#EDUPNX — Design Thinking

«Design Thinking» also. Die Bildungspunks haben sich für den Dezember dieses Thema für ihre Beitragsparade gewählt. Ab und an äußere ich mich dann auch als Nicht-Lehrer. Ich werde allerdings nicht in den momentan vielerorts zu hörenden weihnachtlichen Hochgesang auf das Design Thinking einstimmen, wie es auch der geschätzte @Tartharule nicht getan hat. Irgendeiner muss ja den advocatus diaboli geben 😏

Design Thinking für die Schule kritisch betrachtet

Das Verfahren (einen Prozess möchte ich es nicht nennen) hat etwas von Magie: «bringt einfach genügend Leute aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, sorgt für ein kreatives Umfeld (allein für diese Definition bräuchte es einen eigenen Blogpost 😄) und lasst Ideen in alle Richtungen sprießen, die dann in einer Konvergenzphase wieder zu einer am Kunden orientierten und verbesserten Lösung zusammengefasst werden».

Für das System Schule ergeben sich bereits hier die ersten «Herausforderungen». Viele Schulen tun sich mit dem oben genannten kreativen Umfeld und einer Brainstorming/Kleingruppen-geeigneten Atmosphäre schon schwer. Die interdisziplinäre Teamzusammensetzung könnte man noch als das Gesamtset der besonderen Fähigkeiten der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler sehen, bereits drei oder vier Lehrerinnen oder Lehrer sind unrealistisch. Dazu kommt die Taktung des schulischen Alltags (»Los, sei kreativ, aber in den Minuten bis zum Stundenwechsel»). Alles nicht so wirklich die Umgebung, die ein solches Vorgehen fördern würde.

In der gymn. Oberstufe beispielsweise oder der universitären Ausbildung sind solche Vorgehensweisen sicher gut möglich, hier ist auch ein individuellere Team-Zusammensetzung möglich. Ich bin daher nicht gegen Design Thinking, schließlich ist benutzerzentrierte Softwareplanung nichts anderes, ich plädiere nur dafür, wie bei allen Methodiken nicht nach dem Motto «wenn Du nur einen Hammer kennst, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus» vor zu gehen. 😄

Strange Machine

Über was sprechen wir denn überhaupt?

Es gibt außer dem Begriff keine einheitliche, allgemein anerkannte Definition, was «Design Thinking» genau ist. Natürlich soll das ein interdisziplinäre Ansatz sein, sowohl die Lösung als auch die zugrundeliegenden Anforderungen des «Kunden» sind unbekannt und es ist eben nicht als starrer Prozess gedacht (allein das Wort «Innovationsprozess» jagt mit Schauer über den Rücken – als ob so etwas existieren würde 😮)

“…with Design Thinking you can see two dots, that don’t make any sense, but somehow in your head you connect them in a new and different way.”

Dieses Zitat von Joe Gebbia, dem Mitgründer von AirBnB auf der IDEO 2013 fasst meine Bedenken gut zusammen. Das ist IMHO einfach Hipster-Speak für «seid kreativ und denkt an die Anwender». Ist das eine Revolution?

Diese Schwammigkeit in der Definition macht es einerseits schwierig, Design Thinking zu erklären, andererseits aber vielen Vorgehensweisen einfach, sich zu Design Thinking zu erklären. Robin Lanahan, der Chef für Markenstrategie bei Microsoft sagt bereits 2012 dazu:

Es wird gesagt, dass Design Thinking das divergierende Denken zum Finden vieler Lösungen fördert (seien diese Lösung möglich oder unmöglich) und dann konvergierendes Denken nutzt, um Präferenzen zu zeigen und die beste Lösung zu schaffen. Es ist ein Vorgehen, dass auf dem Erschaffen von Ideen ohne Wertung aufbaut. In den letzten zehn Jahren wurde dieser Ansatz so abstrahiert, dass es schwer fällt, zu sagen, was Design Thinking aktuell bedeutet.

Die schnelleren Pferde

Zum Schluss möchte ich an einem Beispiel zeigen, warum Design Thinking nur begrenzt funktioniert bzw. Disruption und wirkliche Innovation nicht Design Thinking benötigen. Die interdisziplinäre und kreative Team-Zusammenstellung wird meiner Meinung nach (aus welchen Gründen auch immer, das mögen durchaus die berüchtigten «Sachzwänge» sein) in den seltensten Fällen wirklich breit genug gewählt. Analog zum Zitat von Henry Ford: «hätte ich die Leute gefragt, was sie wollen, hätten sie gesagt: »schnellere Pferde«». Eine ganze hoch bezahlte Spezialistenbranche hat Jahrzehnte am heutigen Ergebnis «vorbei gedacht» – und das ist nicht die Autobranche.

Grübeln ....

Das Feuerzeug des Teufels

Seit dem Beginn der 60er Jahre gab es eine anerkannte Methode, eine brennende Ölquelle zu löschen: mit einer kontrollierten Explosion «auspusten» und dem Feuer den Sauerstoff zu entziehen. Paul «Red» Adair wurde mit seiner Firma in diesem Bereich weltweit berühmt, seit er 1962 einen Gas Blowout in Gassi Touil in Algerien gelöscht hatte. Über Jahrzehnte hinweg blieb dies die Methode der Wahl und ich bin mir sicher, dass sich die Leute um Mr. Adair und seine Mitbewerber schon aus Eigenschutz jede Menge «Design Thinking» Meetings hatten, die damals nur noch nicht so hießen. Niemand spielt neben einer brennenden Öl- oder Gasbohrung gerne tagelang mit Sprengstoff.

Rumaila Field Fire (public domain)

Ölfeuer Rumaila Field nach dem Golfkrieg (public domain) – keine Urlaubsgegend …

Disruption

Witzigerweise kam die kreative Idee aus einer ganz anderen Ecke. Der Legende nach kam ein findiger Maschinist auf einem russischen Militär-Flughafen auf die Idee, zum Befreien der Startbahn von Eis und Schnee ein altes Triebwerk einer MiG 15 schräg nach unten gerichtet auf einen Lastwagen zu montieren. Ein ungarisches Team griff zu Zeiten des kalten Krieges diese verrückte Idee auf, um im Falle eines heißen Krieges ein machtvolles Werkzeug zum sicheren Dekontaminieren von schwerem Gerät von radioaktiven Rückständen zu haben. Was war das?

Ein russischer T34-Panzer bekam statt des Geschützturms zwei MiG 21 Triebwerke montiert. Dazu sechs Hochleistungs-Wasserrohre, die in den Triebwerks-Strahl eingespritzt wurden. Also eine Art Hyper-Super-Dampfstrahler. Glücklicherweise verlief die Geschichte anders und das «Big Wind» getaufte Monster kam nie zu seinem geplanten Einsatz. Als aber nach dem Golfkrieg 1991 hunderte von Ölquellen in Kuwait brannten und alte Hasen wie «Red» Adair einfach zu lange brauchten, um eine Ölquelle zu löschen, erinnerten sich die Ungarn, was sie da in der Garage hatten und verschifften «Big Wind» in den Nahen Osten. Wie drastisch der Unterschied zu einer langwierig geplanten Sprengung eines Ölfeuers ist, zeigt das folgende Video.

«Big Wind» im Einsatz

Die wenigsten Ölfeuer werden heute noch mit Sprengstoff gelöscht, wenn Systeme wie «Big Wind» in der Lage sind, den Ort zu erreichen (Bohrplattformen sind so eine Ausnahme). Dennoch, gut das Mr. Adair seine Firma 1993 verkaufte. Er sah wohl die Zeichen der Zeit.

Fazit

Das heute kraftvollste Werkzeug zum Löschen von Gas- und Ölbränden wurde also gar nicht für diesen Zweck konzipiert, es existierte schon. Jemand mit der richtigen Idee musste nur eins und eins zusammen zählen. Es haben sicherlich viele kluge Köpfe vorher versucht, eine solche Methode zu finden, aber in den meisten Fällen sind die am «Design Thinking» Beteiligten einfach nicht «weit genug weg» vom Tagesgeschäft, um wirklich neue Wege zu sehen. Gerade in der Schule ist es aufgrund systemimanenter Einschränkung enorm schwierig, Design Thinking wirklich umzusetzen. Deshalb sollte dieser Ansatz aber nicht aufgegeben werden, sondern kritisch analysiert werden, wann ein solches Vorgehen Sinn ergibt. In einer freieren Umgebung (siehe den Link zum sehr guten Artikel von Mike zu Beginn des Posts) sieht dies wieder ganz anders aus.

Aufgabe von Schule ist es daher nicht unbedingt, Design Thinking zu «machen», sondern Kindern ihre Kreativität zu lassen, freies Denken zu stärken, nicht nur «outside the box» zu denken, sondern zu wissen, wo die Box liegt. Wenn SuS damit durch ihre Schullaufbahn kommen, haben wir eine gute Chance, für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet zu sein. Wer weiß, vielleicht steht ein neuer «Big Wind» schon in einer Garage…

Zusatzinfos

Weiterführender Link zum Thema «Big Wind»

http://www.badassoftheweek.com/index.cgi?id=652736728443

Bilder

CC0 Picabay/Wikipedia/sxc.hu

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