Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Es gibt Gerüche, die Dich schlagartig in die Vergangenheit zurückschicken. Das liegt daran, dass der Geruchssinn direkt mit dem Gehirn verknüpft ist und nicht erst „gefiltert“ wird. Selten passiert dies mit anderen Sinneseindrücken, denn Dein Gehirn muss im richtigen mentalen Zustand sein. Ich hatte heute so ein Erlebnis und habe eine Erinnerungsreise zurück in meine Kindheit gemacht, während ich in der Realität mit Chico am späten Nachmittag in der Flutmulde unterwegs war.
Wir haben eine dieser Automatikleinen. Ein Handgriff mit einer Spule mit Leine, die sich bis auf 8 oder 10 Meter ausrollen lässt und per Tastendruck den Vortrieb des Hundes schlagartig auf Null bringen kann. Nein, das mache ich natürlich nicht, ich liebe unseren Hund und er hat auch ein Schultergeschirr, ich würde Hunde nie mit Halsband an der Leine führen. Auch Vierbeiner haben ein empfindliches Genick. So, nachdem wir das geklärt haben, zurück zum Thema. 😉
Wer Du solche Automatikleinen kennst, kennst Du wahrscheinlich auch das sirrende, leicht unregelmäßige „Abspulgeräusch“, wenn der vierbeinige Freund Abstand sucht. Genau dieses Geräusch hat mich in die Vergangenheit geschickt. Fast das gleiche Geräusch kenne ich noch von einer anderen Quelle: einer Spule an einer Angelrolle, die schnell abspult, weil der Fisch gerade angebissen hat und abhaut. Und schon war ich auf Zeitreise…
Usterling, Anfang der 70er. Ein Spätnachmittag im Frühsommer am Ufer der Isar. Ich weiß noch, ich war schon in der Grundschule, aber welches Jahr das genau war ist im Nebel der Zeit verloren gegangen. Die Stelle gibt es heute nicht mehr in dieser Form, denn seit Mitte der 80er steht etwas flussabwärts die Staustufe Landau und die aufgestaute Isar hat die Flusslandschaft verändert. Damals war dort eine kleine Bucht mit feinem angeschwemmten Fluss-Sand und schattigen Bäumen, eine der Lieblings-Angelplätze meines Vaters. Ich durfte oft mit und habe mit meinen Spielereien am Uder wahrscheinlich mehr Fische verscheucht als mein Vater je gefangen hat, aber es war herrlich.
Und an jenem Nachmittag höre ich dieses sirrende, schwingende Geräusch, wenn Meter für Meter von der Angelrolle abläuft. Mein Vater springt auf, schnappt sich die Angelrute und sieht auf einmal sehr beschäftigt aus. “Das ist ein Großer”, ruft er mir zu und versucht, wieder etwas Angelleine einzuholen.
Wir haben damals nicht “for fun” geangelt wie viele Leute heute oder Angel-Touristen, die in ganz Europa herumreisen und dort ihre Köder baden. Wir waren nicht wohlhabend, wirklich nicht. Meine Mutter ging nicht zur Selbstverwirklichung arbeiten damals, sondern weil das Geld knapp war. Und Angeln war mehr als einmal die Lösung, weil kein Geld für dem Metzger da war. Vielleicht einer der Gründe, warum ich Steckerlfisch immer noch als Delikatesse empfinde. Ich weiß, wie es ist, wenn Du eine Woche mehr oder weniger von Kartoffeln und Quark und Gurkensalat lebst. Daher waren zwei oder drei Fische, die dann im Garten gegrillt wurden, eine willkommene Abwechslung.
Der “Große” draußen an der Angelschnur wehrte sich heftig. Immer wieder lief die Schnur mit diesem Geräusch wieder von der Rolle ab, während mein Vater versuchte, den Fisch müde zu machen. Ich stand staunend daneben. Der Tanz mit der Beute ging vom Ufersand ins knietiefe Wasser und wieder zurück. Für mich als Kind dauerte es eine endlos lange Zeit, aber immer öfter verschwand die Schnur nicht mehr in der Mitte des Flussbetts, sondern nur noch wenige Meter vom Ufer entfernt. Und dann tauchte er auf, ein silberner Schatten, der halb aus der Isar sprang, sich drehte und wieder abtauchen wollte. Ein für mich damals echt großer Fisch! Ein paar Mal kämpfte er sich noch etwas aus dem Wasser und irgendwann dann gab er auf. Ich rannte und durfte den Kescher halten und meinem Vater helfen, den Fisch an Land zu bringen. Papa pfiff anerkennend durch die Lippen und strich mit der Hand über den Fisch. “Danke, mein Großer”, sagte er, müde vom Drill. Der Fisch passte kaum in den Kescher.
Mein alter Herr hatte wohl auf kleinere Barben oder etwas in der Art gehofft. “Das ist ein Huchen”, erklärte er mir. Und er hat locker einen halben Meter! Damals waren die noch in der Isar zu finden, auch viel weiter flussaufwärts. Heute Abend würde es Steckerlfisch geben, ganz langen sogar! Was ich damals auch lernte: kein Fang soll leiden und Hunder oder nicht, zu kleine Fische kommen wieder zurück in den Fluss. Und was Du essen willst, musst Du selbst töten können. Ein Grund, warum ich keine Aale esse. Zwei gefangen während meiner Ausbildung und danke, diese Biester leben ewig.
Ich glaube nicht, dass mein Vater jemals wieder einen größeren Huchen gefangen hat als diesen. Eine Menge anderer Fische ja, aber dieser Nachmittag an der Isar blieb mir in Erinnerung. Das flirrernde Licht der späten Nachmittagssonne, die Spiegelung auf dem Wasser und der silberne Schuppenleib des Huchens und ja, auch die Gerüche. Die Isar (und auch oft die Isarfische 😆) hatte einen charakteristischen Geruch.
Ich selbst habe es nie bis zur Anglerprüfung geschafft, nur bis zum Jugendfischereischein. Heute gibt es den nicht mehr, seit 2025 können Kinder und Jugendliche in Begleitung eines volljährigen Fischereischeininhabers fischen. Einen Huchen habe ich nie erwischt und der einzige Hecht, den ich damals “gefangen” habe, auf den bin ich draufgetreten. Ernthaft! In der Vils, bei Reisbach, zur Erheiterung der gesamten Kindergruppe und des Fischereilehrers. Zeigt nur, dass man als Jäger nicht nur stur auf Beute fixiert geradeaus ins Wasser starren sollte, sondern auch darauf achten, ob irgendwas von oben kommt. Immerhin, Fang ist Fang. 😉
Deshalb war ich heute Nachmittags in der Flutmulde kurz auf einer Zeitreise und das Ende der acht Meter brachte mich mit einem kleinen Ruck wieder in die Wirklichkeit zurück. Zurück zu einem Chico, der mich fragend anguckte, weil ich normalerweise früher reagiere. Dennoch möchte ich diese Erinnerung nicht missen und würde was dafür geben, nochmals mit meinem seligen Papa am Ufer der Isar zu sitzen und einen Sommertag zu genießen, egal ob einer anbeisst oder nicht. 💖😢
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