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Das stille Sterben in Apulien
21.11.2025
Anzahl Worte: 956

Das stille Sterben in Apulien

Apulien. Blaues Meer, weiße Strände und grüne Landstriche voller teils uralter Olivenbäume. So die gängige Vorstellung, die auch auf Urlaubsprospekten verbreitet wird. Doch die Wirklichkeit für die 4 Millionen Einwohner Apuliens sieht anders aus…

Anfang Oktober im Gargano, dem “Sporn” des italienischen Stiefels. Hier im Herzen des Nationalparks, in der Nähe von Cagnano Varano, wurde bei 47 Olivenbäumen das Bakterium Xylella fastidiosa nachgewiesen.1

Dieses Bakterium, auch als “Feuerbakterium2 bezeichnet, gilt als einer der Hauptverursacher einer der gefährlichsten Pflanzenkrankheiten der Welt und sorgt seit mittlerweile zwölf Jahren in Apulien für eine Schreckensmeldung nach der anderen. Die Region ist Hauptproduzent des italienischen Olivenöls und liefert je nach Erntejahr traditionell 40 bis 45 Prozent des italienischen Gesamtertrags.

So weit nördlich wie hier im Gargano-Nationalpark wurde bisher noch nie ein Xylella-Ausbruch nachgewiesen. Die bisher nördlichsten erkrankten Bäume wurden im Juli 2024 in der Gegend von Andria/Barletta gfunden, etwa 80 Kilometer weiter südlich.

Wir sind zutiefst besorgt. Die Ankunft des Bakteriums in diesem Teil Apuliens scheint auf eine Beschleunigung seiner Ausbreitung hinzuweisen.
– Gennaro Sicolo, Regionalpräsident der Confederazione Italiana Agricoltori

Begonnen hat alles zwölf Jahre früher in der Nähe von Gallipoli, beinahe 300 Kilometer südlich von Cagnano Varano. Im Herbst 2013 berichtet der Schwiegervater des Pflanzenforschers Donato Boscia von auffälligen, dürren Zweigen imd eingerollten, vertrockneten Blättern an seinen Olivenbäumen. Boscia analysierte die Pflanzen im Labor und traf auf einen alten Gegner von der anderen Seit der Welt: das Bakterium Xylella fastidiosa. In Europa bisher unbekannt, war es bisher nur in Nord- und Latein-Amerika und in einem kleinen Gebiet Taiwans aufgetreten. Aufgrund der dort angerichteten Schäden bedeute sein Auftauchen in Europa allerdings Alarmstufe Rot.

Abgestorbene alte Olivenbäume, Opfer von Xylella fastidiosa

Xylella befällt nicht nur Olivenbäume. Auch Weinstöcke, Mandelbäume, Zitrusfrüchte, Avocado und Kaffeepflanzen sind in Gefahr, insgesamt etwa 700 Arten von Pflanzen können als Wirte für die Xylella-Bakterien dienen. Weinreben waren auch die ersten Pflanzen, bei denen ein massiver Befall nachgewiesen wurde. Zuerst als “Anaheim disease” bekannt, vernichtete Xylella fastidiosa in Kalifornien innerhalb weniger Jahre über 16.000 Hektar Weingärten. Der Pflanzenphysiologe Newton Pierce untersuchte das Sterben der Weinreben und veröffentlichte 1892 einen detaillierten Bericht, seitdem ist die Krankheit auch als “Pierces disease (PD)” bekannt. Donate Boscia und sein Team wussten also, dass eine der gefährlichsten Pflanzenkrankheiten der Welt in Italien aufgetaucht war.

In den 12 Jahren seit 2013 ist Xylella fastidiosa nicht nur die 300 Kilometer nach Norden vorgedrungen, sondern hat auch eine Spur der Verwüstung in Apulien hinterlassen. Ein Viertel der Fläche Apuliens ist bzw. war mit Olivenbäumen bedeckt, ihre Zahl wurde 2015 auf 60 bis 65 Millionen geschätzt. Das sind knapp die Hälfte aller Olivenbäume Italiens. Die Einwohner Apuliens hängen mit ihrer Erwerbstätigkeit nicht nur zum Großteil an der Olivenölproduktion (und der Weinwirtschaft, die ebenso gefährdet ist), sondern auch der Tourismus hängt von einer intakten Umwelt ab.

Ein Olivenhain mit noch gesunden Bäumen

Jetzt zeigt sich auch hier der Nachteil der Monokultur.3 Die besonders anfälligen Sorten Cellina di Nardò und Olearola Salentina sind die am häufigsten angebauten Sorten, weil sie hohen Ertrag bringen. Dabei bleibt bei einem Befall nur eine rigorose Methode: der befallene Baum und alle weitern im Umkreis von 50 Metern werden gerodet. Zusätzlich wird eine Monitoringzone um die befallenen Gebiete eingerichtet. Ganze Landstriche sind leere Felder oder Haine voller Baumgerippe.

Während es keine Immunität gegen das Bakterium bzw. seine Auswirkungen gibt, sind einige Sorten toleranter bzw. weisen eine relativ hohe Resistenz gegen Xylella fastidiosa auf. Dazu gehören auch die Varietäten Leccino, Lecciana, FS17 und Leccio del Corno.4 Diese Sorten bringen allerdings auch bis zu 30% weniger Ertrag und es dauert nach dem Roden der abgestorbenen Bäume, der Aufbereitung des Bodens und dem Neupflanzen noch Jahre, bis die neuen Bäumchen Oliven tragen.

Über 20 Millionen Bäume sind mittlerweile abgestorben, der rein materielle Schaden liegt bei weit über 2 Milliarden Euro. Viele Einwohner Apuliens besitzen privat oder als Nebenerwerb ebenfalls kleine Olivenhaine, weswegen etwa 80% der Olivenbestände in Apulien kleiner als 2 Hektar sind. Die wirtschaftlich sinnvolle Größe für einen Produktions liegt dagegen bei etwa 20 Hektar.

Übertragen wird die Infektion durch Insekten, die sich von Pflanzensäften ernähren. Hauptüberträger in Apulien ist die Wiesenschaumzikade5 (Philaenus spumarius), die in der Gegend “sputacchina” genannt wird. Sobald das Insekt einmal infiziert wurde, bleibt es sein Leben lang Überträger der Bakterien. Mittlerweile wird versucht, die Wiesenschaumzikade in den befallenen und gefährdeten Gebieten auszurotten.

Neben dem Ernteausfall und den Auswirkungen auf den Tourismus (niemand macht gerne in einer Mondlandschaft abgestorbener, dürr in den Himmel ragender Baumgerippe Urlaub) ist auch ein anderer Aspekt relevant: jeder ausgewachsene Olivenbaum absorbiert pro Jahr etwa 730 kg CO2. Bei über 20 Millionen Bäumen sind das mittlerweile 15.330.000 Tonnen pro Jahr. Das entspricht zum Vergleich etwa 10% der deutschlandweiten Emissionen durch Heizungen (Stand 2021).

Betroffen von Xylella sind nicht nur die apulischen Olivenbäume. 18 Monate nach dem ersten Nachweis wurden die ersten befallenen Weinreben in Korsika entdeckt. Mittlerweile sind Oliven, Weinreben und Mandeln nicht nur auf den Inseln,6 sondern auch auf Festlandsgebieten in Frankreich, Spanien und Portugal befallen. Damit ist die Infektion durch Xylella mittlerweile eine der Hauptkrankheitsrisiken für die EU-Landwirtschaft. Allein der Produktionsverlust an Olivenöl wird auf mindestens 5 Milliarden geschätzt, das zukünftige Ausfallrisiko liegt um ein Vielfaches höher und EU-weit könnten bis 300.000 Arbeitsplätze von der Ausbreitung von Xylella betroffen sein.

Noch konnte eine Ausbreitung des Befalls in Richtung Kalabrien verhindert werden.7 Allerdings war man gegen Ende der 10er Jahre noch sicher, die Ausbreitung auf das Salento (den “Absatz” des italienischen Stiefels) zu begrenzen. Diese Hoffnung hat sich in den letzten Jahren zerschlagen und es sieht so aus, als würde der Klimawandel und der damit verbundene Dürrestress die Ausbreitung der Krankheit weiter nach Norden und auch nach Westen begünstigen.

Lizenz für diesen Post CC-BY-SA 4.0


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