Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Das Echo auf die Vorstellung der Änderungen bei der Suche auf Google’s IO-Konferenz war riesig. Hier nur beispielhaft ein Artikel in Deutsch und einer in Englisch, beide lesenswert.
Jetzt könnte ich ja schreiben, wer mehr dazu wissen will, kann sich die Artikel selbst suchen, denn noch sieht zumindest hier in der EU die Suche so aus wie gewohnt.

Genau das ist aber der Punkt. Die neue Suche wird überhaupt keine Links zu anderen Websites mehr ausgeben, sondern nur noch eine per LLM generierte Zusammenfassung als Antwort auf eine Suchanfrage.
Damit entfällt für einen Großteil der Websites der Suchtraffic, der bisher von Google generiert wird bzw. wurde und somit auch ein Großteil der möglichen Einnahmen. Während viele Reaktionen im Web und den Social Media-Plattformen von “dann nimm halt eine andere Suchmaschine” über “Regulierung, Regulierung!_” bis zu “Wir müssen dem KI-Bot einfach(!) nur andere Inhalte als Menschen liefern” reichen und damit zeigen, dass sehr viele der Kommentierenden sehr wenig Wissen um die Funktionalitäten, Wirksamkeiten und Machtverhältnisse im Web haben, wird bei der ganzen Diskussion übersehen, dass das eigentliche Problem ganz woanders liegt.
Ich formuliere es mal ganz allgemein ohne Bezug auf Websites: Wenn ich eine Dienstleistung anbiete, die für die Aufrechterhaltung Ressourcen benötigt, welche bezahlt werden müssen, dann ist die erste Überlegung, wie ich diese finanziellen Mittel über einen längeren Zeitraum bereitstellen kann.
Will ich also eine Website haben, die beispielsweise Informationen zum Aufenthalt in einer bestimmten Stadt bereitstellt oder eine Online-Plattform für den Austausch über Mountainbike-Strecken und die für die Fahrräder benötigten Zubehör- und Ersatzteile, dann muss ich mir überlegen, wie ich den Server, die Arbeit an der Website und vor allem die längerfristige Produktion von Content sicherstelle.
Das ist das Fundament eines jeden Online-Auftritts. Andernfalls habe ich keinen Plan, wie lange ich das Angebot aufrechterhalten kann bzw. arbeite nach dem Prinzip Hoffnung (wie oft das funktioniert, sieht man oft genug und das ist auch einer Gründe für die “enshittification” im Web, wenn dann verzweifelt nach jeder Möglichkeit gegriffen wird, um Geld mit einem Auftritt zu verdienen).
Damit liegt die Ursache des jetzigen Aufschreis nicht darin, dass Google bei Suchanfragen keinen Traffic mehr an die Websites weiterleitet, aus deren Content Google die eigenen LLMs trainiert hat. Die Ursache ist erstens, dass die TechBros das Internet abgefischt haben, ob jemand das wollte oder nicht. Alle, die eine Plattform betreiben, die öffentlich zugänglich ist, mussten seit etwa drei Jahren davon ausgehen, dass auch ihr Content zum Training verwendet wird.
Die zweite Ursache ist das Verlassen darauf, dass ein für die Existenz des eigenen Online-Auftritts essenzieller Faktor davon abhängt, dass sich Google mir wohl gesonnen verhält (das “don’t be evil” ist schon lange Geschichte, das ist nichts Neues). Der Großteil des Suchtraffics bzw. meiner Werbeeinnahmen hängt also an einem Konzern, der bereits mehrfach bewiesen hat, dass ihn sowas nicht im Geringsten interessiert. Wenn ich jetzt diese Existenz meiner Plattform davon abhängig mache, weil ich bei Wegfall dieses Traffics die Kosten für Unterhalt und Produktion von Content nicht mehr tragen kann, dann ist nicht Google das Problem.
Ja und Nein. Es gibt zwei Ansätze. Der eine (der auch nur solange funktionieren wird, bis Google oder anderen wieder eine neue Richtung einschlagen) ist das, was als “GEO” bezeichnet wird: Generative Engine Optimization, das Optimieren der Inhalte für LLMs und die Hoffnung, dann als priorisierte Quelle in den Antworten aufzutauchen. Viel Spaß damit.
Der zweite Ansatz ist der schwierigere, aber langfristig sinnvollere. Die Zeiten von “offen und kostenlos” sind vorbei. Es gibt einen Grund, warum Zeitungen seit Jahrhunderten Geld für ihre Ausgaben verlangt haben: die Kosten für Produktion und Content müssen gedeckt werden. Wenn Du heute einen Online-Auftritt hast, dann darf der nicht davon abhängen, dass in einem Konferenzraum eines Konzerns, der nicht mal weiß, dass es Dich gibt, eine Entscheidung getroffen wird oder nicht. Falls das so ist, dann sehe ich für die Zukunft Deines Auftritts schwarz.
Kostenloser Content kann nur noch “Schaufenster” sein, um darauf hinzuweisen, was der Auftritt an Nutzen bietet und welche Leistungen angeboten werden, die auch bezahlt werden. Wenn Dein cooler Städteführer ein paar Hundert Euro im Monat nur für den Betrieb verschlingt, dann musst Du eine Idee haben, wo Du diese paar Hundert Euro pro Monat her bekommst und wie Du über diesen Einkommenskanal die Kontrolle behältst. Dieser Kanal ist nicht der Suchtraffic irgendeiner Suchmaschine, weil (siehe eben jetzt Google) das von einem Moment auf den anderen vorbei sein kann. Wenn Du dann sagst, “OK, war nett, dann höre ich eben auf” ist das eine valide Option, aber die meisten Online-Auftritte möchten schon gerne weiter bestehen.
Das muss nicht sein, obwohl viele Alternativen dahin führen. Content oder Dienstleistung nur nach personalisierter Anmeldung, bezahlte Newsletter, digitale Dienstleistung auf Bestellung ohne freien Content im Web, all das sind Möglichkeiten.
Das wirft dann aber auch eine interessante Frage auf: Ist Dein Content oder deine Plattform so gut, dass Leute bereit sind, dafür zu bezahlen? Solange Du nicht viel besser bist als Deine Mitbewerber für das gleiche Angebot wirst Du wenig Chancen haben. Wenn niemand mehr Content anbietet, weil er sofort von den Bots gefressen und für eigene Zwecke verwendet wird, Du aber durchgehalten hast und eine von wenigen Anbietern bist, dann hast Du auch eine Chance.
Aber all das läuft auf eines heraus: entweder Du siehst es als Hobby und steckst Geld und Zeit aus Freude rein oder Du sorgst dafür, dass Deine finanzielle Basis nicht von einem Tech-Konzern aus dem Silicon Valley abhängt.
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