Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen
Dies ist die Geschichte eines Experiments. Wenn du nur am Ergebnis interessiert bist (einem Booklet zum Thema “Markdown”), dann geht es hier entlang.
Ich schreibe gerne (von technischen Artikeln, Fachübersetzungen, Entwickler-Dokumentation und Fachbücher bis zu Kurzgeschichten und meinem Blog). Den Plan zu einem kleinen Buch über Markdown und seine Vorteile hatte ich schon lange, die Gliederung und das Inhaltsverzeichnis stammen aus Zeiten von vor Corona. Aber ich hatte immer den Aufwand gescheut. Das alles habe ich ja schon mal geschrieben, nur verstreut über verschiedene Stellen. Meine übliche Antwort auf Fragen zum Thema Markdown war dann oft: “Steht in meinem Blog und im Fediverse, geh lesen”. Die menschliche Geduld und Aufmerksamkeitsspanne ist in den Jahren der Digitalisierung aber immer geringer geworden. Wer will sich schon selbst die Sachen zusammensuchen? Andererseits wollte und will ich nicht mehrere Wochen Abendfreizeit in ein Booklet stecken, das nur ein sehr begrenztes Publikum haben und nie Geld verdienen wird. Anderes und Neues will geschrieben werden.
Jetzt kommt das Experiment. Ich habe (weil ich zum Italienisch lernen ein gutes Übersetzungssystem brauche) seit kurzem ein Jahresabo von Kagi Ultimate. Kagi Translate ohne Limits kostet mittlerweile Geld (ca. 8$/Monat) und Kagi als Suchmaschine ist in Zeiten der “Enshittification” von Google & Co unverzichtbar (ich brauche eine Suchmaschine, die diesen Namen verdient), kostet aber nochmal 10$/Monat. Da war der Sprung zu Kagi Ultimate und dem Kagi Assistant nicht mehr groß. Die Reviews waren begeistert und ich irgendwann neugierig.
Die Fragestellung zum Testen dieser Funktion war dann einfach: Wie gut eignet sich ein KI-gestütztes Research- und Writing-Tool wie Kagi Ultimate dazu, einen längeren, strukturierten Sachtext zu entwickeln? Reichen mein Material, Gliederung und Inhaltsverzeichnis sowie eine Beschreibung der Zielgruppe als Ausgangspunkt? Kann ein solches System nicht nur Fragen beantworten, sondern über Sitzungen hinweg dabei helfen, einen kohärenten Entwurf aufzubauen? Da fiel mir mein Markdown-Projekt wieder ein. Warum sollte ich “vom leeren Blatt weg” beginnen und alles Material mühevoll manuell überarbeiten und in Form bringen? Warum Blogposts, Posts und Handouts aus Schulungen und Seminaren nicht mit dem Assistant und den darin enthaltenen LLMs in einem Dokument konsolidieren?
Ein Booklet über Markdown entsteht natürlich in Markdown. Die Werkzeuge, über die geschrieben wird, sind dieselben, mit denen geschrieben wird, im kritischen Dialog mit Kagi Assistant. Der Prozess war ein Dialog. Mensch und Software haben Kapitel für Kapitel entwickelt: Ich selbst mit Ausgangsmaterial, Kontext, Zielvorgaben, Zielgruppe, Korrekturen und dem Urteil als Autor darüber, was gut ist und was nicht. Kagi Assistant als “Praktikant” mit Recherche, Strukturhilfe, Textentwürfen und als Lektorat. Schwerpunkte und Formulierungen wurden im Dialog und nach ehrlichem Feedback verhandelt (ich weiß jetzt, dass ich im Blog manchmal zu viele Füllwörter benutze 😎). Manche Abschnitte wurden verworfen, manche mit meinen Anmerkungen versehen neu geschrieben, andere umgestellt und manche als produktive Ergänzung zu meinen Ideen übernommen – der klassische Schreibprozess. Und wenn du jetzt denkst, “Aha! Ein Gedankenstrich! Scheiss KI-Slop!”, dann heißt das Ding erstens Halbgeviertstrich und zweitens solltest du den letzten Abschnitt unten lesen! 😎
Das Ergebnis ist hoffentlich kein Text, den eine Maschine allein hätte schreiben können. Aber auch kein Text, den ich selbst in dieser Geschwindigkeit allein “vom leeren Blatt weg” hätte schreiben wollen und können. Das Ergebnis hat mich und die Testleser sowohl überrascht als auch erschreckt. Natürlich wurde jedes Kapitel im Endeffekt nochmal von mir nachbearbeitet, aber nicht-kreative Technik-Prosa komplett neu zu schreiben hat keine Chance gegen solche Hilfsmittel. Produktionszeit und Überarbeitung für den Text: drei nächtliche Schreib-Sessions!
Eines der Argumente bei “KI-Slop” ist das “wenn du dir nicht die Mühe gemacht hast, das alles zu selbst schreiben, warum soll ich mir die Mühe machen, das selbst zu lesen”. Nun stammt der allergrößte Teil des Textes allerdings von mir, den gibt es ja schon. Ist es dann Slop? Ist es Recycling? Oder was anderes? Falls du keine Lust hat, das Ergebnis zu prüfen und zu lesen, dann ist das Ordnung. Scroll einfach weiter. Das Web ist voll zum Thema Markdown. Die Gründe oben haben mich aber bewogen, mir einen Assistenten zu holen, der mir zuarbeitet.
Für Fachtexte geht es weniger um die Inspiration als um fachliche Vollständigkeit. Da kann ein Werkzeug, dass mehr oder weniger sämtliche Schriftstücke der Menschheit gefressen hat, schon helfen. Früher hast du halt manuell Fachliteratur oder Dokumentation durchgesucht, ältere Texte von dir wiederverwendet und so weiter.
Für einen Text wie “Eine Begegnung mit Lorenzo” oder “Morgenstunden-Chaos” würde ich nie ein LLM benutzen, sowas muss dir schon selbst einfallen und dafür macht Schreiben zu viel Spaß. Natürlich soll es auch beim Lesen des Markdown-Booklets nicht stauben, darum war das ein iterativer Prozess über drei Sessions. Und wenn du das tust, dann merkst du schnell, dass ein LLM auch nur ein Textwerkzeug++ ist. Wenn du schon mit Text arbeiten kannst, ist das super. Gibst du aber die Kontrolle ab und lässt nur als “one-shot” einfach eine Ausgabe erzeugen, kannst du das Ergebnis erstens nicht bewerten und zweitens wird dieses nie gut sein.
Mehr Gedanken zu diesem Thema findest du übrigens zu Beginn des Kapitels 9 im Booklet.
Das Experiment ist abgeschlossen. Jetzt bist du dran. Für “Verbrauchsliteratur” finde ich es gelungen. Immerhin hast du bis hierher gelesen. Ob das Booklet den berühmt-berüchtigten pädagogischen “Mehrwert” hat, entscheidest du. Danke für dein Interesse!
Ich benutze nach wie vor Dinge wie den Halbgeviertstrich – weil ich es kann. Ich habe eine gewisse typographische Grundbildung und wenn jemand der Meinung ist, anhand eines einzigen Unicode-Codepoints meine Schreibe als “KI-Slop” zu bewerten, dann kann ich nur Cooper aus “Interstellar” zitieren:
Es braucht mit Taille und Länge mindestens zwei Zahlen, um deinen eigenen Hintern für eine Jeans zu messen, aber nur eine, um die Zukunft meines Sohnes zu messen?
Sorry Leute, solche Dinge schreiben LLMs, weil sie mit unseren Texten – den Texten von Menschen – trainiert wurden und da stecken noch ganz andere Sachen drin als nur ein sogenannter “Gedankenstrich”. Überlegt mal, woher ein LLM das hat.
Der zweite Punkt. Der beste Indikator dafür, dass Texte von mir selbst geschrieben wurden, ist die Anzahl meiner Vertipper. 😆 Natürlich läuft hier auch ein Spell-Checker drüber, aber dann steckt doch wieder irgendwo ein Wort, dass nicht im Wörterbuch ist. Oder ich ändere “nur mal schnell” einen Ausdruck und schon hat der Tippfehler-Teufel wieder zugeschlagen. Solltest du also hier oder im Booklet einen Tippfehler finden, dann freue ich mich über Feedback. Für das Booklet kannst du dir einfach die Quelldateien runterladen und das selbst korrigieren!
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