Leuchtturm-Projekte

Diese Woche habe ich auf Twitter einen kurzen, aber sehr lesenswerten Text vom @IT_F®ettchen gelesen: «Leuchtturmprojekte». Abgesehen davon, dass ich seine Argumentation nach fast drei Jahrzehnten in der IT nachvollziehen kann, ergaben sich auf Twitter einige interessante Gedankenbilder. So ist dieser Blogpost eine Mischung aus «note to self» und Fortführung dessen, wofür 280 Zeichen nicht ausreichen.

Leuchtturmprojekte also. Dieser Begriff erlebt im Zusammenhang mit dem Bildungspakt auch im Bildungsbereich gerade eine Renaissance. Und was soll ich sagen, die Argumentation ist ähnlich der aus dem Projektgeschäft (und das muss keine gute Nachricht sein). Wer dazu einige kluge Sätze lesen möchte, sei auf den Blogpost von Andreas Hofmann verwiesen: «Am Fusse des Leuchtturms». Andreas hat sich für den Titel von Jöran Muuß-Merholz inspirieren lassen. Der hat wie ich auch am Zitat «Nirgendwo ist es so dunkel wie am Fuße des Leuchtturms» Gefallen gefunden. Damit sind wir auch gleich beim Thema. Ich finde «schiefe» Metaphern hochinteressant. Viele Leuchte sehen in einem Leuchtfeuer (ein «Leuchtturm» ist nur ein Turm mit Befeuerung, für den nautischen Einsatz ist bei entsprechender Lokalität kein Turm notwendig) ein positives Signal, das einem den Weg in die Sicherheit weist. So schrieb der geschätzte @DocOwer:

Ja schon, aber wenn Du in der Kälte auf stürmischer See bist, dein Kahn droht auseinander zu brechen, dann siehst du nur das Licht welches dich zum Land führt. Dann ist es egal wie verdreckt, schmutzig oder ungemütlich es dort ist :)

Dieser Ansicht würde Sir Cloudesley Shovell wohl widersprechen. Er war Ende Oktober 1707 auf dem Weg von Gibraltar zurück nach England, als vier Schiffe seiner Flotte unweit der Scilly-Inseln auf Klippen aufliefen. Innerhalb weniger Stunden waren 1450 Seeleute ertrunken. Shovells Ende ist unklar, nach den Legenden der Einheimischen wurde er von einer Bewohnerin der Scilly-Inseln beim Bergen von Beutegut erschlagen. Als Ursache der Katastrophe gelten heute Navigationsfehler bzw. unzureichende Navigationsausrüstung. Das Leuchtfeuer, das heute vor den Klippen warnt, das «Bishop Rock Lighthouse» ist mit über 50m Höhe ein Wunderwerk der Technik. An dieser Stelle sollte jeder vom Leuchtturm fernbleiben. 😄

Image courtesy of Ian Cowe

Bishop Rock Lighthouse, Nutzung des Fotos freundlicherweise gestattet durch Ian Cowe

Was passiert denn bei einem «Leuchtturm-Projekt»? Abgesehen vom oben genannten Sprichwort von der Dunkelheit am Fuße des Leuchtturms liegt auch das vom Leuchtfeuer bestrahlte Gebiet nach kurzer Zeit wieder im Dunkeln. Mag sein, dass der Leuchtturm groß und mächtig vor sich hin strahlt, sein Zweck ist in den meisten Fällen aber Navigationspunkt und Warnung. Entgegen landläufiger Meinung stehen die Dinger nicht am Strand rum und leuchten oder bieten einen sicheren Hafen. Leuchtfeuer muss man lesen können, wie bei Projekten in Wirtschaft und Bildung auch. Sonst steht man im Dunkeln und sieht ab und an Geblinke und Gefunkel. Aus diesem Grund hat jedes Leuchtfeuer auch eine Kennung, anhand der ich das Feuer identifizieren kann.

Auch im Projektgeschäft muss ich Leuchtturmprojekte identifizieren und einordnen können. In den wenigsten Fällen sind diese nämlich dafür gedacht, das Licht der Erkenntnis in die Umgebung zu tragen oder aufzuzeigen, wie sich Ziele erreichen lassen. Das liegt bereits in der Natur solcher Projekte, die immer von einer Agenda getragen werden. Sei es ein Hersteller, der Aufmerksamkeit braucht, die Politik, die zeigen will, dass sich etwas bewegt, es ist immer ein überdurchschnittlicher Aufwand involviert, den gerade alle anderen in der Breite nicht leisten können. So gesehen stimmt die Metapher: je heller der Leuchtturm strahlt, umso dunkler sieht es rundherum aus. 😏

Wie Stephan in seinem Leuchtturm-Blogpost schreibt: «Natürlich sollte man großartige Projekte mit Signalwirkung als Chance sehen und diese positiv angehen – aber bitte nur, nachdem man die Risiken vernünftig bewertet hat». Wenn ich an «großartige» Leuchtturmprojekte (vom Berliner Flughafen über das «Schnellladenetz für Achsen und Metropolen | SLAM» — das heißt wirklich SLAM! — oder Software-Leuchttürmen wie ELLA in BaWü bis hin zu interaktiven Whiteboards) kann ich mich der Vermutung nicht entziehen, dass da die Risikobewertung direkt in das Licht der Fresnel-Linse geblickt hat.

Meiner Meinung nach bringt es mehr, von denjenigen Projekten zu lernen, die in die Breite und vernetzt daran arbeiten, Wirkung zu erzeugen. Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, dass gerade Projekte und Schulen, die weniger Wert auf «Tragweite» legen und mehr daran arbeiten, ihr Umfeld durch gute Arbeit zu erhellen, die eigentlichen Champions sind. Lieber Tausende von Campingleuchten als einen Leuchtturm.

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