Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Es ist nicht so, dass ich die Berge nicht mag. Ich mag sie sogar gern, als malerische Hintergrund-Dekoration der Landschaft, vom Strand oder der Promenade aus gesehen. So wie in den Abruzzen, wo du innerhalb von 30 Kilometern vom Strand auf über 2000 Höhenmeter kommst. Bergwandern, welch anstrengendes Wort. Flanieren am Lungomare oder am Strand, das klingt schon mehr nach “dolce vita”, ein lässig-eleganter Spaziergang am Meer entlang. Anstelle eines Rucksacks auf dem Rücken einen Fedora auf dem Kopf und den Blick auf das weite Blau genießen.

Ich bin eher ein Strandmensch. Strand und Küste, Hügel, nicht Berge. Von einer sanften Anhöhe aus über eine Pineta aufs Meer zu blicken, diesen typisch mediterranen Farbkontrast aus goldbraunem Sand, dem satten Grün der Pinien und dem Blau des Meeres zu sehen, das schlägt für mich jeden Ausblick auf Felsen und Gipfel. Oder an einem noch nicht überlaufenen Strand, von denen es auch in Italien noch viele gibt (außer du kommst an Ferragosto, aber das ist eine andere Geschichte) im Schatten dieser Pinien oder unter einem Sonnensegel sitzen, herrlich.

An der Küste kannst du die Seele baumeln lassen, beim Bergwandern baumelst du nur an irgendeinem Haltefest eines Klettersteigs. Klar ist das der eindeutig sportlichere Zeitvertreib, aber ich will mich ja erholen, die Landschaft genießen und der Muße hingeben.
Am Strand wirst du automatisch lässiger. Niemand kann in tiefem Sand formell oder schnell gehen, ohne dass es lächerlich aussieht. Dieses elegante Flanieren, das italienische Kinder offenbar schon im Kindergarten lernen, das stellt sich nach ein paar entspannten Tagen am Strand von selbst ein.

Ein Besuch am Strand ist in Italien auch keine schnelle Spritztour. “Mal kurz an den Strand” ist verpönt. Strand in Italien ist kein Ausflug, es ist der temporäre Umzug der Familie ans Meer. Entweder mit full-service in einem “Bagno”, einem der vielen nebeneinanderliegenden Strandbäder, deren Kundschaft dem Abschnitt oft über Generationen hinweg treu bleibt oder auf einem “freien” Strand oder in einer Bucht mit selbst mitgebrachter Infrastruktur und Versorgung. Liegen, Sonnenschirm, Sachen für die Kinder, eine Kühlbox, Bluetooth-Lautsprecher fürs Smartphone, Essen und vieles mehr. Ich habe am Strand schon kleine Espressomaschinen gesehen, was mich wirklich beeindruckte.
Es gibt am Strand auch keine matschigen Sandwiches aus irgendeiner Plastikbox. Wir sind schließlich in Italien. Es wird gegessen: Antipasti, Pasta, kalte Gerichte, Dolci, richtiges Essen also. Wer es bequemer mag, besucht für das Mittagessen das kleine Ristorante des Bagno. Egal ob mitgebracht oder bestellt, es riecht, wie italienisches Essen riechen soll und sieht deutlich besser aus als das Stück, das beim Frühstücksbuffet geschborrt wurde. Strand ist schließlich Leben und man versteht hier gut zu leben.
Auch am Strand gilt übrigens, “fare una bella figura”. Was wörtlich übersetzt “eine gute Figur machen” bedeutet, ist viel mehr. Das beginnt bei einem auch in Strandmode gepflegten Kleidungsstil. Strand-Schuhwerk und Bademode zeugen von Geschmack und Stilsicherheit (damit ist nicht nur der Verzicht auf weiße Kniestrümpfe in Sandalen gemeint). Sonnenbrillen sitzen perfekt und wenn sie nur Haare zurückhalten. Niemand rennt halbnackt zur Bar oder der Trattoria am Bagno, dafür gibt es Pareos, Strandkleider, Hemden oder T-Shirts. Und wenn die Badehose nicht nass wird, dann sehen sie und der Träger wenigstens sportlich aus.
Aber auch lässige Eleganz und gute Manieren sind “bella figura”. Es ist Sommer am Strand, man hat Geduld und Zeit. Überhaupt, Ungeduld und Drängeln ist das genaue Gegenteil, die “brutta figura”. Im Italienischen gibt es den Ausdruck “ho avuto un contrattempo”, wenn jemand aufgehalten wurde. Man verspätete sich nicht, man hatte die Zeit gegen sich. Was willst du da machen? Dazu kommt die Mittagsruhe. Nach dem pranzo, dem Mittagessen ist Schatten und Siesta angesagt. Ich finde es himmlisch, in der leichten Brise im Schatten zu liegen, die Gedanken ziehen zu lassen und einfach zu warten, bis man wieder ans Wasser geht.

Was sich am Strand auch gut erleben lässt, ist das kommunikative Spektrum italienischen Strandlebens. Von einem zurückhaltend-freundlichen “Buongiorno” (oder nach der Mittagspause “buona sera”, der Abend beginnt nach der Siesta), dass übrigens auch von Touristen erwartet wird (und eine Handvoll Wörter sollte man in jedem Land kennen) bis hin zu leidenschaftlichen Diskussionen übers Kartenspiel, den Sport oder die kleine und die große Politik, alles ist zu finden und auch zu hören.
Unverzichtbar für italienische Strandbesucher und eines der wenigen Dinge, die mich am Strand manchmal zu einer hochgezogenen Augenbraue bewegen, ist der Gebrauch des “telefonino”. Da Italien im Gegensatz zu Deutschland kein digitales Entwicklungsland ist, hat man nahezu überall guten Empfang und das wird ausgenutzt. Smartphones allerorten. 😆 Da kann es helfen, einen kleinen Spaziergang am Strand zu machen, dann rauscht wenigstens nur das Meer in den Ohren.
Ich liebe diese Spaziergänge am Strand, bei sich hervorragend Bewegung mit Nachdenken verbinden lässt. Mal mit den Füssen im warmen Sand, mal im Wasser, mal feinsandig und mindestens so fein wie in der Karibik, mal mit aiaiai über einen Streifen voller teils scharfkantiger kleiner Muschelschalen und dabei hat man plötzlich ein, zwei Kilometer zurückgelegt. Was kein Problem ist, denn es gibt ja immer das nächste Bagno mit der Gelegenheit für einen schnellen Caffè oder einen Sanbitter und ein Wasser.

So ein Spaziergang bietet viele Gelegenheiten zum Beobachten der kleinen Dinge, die einen Urlaub erinnernswert machen. Und es ist eine gute Gelegenheit, die Strandgesellschaft zu beobachten, zu gucken und für etwas Small-Talk. Niemand ist aufdringlich am Strand, aber ein paar nette Worte gehen immer.
Strand, da war doch noch etwas? Ja, das Meer! Das Leben am Strand ist kein Langstreckenschwimmen, sondern eher ein Ritual, das kurze Besuchen des Wassers für ein paar Kraulzüge, etwas Schnorcheln oder ein Ballspiel. Aber schon nach kurzer Zeit geht es wieder zurück an Land, für einen Caffè, ein Eis oder um in der Sonne wieder trocken werden. Und danach kann man wieder dekorativ ins Wasser gehen. Das Meer ist die Piazza am Strand. Bis zu den Hüften im Wasser, in Grüppchen diskutierend oder die Kinder bewachend. So richtig schwimmen gehen in Italien nur die Touris.

Übrigens, falls an den kleinen Stationen der Rettungsschwimmerinnen und -schwimmer eine rote Flagge weht, sollte das ernstgenommen werden! Mal bis zu den Knien beim Spaziergang am Meer entlang ist ok, aber mehr auch nicht. Erfahrene Strandgänger bleiben dann im Strandcafé oder verlängern die Siesta. Die “salvataggi” leisten nicht umsonst ihren Dienst am Strand und jedes Jahr in jeder Region gibt es ein paar Unbelehrbare, die das mit ihrem Leben bezahlen.

Mittlerweile hat Italien erkannt, was es an seiner Küste und seiner Umwelt hat. Es gibt zwar immer noch genügend Stellen, die aussehen, als wäre eine Ape mit einer Ladung Müll explodiert, aber im Allgemeinen hat der Stolz der Italienerinnen und Italiener auf ihre Strände zugenommen und viele Gemeinden und Städte verteilen mittlerweile empfindliche Strafen, wenn irgendwo Müll liegen gelassen wird. Das Mitnehmen von Muscheln, Sand oder Steinen wird überall nicht gern gesehen oder ist gar verboten und ebenfalls “brutta figura”. Niemand wird etwas sagen, wenn ein Kind eine schöne Muschelschale mitnimmt, aber zwei große PET-Flaschen mit Sand abfüllen führt schnell zu einer Erleichterung der Urlaubskasse. Schließlich soll in den nächsten Jahren noch was vom Strand da sein.
Ich liebe es auch, den Tag am Strand ausklingen zu lassen. Ganz einfach, weil ein Sonnenuntergang, “il tramonto”, am Meer je nach Blickrichtung (Pech für die Adriastrände) sehr romantisch sein kann. Aber auch deswegen, weil keine Hektik beim Aufbruch entsteht. Es wird in aller Ruhe eingepackt und es ist erstaunlich was alles an Strandausrüstung in einen Cinquecento oder einen Panda geht. Der Tag war Erholung, warum sich also jetzt beeilen? Am Strand geht es ums Leben und das wird am Strand leicht genommen und genossen.

Auf an den Strand, den Sommer und das Leben genießen!
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