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Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen

Die verlorenen Stimmen
23.02.2026
Anzahl Worte: 1339

Die verlorenen Stimmen

Ich bin nicht wirklich polyglott mit meinen drei Sprachen (vier, wenn ich Bairisch dazuzähle 😉), aber ich interessiere mich schon seit meiner Teenagerzeit für andere Sprachen und die Kulturen dahinter und habe ein paar Semester bei den Sprachwissenschaftlern auf dem Buckel. Daher verfolge ich Berichte über das Aussterben von Sprachen und die Verringerung der linguistischen Vielfalt schon länger.

Heute existieren (noch!) etwas über 7000 Sprachen, mehr als die Hälfte davon gilt bereits als gefährdet. Etwa alle zwei Wochen verschwindet eine Sprache und die damit verbundene Kultur für immer. Bis zum Beginn des nächsten Jahrhunderts könnte sich die sprachliche Vielfalt unserer Welt halbiert haben. Und der Großteil der Menschen würde kaum etwas davon bemerken, bis es zu spät ist.

Screenshot der Ethnologue-Website https://www.ethnologue.com/insights/how-many-languages/

Warum sterben Sprachen?

Was ist so schlimm, wenn eine Sprache verschwindet? Ist es nicht für die globale Verständigung besser, wenn mehr Leute die gleiche Sprache sprechen?

Mit einer Sprache verwinden nicht nur Worte, sondern auch die Kultur, welche durch diese Sprache weitergegeben wurde. Die Globalisierung und der dadurch entstehende wirtschaftliche Druck verstärken diese Entwicklung noch. Sobald die globale Kommunikation und der Handel ein Gebiet erreichte, führte das zu einer Sprachverschiebung zu den weiter verbreiteten und dominanten Verkehrssprachen. Diese bieten bessere Bildungs- und Arbeitsbedingungen und fördern damit die Abkehr von einer weniger verbreiteten Muttersprache.

Allein die fünf am meisten als Erst- oder Zweitsprache gesprochenen Sprachen (Englisch, Mandarin, Hindi, Spanisch und Arabisch) werden von etwa der Hälfte aller Menschen gesprochen. Da bleibt für die anderen etwa 6995 nicht mehr viel übrig. Ein anderer Faktor ist Migration. Da reicht schon die Verstädterung der Welt, denn wenn Landbewohner in eine Stadt ziehen, verlieren Sie den täglichen Kontext, in dem sie ihre Muttersprache benötigen. Je größer die Stadt, umso größer wird der linguistische Druck, auf eine der weltweiten Verkehrssprachen auszuweichen oder in einem sprachlich isolierten Viertel der Stadt zu leben.

Viele der bedrohte Sprachen besitzen keine schriftliche Tradition oder nur noch eine sehr kleine Zahl an (meist alten) Sprecherinnen und Sprechern. Sobald die letzten Muttersprachler sterben, bleibt kein schriftliches Zeugnis zurück.

Wir verlieren nicht nur Worte

All das kulturelle Wissen in Metaphern, Liedern und Mythen geht mit dem Aussterben einer Sprache unter.

Wenn eine Sprache stirbt, stirbt ein großer Teil des Wissens, das mit ihr verbunden ist.
– aus einer BBC Future Reportage

Sprache bietet eine kulturelle Identität, sie ist das Bindeglied zwischen Gemeinschaft und Geschichte. Sie transportiert Rituale, Mythen und Werte, die oft nicht in anderen Sprachen wiedergegeben werden können.

Viele indigene Völker dieser Welt haben eigene, kleinräumige Sprachen, besitzen aber detailliertes Wissen über lokale Ökosysteme, Heilpflanzen und Wetterphänomene. Diese sind dann ausschließlich in ihrer Sprache kodiert und können kaum in eine andere Sprache übertragen werden oder wenn doch, dann nur mit sehr großem Aufwand.

Sprachen prägen das Denken. Unterschiedliche Sprachen fördern verschiedene Denkweisen. Der Verlust einer Sprache bedeutet den Verlust einer Sichtweise auf unsere Welt. Ein Beispiel dafür sind die Guugu Yimidhirr im Norden von Queensland, Australien (ihre Sprache, die nur noch von einigen Hundert Leuten gesprochen wird, trägt den gleichen Namen). In der Sprache gibt es keine Vokalen, die eine Position relativ zum Nutzenden angeben, sondern nur die Himmelsrichtungen ("Da ist eine große Ameise nördlich von deinem Fuß"). Somit müssen alle Personen, die Guugu Yimidhirr sprechen, auch immer über ihre Lage im Raum und damit die Himmelsrichtungen orientiert sein. Faszinierend!

Ansätze zur Bewahrung

In vielen Gegenden der Welt wird versucht, dem Aussterben von Sprachen entgegenzuwirken. Es gibt Projekte wie Wikitongues, ein globales Netzwerk von über 1000 Freiwilligen, das Videos, Wörterbücher und Lernmaterialien sammelt.

Allerdings zeigen diese Projekte auch dem Umfang einer solchen Mammutaufgabe. Seit 2016 wurden mehr als 400 Sprachen dokumentiert, das sind je nach Zählweise etwa 6-7 Prozent der vorhandenen Sprachen.

Wenn eine Sprache stirbt, verliert eine Kultur ihre Identität
 – Daniel Bogre Udell, Mitgründer von Wikitongues 

Eine “Selbstdokumentation” einer Sprache durch Muttersprachler ist bei weitem nicht für alle möglich. Auch wenn das Internet mittlerweile alle Winkel der Welt erreicht hat, können nicht alle Smartphone‑Aufnahmen produzieren und auf Videoplattformen posten. Für die Bewahrung einer Sprache würde das nicht ausreichen. Viele Sprachen besitzen kaum sprachwissenschaftlich ausgebildete Muttersprachler, die beim Weitergeben, Erklären und Bewahren einer Sprache helfen können. Daher geht allein dadurch Bedeutung verloren. Auch die Dokumentation von Wörterbüchern oder Beschreibungen beispielsweise auf Wikipedia wird mit der Geschwindigkeit des Aussterbens von Sprachen nicht mithalten können.

Wiederbelebungsversuche

Auf der Webseite von Wikitongues finden sich Berichte über “Wiederbelebungsprojekte” von stark gefährdeten Sprachen. Es gibt weltweit verteilt Programme, die Muttersprache im Klassenzimmer stärken. So wird beispielsweise in Neuseeland Māori seit den 1980er‑Jahren systematisch gefördert – die Zahl der Sprechenden hat sich seitdem verdoppelt.

Wird das Interesse an einer Sprache geweckt, vor allem bei den jungen Menschen, dann kann eine Sprache vor dem Verschwinden gerettet oder für längere Zeit erhalten bleiben. Das sind keine großen Wellen, aber beispielsweise hat sich die Zahl der Einwohner Schottland, die Gälisch sprechen (nicht unbedingt fließend), seit Beginn der 2010er Jahre um 50% gesteigert. Das klingt nach viel, war in absoluten Zahlen aber nur etwa von 87.000 auf etwa 130.000 Sprechende (etwa 2.5 Prozent der Bevölkerung).

Allein in Papua-Neuginea gibt es so viele regionale Sprachen, dass über 80 Sprachen vom Aussterben bedroht sind! Einige davon haben nur noch weniger als ein paar Dutzend Personen, die diese Sprache beherrschen.

Viele dieser Initiativen zur Rettung von Sprachen hängen von Spenden ab oder arbeiten ohne einen nachhaltigen Finanzierungsrahmen. Das bedeutet, dass wohl nur wenige der Sprachen mit einer sehr geringen Zahl an Sprechenden überleben werden. Dazu führt eine rein akademische “Speicherung” nicht zu einem aktiven Gebrauch der Sprache.

Manche Projekte sind aber durchaus erfolgreich. Ein Beispiel ist “Silbo Gomero”, eine Pfeifsprache, die auf Spanisch basiert. Dabei werden die Laute der Sprache durch Pfiffe erzeugt. Gesprochen bzw. gepfiffen wird Silbo auf der Insel La Gomera. Während noch im späten 19. Jahrhundert diese Art der Kommunikation sehr verbreitet war, war Silbo Gomero Mitte bis Ende der 70er Jahre fast ausgestorben. Danach förderten lokale Einrichtungen und die Regierungen der Autonomen Gemeinschaft der Kanaren den Silbo Gomero sowohl finanziell durch Kurse als auch durch Hervorhebung der historischen Bedeutung. Heute ist Silbo Gomero Pflichtfach an allen Schulen der Insel La Gomera und wird auch von Jugendlichen benutzt und als Teil der kulturellen Identität von La Gomera verstanden. Auf den anderen Kanarischen Inseln werden Kurse angeboten.

Der Blick in die Zukunft

Zahlen und Statistiken zu Sprachen erzählen aber nur die halbe Geschichte. Jede verlorene Sprache ist ein verstummtes Gemeingut, ein verlorenes Gedächtnis einer ganzen Menschheitsgruppe. Das Retten einer Sprache ist also nicht das Retten von Wörterbüchern, sondern das Bewahren eines kleinen Universums an Erfahrungen und kultureller Überlieferung.

Dies erfordert allerdings mehr als reines Archivieren, sondern das aktive Sprechen, das Lehren und Lernen und das Feiern einer Sprache. Das wird nur gelingen, wenn der Jugend vermittelt werden kann, dass es keine Abkehr von einer Muttersprache geben sollte, sondern eine der “großen” Verkehrssprachen ein wertvoller Zusatznutzen ist, die eigene Muttersprache aber gelebt und gesprochen werden will.

Dennoch wir die Zahl der Sprachen sinken und auch Sprachen selbst werden sich verändern. Auch das so oft als heutige “Weltsprache” genannte Englisch ist plastischer, als viele annehmen. Die letzten zwei- bis dreihundert Jahre war es relativ stabil, aber der Wortschatz hat sich deutlich gewandelt und erweitert und sobald Du weiter in der Zeit zurück gehst, kommt irgendwann die “linguistische Mauer”, auf die Du aufprallst.

Die Zahl der Sprecherinnen und Sprecher einer der großen fünf Verkehrssprachen (einer “lingua franca”) mag zwar zunehmen, aber die Beherrschung von Grammatik und Wortschatz eben nicht. So verringert sich die sprachliche Varianz. Wwer schon einmal nachgeschlagen hat, wie viele Worte Englisch allein für das Konzept “kurz/kompakt” hat und dann sieht, wie oft dafür das einfache “short” herhalten muss, weil es eben fast überall verstanden wird, der versteht das Problem.

Sprechen wir dann in zweihundert Jahren alles “SBE” (simple bad englisch) oder “GloMa” (global mandarin)? Keine Ahnung, vielleicht ein Mischmasch wie in den vielen Science Fiction Geschichten. Ich hoffe jedenfalls, dass die sprachliche und kulturelle Vielfalt und die Begeisterung von Menschen für diese nicht so schnell verwinden wird!


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