hier tatsächlich nur dann gelesen wirst, wenn die Leute das wollen. Es gibt unter “Mythos Reichweite” einen schönen Blogpost zu diesem Thema.

Schwerer ist es meiner Meinung nach hier dagegen für alle, die von ihren Beiträgen und Werken leben müssen, Künstler, Texter, Fotografen und Journalisten, die mehr tun als Clickbait schreiben. Die nichtkommerzielle Natur des Fediverse erfordert dann immer noch ein oder mehrere kommerzielle Standbeine. Das Fediverse kann hier nur als Schaufenster dienen oder zu Ankündigungen, der Content muss dann woanders liegen.

Fazit nach drei Jahren

Es macht immer noch sehr viel Spaß und Freude, die Bandbreite der Posts hier zu lesen und mittlerweile denke ich, dass ich “angekommen” bin. Auch wenn meine Posts zum Großteil noch deutsch sind, zeigt doch der steigende Anteil von englischsprachigen und italienischen Posts, dass es nicht nur die eigene Instanz, der eigene Server ist, wo Interessante Inhalte herkommen.

Danke an alle, dass ich Teil dieser Community werden durfte.

Lizenz für diesen Post CC-BY-SA 4.0


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