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Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen

Die Marken, das Schatzkästchen Italiens
12.06.2026
Anzahl Worte: 1867

Die Marken, ein besonderes Reiseziel

Die Marken sind etwas Besonderes. Wir haben nach Pfingsten etwa zwei Wochen in dieser Region verbracht, die oft als “Italien in einer Region” bezeichnet wird und ich kann bestätigen, dass dieser Titel nicht unberechtigt ist. Die Marken stehen manchmal im etwas Schatten der Nachbarregionen, werden oft verglichen mit der Toskana und Umbrien, dabei hat diese wunderbare Region keine Vergleiche nötig. Hier vereinen sich Einflüsse aus dem Norden, der Mitte und dem Süden Italiens.

Die Marken auf der Karte

Das beginnt schon beim Namen: wieso eigentlich “die Marken”? Als einzige Region Italiens besitzen die Marken einen Namen im Plural. 1 Der Grund ist wie so oft die überaus vielfältige Geschichte des italienischen Stiefels. Der Begriff “Marcha” enstand in der karolingischen Zeit aus der Bezeichnung für ein Grenzgebiet zur Absicherung des Kernlands.2 Um das Jahr 1000 herum gab es tatsächlich drei dieser Gebiete als Grenze zum Kirchenstaat. Die “Marca Fermana” (der bergige Teil von Picenum), die “Marca Camerinese” (die nördlichere Gegend mit einem Teil des heutigen Umbriens) und die “Marca Anconitana” (die frühere Pentapolis, des Fünfstädtebundes an der Adriaküste). 1105 vergab der deutsche Kaiser Heinrich IV. (ja, der mit dem Gang nach Canossa) alle drei Gebiete als “Mark Ancona” gemeinsam als Lehen. Später fiel das Gebiet unter die Kontrolle des Kirchenstaates und wurde von päpstlichen Legaten verwaltet. So wurden die drei Gebiete zu einer einzigen Region, aber der Name “Le Marche” (die Marken) ist bis heute geblieben. 1860 dann wurden die Marken Teil des Königreichs Italien. Die Zeit, in der sie noch drei verschiedene Gebiete waren, hatte jedoch Auswirkungen, auf die ich weiter unten eingehe.

Die Rocca Roveresca in Senigallia

Die Marken bieten eine Mischung aus Norditalien, Mittelitalien und Süditalien. Die Marken als Region waren nie besondere Machtzentren, mit Ausnahme der Zeit am gegen Ende des 11. Jahrhunderts vielleicht, als Robert Guiskard die “Marcha Anconitana” als Lehen hatte. Jener Robert Guiskard, dem listigen Normannen, der sich mit seiner Familie in den Jahrzehnten vorher in Kalabrien und Süditalien sein persönliches kleines Reich zusammenerobert hatte.

Kunsthistorisch jedoch spielen die Marken ebenfalls in der ersten Liga. Rafaello (je nach Quelle Rafaello da Urbino, Rafaello Santi oder Rafaello Sanzi) einer der berühmtesten Maler der Geschichte stammt aus Urbino. Auch der Dichter Giacomo Leopardi wurde in Recanati in den Marken geboren und schrieb mit “L’infinito” das vielleicht berühmteste italienische Gedicht überhaupt. Historisch wichtig ist die Region auch durch Castelfidardo, der Ort an dem Italien “entstand”, denn dort wurde die letzte Schlacht vor der Vereinigung von Nord und Süd, von König Vittorio Emanuele II. geführt. Aber auch bereits vor Christi Geburt hat sich das Gebiet in den Geschichtsbüchern verewigt: mit der Schlacht am Metauro 207 v.Chr. wendete sich der Verlauf des Zweiten Punischen Krieges und die Erfolge von Hannibals Italienfeldzug fanden ihr Ende.

Rafaello Santi und Giacomo Leopardi

Ich habe geschrieben, dass der Ursprung der Marken aus drei verschiedenen Gebieten heute noch bemerkbar ist. Vielleicht nicht für mich, ich bin froh, dass ich mit meinem Italienisch einigermaßen durchkomme und wenn meine italienischen Freunde anfangen, Dialekt zu sprechen oder Worte und Redewendungen aus all den Dialekten verwenden, dann wird es “linguistisch herausfordernd”. 😎 Doch in den Marken habe auch ich festgestellt, dass die Sprache je nach Ort unterschiedlich klingt. Der Norden bis hinter Pesaro hat noch einen romangnolischen Klang wie in der nördlich angrenzenden Region Emilia-Romagna, das „Gallo marchigiano“ (Marchizàn). In der Mitte (in etwa die drei Provinzen Ancona, Macerata und Fermo) hört man eine andere Sprachmelodie und den Dielekt des “Marchigiano centrale” (Marchiggià). Ganz im Süden der Marken hört man schon das Abruzzese und den Süden heraus, das “Marchigiano meridionale” (Marchëscià). Wenn ich der Unterhaltung mit dem netten Herren in Ascoli richtig folgen konnte, dann ist das die einzige Region, in der dieser sprachliche Wechsel von Nord nach Süd in einer Region zu finden ist. Wer genauer nachsehen möchte, es gibt in der Wikipedia einen Dialektatlas der italienischen Sprachen und Dialekte, den ich höchst interessant finde (und der mir Angst macht, wenn ich sehe, was Italien sprachlich zu bieten hat 😆).

Die Hügel der Marken

Die Marken sind auch eine Region des Handwerks. Das ist tatsächlich ein charakteristisches Merkmal. Seien es Musikinstrumente (der oben erwähnte Ort Castelfidardo ist ein Zentrum des Akkordeonbaus), Schuhe (wie die Familie Della Valle: Fillippo Della Valle begann 1900 als Dorfschuster, heute hat das Unternehmen Tod’s einen Umsatz von einer Milliarde Euro und hat Boutiquen in Europa, Amerika und Asien). Der kleine Ort Montappone und einige umliegende Dörfer sind das internationale Zentrum der Hutherstellung in Europa. Fast 70% aller in Europa produzierten Hüte kommen von hier. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist die Papierfabrik Fabriano. Aus dem kleinen Papierhersteller wurde ein „Papier- und Schreib-Konzern“. In vielen kleinen, aber feinen Manufakturen in den Marken werden hochwertige Lederwaren wie Handtaschen gefertigt.

Handwerkserzeugnisse aus den Marken

Die Marken lassen auch von Ost nach West unterteilen und zwar geographisch. Während der Osten an der Adria flache Küstenebenen bietet, finden sich angrenzend oft schon nach wenigen Kilometern Hügellandschaften, die mindestens ebensoso schöne Ausblicke bieten wie die Hügel der Toskana. Im Westen bildet der Apennin die gebirgige Grenze zur Toskana, Umbrien und Latium.3 Keine 30 km von Ascoli Piceno entfernt thront dort mit dem Monte Vettore der mit 2476 Meter höchste Berg der Marken. Nur etwa 5 km südlich liegt die 1540 Meter hohe Forca di Presta, ein Gebirgspass an der Strada Provinciale 477, der ein beliebtes Ausflugsziel fast genau an der Grenze zwischen den Marken und Umbrien ist.

An der Forca di Presta und der Grenze zu Umbrien

Trotz der hohen Berge des Apennin im westlichen Bereich der Marken ist das Meer immer noch unverzichtbarer Bestandteil der Marken. San Benedetto del Tronto ist nach Chioggia der zweitgrößte Fischereihafen der Adria, Ancona ist einer wichtigsten Fährhäfen Italiens. Es gibt lokale Fischgerichte, die einfach wunderbar schmecken und nur in ein paar Orten zu finden sind.

Fischereihafen

Auch wenn (wie überall in Italien) regionale Unterschiede die Region der Marken prägen, sind sich die Marchigiani in einem einig: überall habe ich neben den Flaggen der Orte, Italien und der EU auch die Flagge der Marken gesehen, der Specht vor dem stilisierten „M“. Eine moderne Flagge, die durchaus das Logo eines Unternehmens sein könnte. Dabei ist dieser Specht ein uraltes Symbol mit einer Jahrtausende alten Tradition. Er steht für die Picener, ein Volk, das zwischen 900 und 300 v. Chr. das Gebiet der Marken bewohnte. Vor den Etruskern und Römern schufen die Picener hier eine Kultur. So spannen die Einwohnerinnen und Einwohner der Marken einen Bogen über 3000 Jahre von der Vergangenheit in die Zukunft. Ich denke, das würde den Picenern, die auf den alten Skulpturen abgebildet sind, wirklich gefallen.

Das Wappen der Region Marken

Die Marken bevölkerungstechnisch keine große Region. Etwa eineinhalb Millionen Menschen wohnen hier, weniger als in München, allerdings auf einer Fläche von über 9500 Quadratkilometern! Davon nur wenige in den Küstenebenen, denn nur wenige Kilometer landeinwärts beginnt das Hügelland. Uns wurde gesagt, “die Marken sind ein Drittel Berge, zwei Drittel Hügel und ein Streifen Strand”. 😉 Und dennoch ist es eine wunderschöne Gegend. Das zeigt sich auch an einer anderen “Hitliste”, den “100 schönsten Dörfern Italiens”, I Borghi più belli d’Italia. Auch wenn die Marken bei der Abwanderung von sieben Gemeinden in die Emilia Romagna 2009 mit San Leo eines dieser Dörfer “verloren” haben, so haben sie immer noch über 30 auf der Liste. Keine andere italienische Region hat mehr davon!

Einige der “borghi più belli d’Italia”

Über die Küche der Marken ließe sich ein eigener Blogpost schreiben. Die zwei bekanntesten Gerichte dürfen das Vincisgrassi sein, die “Lasagne der Marken” (und meiner Meinung nach wesentlich besser) und die berühmten gefüllten Oliven all’ascolana aus Ascoli Piceno. Daneben gibt es Schinken, der es mit dem von Norcia aus Umbrien aufnehmen kann, mit der Ciauscolo eine Wurstspezialität, die streichbar und so aromatisch ist, dass sie eine unvergessliche Erinnerung bleibt. Die Trüffel aus der Gegend um Aqualgna sind berühmt, ebenso wie der süße Vin Cotto: ja, gekochter Wein! In einem Kupferkessel auf ein Drittel eingekocht bietet dieser Süßwein eine geschmackliche Komplexität, die Du probiert haben musst. An der Küste ab Pesaro bis zur Riviera del Conero solltest Du unbedingt Brodetto probieren, eine fantastische Fischsuppe. Dafür gibt es kein einheitliches Originalrezept, da die meisten Variationen ortsspezifisch sind und mündlich überliefert wurden. Der einzige gemeinsame Nenner ist die große Vielfalt an frischem Fisch, die für die Zubereitung verwendet wird. Um Grottamare herum gibt es Trippa di rana pescatrice, Kutteln vom Seeteufel mit Karotten und Bohnen. Klingt gewöhnungsbedürftig, schmeckt aber unheimlich gut, lass’ Dir von Einheimischen ein Restaurant empfehlen. Dann gibt es noch die Sardoncini Scottaditto ("die Dir die Finger verbrennen"), kleine Sardnien, bei hoher Temperatur kurz gegrillt und mit den Fingern heiß gegessen (daher der Name). Das sollte reichen, um auch den Feinschmeckern unter den Leserinnen und Lesern die Marken im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen.

Das Essen in den Marken ist einfach lecker

Oh, eines noch: Pecorino ist hier kein Käse, sondern eine autochthone Rebsorte, mit der DOCG Offida gibt es sogar eine DOCG-Zone. Auch die Passerina ist eine autochthone Rebsorte und es gibt den Offida aus beiden Sorten. Und weil viele den VErdicchio di Castelli di Jesi kennen: versuche doch mal den Verdicchio di Matelica, einem in Nord Süd-Richtung verlaufenden Tal westlich des Monte San Vicino, dessen Höhen das Tal vom nordöstlich und näher an der Küste gelegenen Gebiet von Jesi trennen. Beide Weine zeichnen sich durch eine unterschiedliche Charakteristik aus, die durch Boden und anderes Klima und Lesezeiten entsteht. Allein die Weine der Marken sind eine Reise wert, denn die Roten habe ich hier noch gar nicht erwähnt.

Strandimpressionen an der Küste der Marken

Wie anfangs geschrieben, eine Region, die Dir jede Menge Urlaubsvergnügen für jedes Interesse bietet. Lass’ Dir nicht von irgendwelchen Reisebloggern einreden, dass Du die Marken in ein paar Tagen entdecken kannst. Entweder Du wählst genau aus oder nimmst Dir Zeit, diese wunderbare Region zu entdecken. Wir waren über 10 Tage hier und haben immer noch Dinge auf unserer Liste, weshalb der nächste Besuch schon im Kopf geplant wird! Dazu solltest Du zumindest elementare Italienisch-Kenntnisse haben, denn mit Englisch kommst Du nur in den touristisch Zentren gut durch und in den kleineren Orten wird es ohne ein paar Sätzen in der Landessprache schwierig, die Marken sind nicht der Gardasee, wo Du mehr Deutsch als Italenisch hörst. Noch ein Wort zur Mobilität: ohne Auto wirst Du nicht viel Freude am Urlaub haben. Gerade abseits der Touristenpfade oder weiter im Westen werden auch in Italien die Buslinien dünn. Entweder mit dem eigenen Auto anreise oder bis Bologna, Ancona, Perugia fliegen und dann einen Mietwagen nehmen. Alternativ mit der Bahn (Pesaro, Senigallia, Ancona, San Benedetto del Tronto sind alle gut erreichbar) und dann einem eBike die Gegend erkunden. Wer ganz ohne Gefährt auskommen will, findet in den Marken (Fern-)Wanderwege, die herrlich sind und vom Apennin bis zur Küste im Naturpark des Monte Conero alles von “mare” bis “monti” bieten.

Eindrücke aus den Marken

Wie zu Beginn geschrieben, die Marken sind in einem besonderen Land nochmal etwas ganz Besonderes. Viel Spaß beim Urlaub planen!



  1. Falls Du jetzt gerade ein „Aber die Abruzzen!?“ entgegnen wolltest, das ist eine deutsche Eigenheit. In Italienisch heißt diese Region schlicht „Abruzzo“, also Singular. ↩︎

  2. Daher stammen auch Begriffe wie „margin“, „marginal“ oder „Gemarkung“ bis zu heutigen Gebietsbezeichnungen, die sich erhalten haben wie „Steiermark“. ↩︎

  3. Wer es genau wissen will: im Norden der Marken vom Passo Cantoniera bis Fonte Abeti grenzen die Marken zu einem kleinen Stück an die Toskana. Westlich von Ascoli Piceno, südlich von Arquata del Tronto gibt es noch einen kleinen Streifen von etwas über 10km Luftlinie, wo die Marken an Latium grenzen. ↩︎

Tags: travel italia

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