EduFuckUpNight

Die @bildungspunks haben mit ihrer monatlichen Beitragsparade ein Kleinod geschaffen. Das aktuelle Thema «Über das Scheitern schreiben» #EduFuckUpNight ist so ein Beispiel. Ich durfte ebenfalls einen Beitrag liefern, der dann eine Reaktion von @Tartharule in die Disussion brachte. Und dabei kamen mir wieder neue Gedanken, die ich hier als «follow-up for the follow-up» nachliefere. :-)

Was mir am Post von @Tartharule beim Lesen auffiel: diese negative Konnotation, die das Wort «scheitern» im Deutschen hat, wird dem Thema der Beitragsparade nicht gerecht. Diese besitzt aus einem bestimmten den Untertitel «#EDUFuckUpNight», orientiert sich also an den gleichnamigen Veranstaltungen aus dem Silicon Valley, die gerade tres chic sind. Dort erzählen Leute, was sie aus ihren (lassen wir das andere f-Wort mal weg) «fails» gelernt haben, weswegen sie also letztendlich doch Erfolg hatten.

Ich möchte einen anderen Aspekt in diese Beitragsparade einbringen, den @Tartharule in seinem Beitrag «Scheitern ist Lernen» erwähnte. Viele Führungskräfte und Mentoren haben oft das Gefühl des Scheiterns, wenn Menschen nicht die angestrebten Ziele erreichen. Das muss nicht zwingend so sein, denn unter Umständen hat sich nur das Ziel verändert. Was ich damit meine? Passend zum Bildungs-Setting der @bildungspunks möchte ich das an einem persönlichen Beispiel erzählen.

Ich habe mein Abi Anfang der 80er in Bayern gemacht, mit einem Leistungskurs in Englisch und einem in Biologie. Ich mochte Naturwissenschaften damals (und auch heute noch), Biologie fiel mir leicht und da war der Lk eine mehr oder weniger logische Wahl. Für die zwei Jahre der Kollegstufe hatten wir einen Lehrer, bei dem «engagierter Pädagoge, der für sein Fach brennt» eine gloriose Untertreibung wäre. Und zusätzlich ein genialer Didaktiker. Wer als Schüler Glück hat, trifft in seiner Schullaufbahn zwei oder drei dieser Menschen. Bei mir war Herr B. einer dieser Lehrer. Nicht nur ich saß oft nachmittags noch in der Schule und habe diskutiert, Fragen gestellt, an Modellen gebaut. Herr B. war Mentor, Kritiker und «Denk-Anstoßer». Ich habe Chromatographieren gelernt, das Anfertigen von Mikrotomschnitten und konnte damals brauchbare Mikroskopie-Präparate anfertigen. Meine Facharbeit hatte etwas über 130 Seiten (ich höre das Stöhnen aller lesenden Lehrer bis hierher) und kontaktierte dazu Unis in Großbritannien, den Staaten und die NASA – nerdy, ich weiß. :-) Das Biologie-Studium war also vorgezeichnet. So, und jetzt kommen wir zum Bereich «FuckupNight» …

Ich bin kein Biologe geworden. Trotz Kontakte zur Uni auf Hawai’i bin ich heute kein Ozeanologe oder Walforscher. Ich habe nicht mal ein Diplom in Biologie. Aus Sicht meines Mentors bin ich gescheitert. Aus meiner Sicht hingegen habe ich nur ein anderes Ziel anvisiert. Was war passiert? Heute blicke ich auf über 30 Jahre in der IT zurück und kann immer noch sagen, «after all it’s a dream I get paid for». Während der Zeit im Bio-Lk tauchten an unserem Gymnasium vier klobige Metallkisten auf, die aussahen, als wären Sie aus dem Besprechungsraum der Enterprise in der Original-Serie geklaut: Commodore CBM 4032. Die wurden damals (1982!) auch bereits im Biologie-Unterricht genutzt (sagte ich bereits, dass wir einen hervorragenden Lehrer hatten?). Eines meiner ersten Programme war ein Konverter, der aus einer DNA-Sequenz eine Aminosäurekette machte – soviel zum Thema digitale Bildung. :-) Ab da begann sich mein Ziel zu verschieben … – warum, dazu ist ein kleiner Einschub nötig.

Es gibt, das habe ich in den Jahren seit der Schule gelernt, drei Möglichkeiten zu lernen:

  • lerne das, wo Du schlecht bist
  • lerne das, wo Du gut bist
  • lerne das, was Dir leicht fällt

Die erste Möglichkeit ist IMHO die schlechteste. In unserer wettbewerbsorientierten Gesellschaft kann ich damit eine «Mulde» (oder ein tiefes, tiefes Loch, je nach Fachgebiet) auffüllen. Wozu? Um dann nach viel Investition dort zu sein, wo andere ihre Null-Linie haben …

Die zweite Möglichkeit wird gerade Schülern oft empfohlen (»Studier’ doch XYZ, bis ja so gut drin»). Das ist aber ein zweischneidiges Schwert. Erstens bin ich da schon gut bis sehr gut, also sehr wettbewerbsfähig. Zweitens weiß ich nicht, wie sich die Lernkurve entwickelt, um noch viel besser zu werden. Bringt es noch viel, wenn ich besser als 99% alle anderen bin, wenn ich schon besser als 90% bin? Oder kann ich die Monate und Jahre besser investieren?

Die dritte Möglichkeit ist die, die mich in den Augen meines Biologie-Lehrers scheitern ließ, die ich aber die interessanteste und für die eigene Entwicklung spannendste finde. Ich wusste nicht, dass mir das Thema Computer, Programmieren und IT leicht fiel, ich war ja Neuling. Aber wenn mir etwas liegt und mir leicht fällt, dann kann ich in einem unerwartet hohen Tempo Wissen und Kompetenzen aufbauen. In diesen Bereich kann ich von einer «Mulde» zu einem «Berg» kommen.

Sicher, ich bekomme heute unter Garantie keinen anständigen Mikrotomschnitt mehr hin und frage mich keiner mehr nach Details des aktuellen Stands der Forschungs zu Neurotransmittern. Also Fail! – gescheitert? Nein, sondern durch das Eintauchen in einen Bereich das Herausfinden eines anderen, der einem «liegt» und einem leicht fällt. Das kann zu interessanten, nicht erwarteten Entwicklungen führen. Ich wollte, wenn ich schon ein Faible dafür habe, immer ein guter Systemprogrammierer werden. Tief unter der Motorhaube direkt am Blech des Betriebssystemkerns sozusagen. Ein guter Freund von mir aus diesen Zeiten ist da Pro – bei mir hat das nicht geklappt. Er denkt heute wahrscheinlich «der Kerl kann nicht anständig programmieren, aber er weiß immerhin, wie man gut kocht». Nur der Ehrlichkeit halber: jemand, der wirklich gut kochen kann, denkt wahrscheinlich «der Mann hat keine Ahnung, wie man ein Menü auf dem Tisch bekommt, aber er ist ein echt guter Programmierer» :-)
Nein, was mir beispielsweise leicht fällt, ist das Analysieren von Datenstrukturen und Datenflüssen. Ein paar Hundert Tabellen in einem Datenbankschema und die Frage «wir müssen da Daten migrieren, es gibt aber keine Doku» – das kann ich. Ich weiß nicht warum, und manchmal denke ich mir dann, das ist mein «fail», ich wollte nie der Datenbank-Guru sein, aber aus irgendeinem Grund fällt es mir leicht, solche Dinge zu lernen. Musik? Bin ich doof. Fotografie? Behaupte ich, dass mir das leicht fällt.

Scheitern oder das, was in einer «FuckUpNight» erzählt wird, ist also nicht die Konzentration auf die negativen Aspekte, sondern das, was die Natur seit jeher macht: trial and error. Um es mit Edison zu sagen: «Ich bin nicht gescheitert. Ich kenne jetzt 1000 Wege, wie man keine Glühbirne baut». Wie @Tartharule schrieb, «Lessons learned sind das wichtigste Element des Scheiterns und wenn man das begreift und sich dem stellt, dann ist das Wort Scheitern eigentlich obsolet». Gerade diese Gedanken finde ich für diese Beitragsparade sehr wertvoll, denn davon hören Schüler viel zu wenig.

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