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Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen

Am Trabocco
25.08.2026
Anzahl Worte: 1211

Was dir neben dem Holzgestell zuerst auffällt, sind die vielen Seile. Wie die Fäden eines übergroßen Spinnennetzes laufen sie als feine, scharf abgegrenzte Striche durch das Stahlblau des Himmels der Abruzzen. Erst danach fällt dein Blick auf die Holzkonstruktion selbst. Nahezu zwei Dutzend Pfähle tragen die Plattform, von der sich lange Ausleger in Richtung Adria strecken, gehalten von einem Teil der Seile. Darunter flache Netze,die knapp über dem Wasser schweben, das sich mit seinen Blautönen einen Wettkampf mit dem Himmel liefert. Das Ganze sieht aus wie eine riesige Meeresspinne, die auf die Uferfelsen geklettert ist, um hier auf Beute zu lauern. Und genau das ist auch der Zweck dieses Bauwerks. Es ist ein Trabocco (oder Trabucco, je nach regionalem Dialekt), ein Pfahlbau zum Fischfang mit großen, rechteckigen Senknetzen. Diese werden mit einem anderen Teil der Seile horizontal abgesenkt und dann wird auf vorbeiziehende Fischschwärme gewartet.

Trabocco an der Küste der Abruzzen

Eine ruhige Art des Fischens, langsam und fast andächtig. In der Zwischenzeit bleibt Zeit, aufs adriatische Meer hinaus zu blicken, in die Sonne zu blinzeln und den Kontrast zwischen dem Graubraun des alten Holzes und dem Blau von Himmel und Adria zu betrachten. Mit einem leisen Knarren der Holzpfähle und Ausleger wird das Netz nach einiger Zeit wieder hochgeholt. Wie beim Anker lichten laufen die Männer an einem Drehkreuz im Kreis und winschen das Netz langsam nach oben. Eine besatzung besteht normalerweise aus vier Leuten, von denen zwei oder drei die Winde bedienen und einer oder zwei die Netze beobachtet.

Eine kleine oder größere Hütte oben auf der Plattform bietet Schutz vor dem Wetter, oft eine Küche oder ein kleines Ristorante und Sitzgelegenheiten. Ein schmaler, zierlicher Steg führt vom Trabocco ans Ufer und ist die einzige Verbindung mit dem Land. Ein kleiner maritimer Vorposten, nicht Insel, aber auch nicht mehr Land, mehrere Meter hoch an Pfählen über die Küste der abruzzesischen Adria ragend.

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Der Ursprung der Trabocchi verliert sich im Dunkel der Geschichte. Fragst du die Einheimischen, die alten Männer, die trotz ihrer Jahre flink und geschickt die Konstruktion bedienen, dann hörst du oft Geschichten über mehrere Generationen zurück. Aber niemand weiß genau, wann die ersten Trabocchi. Eines dieser Rätsel der Geschichte, über sich an ihrem Ort vortrefflich sinnieren lässt. Du fühlst das warme Holz, genießt die leichte Brise, die hier an der Küste weht und stellst fest, dass ganz unabhängig von der Geschichte auch dieser Trabocco schon viele Jahre auf dem Buckel hat.

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Die Fischer — sind es Fischer, wenn sie nicht aufs Meer fahren und nicht eher Angler? — von heute, die oft in Gemeinschaften für die Erhaltung dieser Trabocchi sorgen, sind selbst Lernende. „Heute kann niemand mehr einen Trabocco komplett neu bauen“, erklären sie dir. Seilknoten, immer wieder ergänzte oder reparierte Teile des Holzkonstruktion und die leisen Geräusche, die an die Töne eines Schiffes erinnern, wenn sich Holz gegen Holz bewegt. “Ein Trabocco ist wie deine Frau, Vernächlässigung geht gar nicht”, hat mir einer der Leute aus dem Team eines Trabocco südlich von Marina di San Vito erzählt. “Wenn du aber Zeit und Leidenschaft investierst, dann bleibt so ein Trabocco noch Generationen erhalten”. Die Meister (die sicherlich noch einen Trabucco von Grund auf bauen können und nur bescheiden sind) werden “Trabuccolanti” genannt, nicht nur eine Tätigkeitsbezeichung, sondern ein Ehrentitel für eine der angesehensten Fähigkeiten an der Küste der Adria.

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Es gibt ein paar „modernisierte“ Trabocchi weiter im Süden, die auf Eisengestellen und metallverstärkten Plattformen stehen, aber das ist selten. Einige Trabocchi sind heute kleine Fischrestaunrants, um den Erhalt zu finanzieren. Beliebt bei Einheimischen und Touristen isst man in fast allen hervorragend, denn frischer geht es kaum. Einige werden als lebendige Museen betrieben und konzentrieren sich auf den Fischfang. Langsam wird aus dem Platz für Einheimische und einem Geheimtipp eine Touristenattraktion. Immer jedoch bleibt dieser wundersame Eindruck aus dem Kontrast des Trabocco gegen das Meer und den Himmel, das Glitzern des nassen Netzes und dieser Eindruck nicht eines Bauwerks, sondern eines an Land gegangen Meerestieres, von dem schon Grabiele d’Annunzio schrieb “Diese Maschine schien ein Eigenleben zu führen, sie hatte das Aussehen und die Gestalt eines lebendigen Wesens“.

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Die „Costa dei Trabocchi“ ist ein Streifen ungefähr zwischen Ortona im Norden und Vasto im Süden. Es gibt kaum einen besseren Platz die Gedanken ziehen zu lassen als oben auf der Plattform eines Trabocco, das Meer unter dir und den klischeehaft blauen Himmel über dir. Du lehnst am Geländer, bewunderst die eingeübten, sicheren Bewegungen der Leute, die hier fischen und horchst auf die Geräuschkulisse aus Meer, Trabocco, den Möwen. Ein kleines Glas Wein und frischen Fisch mit Salat und Brot, was brauchst du mehr? Und dann spürst du, warum hier, auf dem Trabocco, die richtige Stelle ist, die Küste der Abruzzen nicht zu analysieren oder Instagram-Spots abzuarbeiten, sondern sie zu bewundern. Aufhören, nachzudenken und beginnen, zu fühlen. Die Trabocchi sind einer jener Orte in Italien, die Hektik einfach ausschließen.

Ein Trabocco an der Küste der Abruzzen. Foto (c) by Alessandro https://mastodon.uno/@AlexPed

Die Prosa (weitere Informationen)

Kurzer Exkurs zur Aussprache

Im Italienischen wird ein “c” vor den Vokalen “a”, “o” und “u” wie ein deutsches “k” gesprochen. Vor einem “e” oder “i” hingegen wie ein “tsch”. Ein “g” übrigens wird ebenso behandelt, nur das es dann wie ein “dsch”, also weich, ausgesprochen wird.

Also: Trabucco => “Trabu-k-k-o”. Easy. 😉

Soll ein “g” nun vor einem “a”, “o” oder “u” wie ein “dsch” gesprochen werden, wird dem Vokal ein “i” vorangestellt, weil: siehe oben. Also:

  • gigante => “dsch-i-g-ante”
  • carino => “k-a-rino”
  • Giorgio => “Dsch-o-r-dsch-o” (der Schorsch 😉)

Soll ein “c” vor einem “i” oder “e” wie ein “k” gesprochen werden, wird ein “h” eingefügt, deshalb spricht man das Word Spaghetti eben “Spa-g-e-tti” und nicht “Spa-dsch-etti”. Oder, eine der Lieblingsfallen für deutsche Touristen, es heißt eben für Gnocchi “Njo-k-k-i” und auf keinen Fall “Gno-o-tschi-i”!

Doppelvokale werden auch doppelt betont. Es ist also ein “Trabu-k-k-o” (oder Trabo-k-k-o). Der Plural ist “Trabocchi”, damit es eben “Trabo-k-k-i” bleibt.

Das Holz

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Baumaterial für die Trabocchi ist Edelkastanie, Robinie (Scheinakazie) oder Aleppo-Kiefer im Bereich des Gargano. Dieser Hölzer sind nur wetter- und wassefest, sondern auch relativ salzbeständig. Wie oben beschrieben, gibt es eine ganze Reihe von mitlerweile auf Metallkonstruktionen ruhenden Trabocchi, aber das ist weder historisch korrekt noch fotogen.

Mehr Details zur Geschichte

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Am Gargano, wo im Bereich der Küste zwischen Peschicci und Vieste noch einige Trabucchi stehen, haben sie mir erzählt, dass diese eine Erfindung sind, die die Phönizier mitgebracht haben und schon Hunderte Jahre vor Christus so Fische gefangen wurden. Geht es nach einigen Historikern in Italien, dann waren das früher auch Anlegestellen für Frachtschiffe aus der ganzen Adriaregion, die später umgebaut wurden. Du hörst alles vom späten Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert, Deutsche, Franzosen, vertriebene Juden, lokale Bauern und Schäfer, die sich mit dem Fischfang den Speisezettel aufbesserten.

Wer einen ersten Eindruck der Trabocchi bekommen will, kann sich dieses Video ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=vQppFr3sNU0

Vorschaubild zum Video

Karte

Der gelb markierte Bereich ist die “Costa dei Trabocchi” zwischen Ortona und Vasto. es gibt aber weitere südwärts bis an den Gargano südlich von Vieste.

Karte der Costa dei Trabocchi

Mehr Informationen auf Italienisch bieten diese Seiten:

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Tags: travel italy

Lizenz für diesen Post CC-BY-SA 4.0


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