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Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen

Nicht auf alles reagieren
09.01.2026
Anzahl Worte: 765

Schwere Zeiten

In den letzten Tagen habe ich einige Blogposts gelesen, aus denen sich Erschöpfung ablesen lässt. Zu viele (schlechte) Nachrichten, zu viel los, zu viele Informationen und viele wollen zurück zu den “digitalen Wurzeln”. Die Luft bei Social Media ist raus.

Für manche fühlt sich das Jahr im Januar schon an wie im Oktober. 😎

Auf der anderen Seite lese ich in “meinem” Social Media (ich habe nur noch eines, das Fediverse) aber auch laufend Erregungs-Posts von Leuten, die zu nahezu allem Weltgeschehen eine (meist empörte) Meinung äußern. Da wird gegen die eine Regierung (sucht Euch ein Land aus) gewettert, gegen den Verkehr, die Tagespolitik, andere Generationen und und und. Möglicherweise ist das für viele auch eine Art Therapie. Für viele anderen ist es ebenfalls nervenaufreibend, weil sie mit Filtern versuchen, diese Dinge aus ihrer Timeline zu halten. Diese Leute regen sich dann wiederum darüber auf, dass die Personen ihre Posts nicht mit einer Inhaltswarnung versehen. Es ist alles sehr schlimm…

Ich poste fast nie zu irgendwelchen Aufregerthemen und ich habe nur wenige Filter (Fussball ist einer davon 😉). Ich blättere über irgendwelche Posts, in denen sich Leute (meist in einem schrecklichen Tonfall und unter Abwesenheit jeglicher Kenntnis des Problemfeldes) aufregen und bleibe dafür bei interessanten Geschichten, schönen Bildern, hilfreichen Anleitungen oder respektvollen Diskussionen (sofern das in einem chronologischen, post-basierten Medium möglich ist) hängen.

Es gibt diese alte memetische Geschichte (meistens ist es ein alter Indianer, der sie erzählt) von den beiden Wölfen in jedem Menschen, die miteinander kämpfen. Auf die unweigerliche Frage, welche der beiden Wölfe gewinnt, kommt dann die Antwort “der, den Du fütterst”.

Ich frage mich tatsächlich, welche Vorstellung Leute haben, die mit Beschimpfungen irgendwelche ad-hoc Aktionen für irgendwas fordern. Das Fediverse ist der Bruchteil eines Bruchteils der Bevölkerung und egal ob es die US-Regierung, der deutsche Verkehrsminister oder jemand anders ist, diese Leute werden natürlich sicher nichts besseres zu tun haben als sofort alle diese Forderung vollständig erfüllen. Von was träumst Du nachts? 😉 Das ist das Füttern des falschen Wolfes.

Diejenigen sollten vielleicht einen anderen alten Spruch beherzigen, der ebenso wichtig ist und der die auch im Fediverse vorhandene Erregungskultur deutlich dämpfen könnte:

Gib mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
die Kraft, die Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann
und die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.

Egal, wie viel Ihr Euch aufregt, es geht der US-Regierung am Hintern vorbei, was im Fediverse geschrieben wird. Ebenso wird kein noch so langer Thread irgendwas an der Geldverteilung für die einzelnen Verkehrsmittel ändern. Was jede und jeder tun kann, die etwas ändern will, ist die (langwierige und oft kleinteilige) Arbeit in den entsprechenden Gremien und Organisationen. So richtig in der Offline-Welt mit Hintern hoch und tun statt tippen. Als Beispiel im Falle der deutschen Außenpolitik: wenn Ihr jetzt was verändern wollt, dann hättet Ihr vor Jahren in die Politik gehen und Politiker oder Diplomat werden sollen. Ihr könnt gerne zu mehr Engagement aufrufen im Bereich des Klimaschutzes, aber ein Wettern gegen irgendwelche Bauern, die mit ihren “dicken Dingern” Autobahnzufahrten vollstellen, ist im Fediverse wirkungslos bzw. meist das berühmte “preaching to the choir”.

Ein anderes Beispiel sind die vielen Aufrufen zu irgendwelchen Petitionen bei irgendwelchen Organisationen. Die einzige Stelle, an der das Zeichnen einer Petition in Deutschland sinnvoll ist, ist eine Petition im Portal des des Petitionsausschusses – alles andere ist rechtlich in keinster Weise bindend und pures Marketing bzw. Datensammeln. Wem die paar Minuten für die Registrierung zu viel Arbeit sind, soll bitte schweigen.

Die Kunst, nicht auf alles zu reagieren, muss gelernt werden. Sei es durch das Abschicken von Posts in den Draft-Ordner, ins Null-Device oder das Aufstehen und von der Tastatur weg gehen. Eine Meinung kund zu tun ist etwas anderes als als das, was ich auch im Fediverse in den letzten Jahren gelesen habe. Empörung und Beschimpfungen bringen nichts, weil es die Adressaten nie sehen werden (und falls sie es sehen würden, würden sie es schon aufgrund des Tonfalls ignorieren).

Die Stimmung vieler, die ein “zurück zu den digitalen Wurzeln” ausdrückt (meist der Rückzug auf das eigene Blog und das Lesen anderer Blogs per RSS), ist auch deswegen interessant, weil in einem Blogpost der Ton ein ganz anderer wird. Die Worte werden anders gewählt. Es ist mehr Zeit, weniger “sofort” und mehr Entspannung. Ich verstehe daher viele, die weniger aktiv im Fediverse im Bereich Mikroblogging sind. Ich schätze alle, die freundlich und engagiert interessante und schöne Dinge teilen (weswegen ich auch erfreut sehe, das ein Dienst wie PixelFed mehr Fahrt aufnimmt) und “den anderen Wolf füttern”. Bleibt dabei, ich danke Euch dafür.

Tags: life

Lizenz für diesen Post CC-BY-SA 4.0


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