Tastenzeugs — Getippte Gedanken

Manchmal schubst einen das eigene Erleben in einen Blogpost, den man gar nicht schreiben wollte. 😄 Das ist die Geschichte eines solchen Posts. Ich stöbere am Neujahrsmorgen durch Twitter und lese das.

Der Tweet

Natürlich kam auf Twitter prompt die Reaktion auf meine Antwort: «deine Gründe wären jetzt aber dennoch interessant». Zack – schon sitzt der Autor wieder vor der Tastatur und schreibt. Passt insofern, da ich einer jener Leute bin, die seit über 30 Jahren beruflich tippen und ich mir nach Unternehmen von 2 bis 180000 Mitarbeitern auch eine gewisse Kompetenz anmaße, was «draussen» außerhalb der Schule so benötigt wird. Gesehen habe ich den Tweet übrigens, nachdem ich bei https://www.daskeyboard.com/ eine Tastatur angesehen habe (kann man sich nicht ausdenken).

Schreibe ich mit dem Zehnfinger-System? Nein, tue ich nicht, obwohl ich dies zu Schulzeiten in einem Wahlunterricht lernte. Ich schreibe mit einem System, bei dem ich nicht bewusst zähle, wie viele Finger ich nutze (es werden sechs bis acht sein), dass es mir erlaubt, mehr oder weniger blind zu schreiben (dazu später noch mehr) und das mich als jemand, der seit Jahrzehnten mit dem Tippen auf Tastaturen sein Geld verdient, vor chronischen Berufskrankheiten bewahrt hat. Dafür habe ich keine Probleme, für eine gute Tastatur einen Betrag auszugeben, den sonst nur Gamer in Betracht ziehen. 😄

Tipp, Tipp, Tipp

Woher kommt diese (angenommene) Notwendigkeit, dass SuS1 «tippen lernen» müssen? Diese Diskussion ist eine alte, die seit Jahren mit den gleichen Argumenten geführt wird, während sich die Welt bzw. ihre Anforderungen geändert haben2. Als Beispiel für eine interessante Diskussion sei dieser Blog-Post von Prof. Dr. Christian Spannagel von der PH Heidelberg genannt. Nach mittlerweile sieben Jahren und einer sich rasant beschleunigenden Entwicklung der mobilen Nutzung von IT-Systemen wäre es sicher interessant zu erfahren, ob aus der erwähnten wissenschaftlichen Hausarbeit was geworden ist. Insgesamt hat Prof. Spannagel sicher recht, dass freiwilliges Lerninteresse honoriert werden sollte, als verpflichtender Bestandteil des Lehrplans macht das Tastschreiben aber keinen Sinn mehr.

Das «Computer Literacy»-Argument

«Eine Voraussetzung für die so oft geforderte computer literacy ist die Fähigkeit flott mit 10 Fingern „blind“ schreiben zu können…». (http://www.jochenlueders.de/?page_id=13464)

Ich beginne mit diesem Argument, da es mir aus beruflichen Gründen am nächsten liegt. Ich habe, wie oben erwähnt, das «Tastschreiben» (wer denkt sich so ein Wort aus? Als würde ich nicht auf die Tasten drücken, wenn ich das nicht mit zehn Fingern tue 😏) Anfang der 80er auf elektrischen Schreibmaschinen gelernt. Seit Mitte der 80er bin ich «Keyboard Warrior» und habe mit den unterschiedlichsten Rechnersystemen auf den verschiedensten Tastaturen kommuniziert. Wäre das Beherrschen den Zehnfinger-Systems eine Voraussetzung für beruflichen Erfolg, dürfte ich und viele andere nicht in dieser Branche arbeiten. Ich sage nicht, dass blind schreiben sinnlos ist (ich schreibe diesen Text gerade auch, ohne auf die Tasten zu sehen), aber dafür ist kein Zehnfingersystem nötig. In vielen Bereichen ist es auch nicht möglich, sich auf eine Tastatur «einzuschreiben», gerade im Bereich der Softwareentwicklung. Nicht umsonst arbeiten viele Entwickler mit der US-amerikanischen Tastaturbelegung, da viele Sonderzeichen auf einer deutschen Tastatur nur schwierig zu erreichen sind. Dazu kommt unter Umständen der Wechsel zwischen Tastaturen (deutsch und mit Ziffernblock am PC, US und kompakt am Server, faltbar und noch kleiner am Tablet…).

Nebenbei ist das «Tippen» nur ein kleiner Teil dessen, was oft salopp als «Coding» oder «Programmieren» bezeichnet wird. Zusätzlich wird Code, so er denn getippt wurde, um ein Vielfaches häufiger gelesen als geschrieben (weswegen guter Code leicht zu lesen und nicht leicht zu schreiben ist). Hier kommt es wahrlich nicht auf die Geschwindigkeit an.

Viele Stimmen bleiben im Allgemeinen, dem «soll», «angeblich» und «ich habe gehört», wie beispielsweise dieser Kommentar: «Angeblich soll vor Jahren Bill Gates bei einem Besuch in Gottschalks „Wetten, dass …“ gesagt haben, dass bei Microsoft kein Programmierer an einen Computer kommt, der nicht mit zehn Fingern tippen kann». Ich habe diesen Kommentar gewählt, weil ich für ein «kleineres Softwareunternehmen aus dem Bundesstaat Washington» Software erstellt habe und mich hat niemand, auch Bill Gates nicht, danach gefragt, ob ich «Tatschreiben» kann (da waren ganz andere Kriterien wichtig). 😄

Das Textmengen-Argument

Ein Argument, dass immer wieder erscheint, ist die schnelle «Textproduktion». Bleiben wir beim obigen Zitat, denn es geht noch weiter:

«Eine Voraussetzung für die so oft geforderte computer literacy ist die Fähigkeit flott mit 10 Fingern „blind“ schreiben zu können, um z.B. Stundenprotokolle, Aufsätze, Seminararbeiten und später Arbeiten an der Uni etc. bewältigen zu können». (http://www.jochenlueders.de/?page_id=13464)

Nun hoffe ich doch, dass die oben angesprochenen SuS sowie Studentinnen und Studenten bei der Produktion der Aufsätze und Seminararbeiten nachdenken und Text nicht einfach blind «runterklopfen». Auch Autoren, Sachbearbeiter/innen und andere Textproduzenten werden gerne genannt. Natürlich werden Tastaturen nicht morgen überflüssig. Zusätzlich sollte, wer es lernen möchte, gerne das Zehnfingersystem oder ein anderes lernen. Es gibt nämlich mehr als das oft gottgegeben hingenommene «QWERTZ»-Anordnung, von Dvorak bis Neo.

Ich möchte nicht soweit gehen und wie viele das seit Jahren tun, den Durchbruch der Spracheingabe für Morgen prognostizieren. Dennoch habe ich auch gerade jetzt wieder einen Teil des Textes auf meinem Macbook diktiert (völlig problemlos übrigens) und für deutschen oder englischen Fließtext ist das System längst praxistauglich. Aber auch wenn ich viel Text über die Tastatur erfasse, muss es nicht das alte Sekretärinnen-Stereotyp sein. Ich habe mehr als ein Buch bei einem Verlag veröffentlich und obwohl es sicher so viele Arten der Texterfassung wie Autorinnen und Autoren gibt, kaum einer lässt seine Manuskripte noch abtippen. Schreibt jemand selbst, kommt die Sicherheit des Schreibens mit der Übung.

Das Berufs-Argument

«Aber die Geschäftsbriefe, die wir alle in der Schule üben», höre ich jetzt viele aufschreien. Ja, es ist wichtig, die äußere Form zu kennen. Haben Sie sich als LuL für Textverarbeitung aber in der letzten Zeit mal in Wirtschaft und Forschung umgesehen? Wie viele Briefe noch geschrieben werden? Abgesehen davon, dass hier fast alles über Textbausteine automatisiert wurde, die Welt lebt mit eMail. Ich bekomme im Jahr im Schnitt etwa fünf ausgedruckte Briefe per Post im Büro (und da ist Weihnachten dabei). Für die Textmenge der normalen Mail benötige ich kein Zehnfingersystem. 2016 hat das Boomerang Blog die ideale Mail-Länge für die beste Antwortrate auf Sales-Mails untersucht. Diese liegt bei etwa 75-100 Wörtern. Mails werden auch nicht mehr einer Sekretärin diktiert, sondern selbst gelesen und geschrieben und das vermehrt auf dem Smartphone! Bringt den SuS1 lieber bei, wie in eMails richtig zitiert wird, das wäre eine wichtige Kompetenz.

Egal, ob ERP-System, CRM oder ein Online-Shop, fast nirgendwo muss ich Massentexte tippen. Als beruflicher Autor ist das wieder eine andere Sache, aber wie ich bereits mehrfach anführte, rechtfertigt das nicht den Einsatz wertvoller Unterrichtszeit für alle. In Bereichen, in denen wirklich längere Texte produziert werden, ist die Automatisierung bzw. Vorproduktion mit Textbausteinen bereits extrem fortgeschritten und für die Bereiche, in denen wirklich schnell Text produziert wird (Juristerei, Medizin, etc.) erfolgt dies durch wenige Fachkräfte bzw. greift hier immer mehr die Spracheingabe (dort ist es auch kein Problem. In einer Klasse bei > 20 SuS, die alle gleichzeitig sprechen, natürlich schon, aber aus diesem Blickwinkel darf die Sache natürlich nicht betrachtet werden.

Das Übungs-Argument

Oft höre ich bei solchen Diskussion das Argument, dass Tastschreiben eine gute Übung für die SuS wäre, um den Umgang mit der Tastatur zu erlernen. Das mag für die Buchstaben von A-Z richtig sein, hat aber mit Textverarbeitung nichts zu tun. SuS seitenlang unsinnigen Text als «IT-Hausaufgabe» mit zu geben, hat mit Ausbildung nichts zu tun. Was glauben solche Pädagogen, wie lange es dauert, bis der Nachwuchs den Umgang mit der Zwischenablage oder das Versenden von Text per WhatsApp virtuos beherrscht? Dann wurde immerhin etwas Nützliches gelernt. 😏

Wo können die erworbenen Kenntnisse dann genutzt werden? Wie viele Schulen akzeptieren Hausarbeiten oder Aufsätze als Datei anstelle einer handschriftlichen Ausarbeitung? Wie viele LuL sind überhaupt in der Lage, kompetent für jede Schülerin einer Klasse eine individuelle Aufgabe zu erstellen und diese dann automatisiert zu korrigieren? Statt dessen kommen Vorschläge wie «Eine schulinterne Tipp-Meisterschaft durchführen mit kleinen Preisen und entsprechender Würdigung». Wenn SuS schon tippen lernen (oder das sogar freiwillig wollen!) dann lasst sie diese Kenntnisse auch einsetzen (und nein, das Argument, «dann kopieren die doch einfach den Text» lasse ich nicht gelten. Es gehört zur Qualifikation einer Fachkraft für Textverarbeitung, individuelle Aufgaben automatisiert zu erstellen; notfalls muss zuerst das Lehrpersonal zur Weiterbildung).

Das Vergangenheits-Argument

Das liest sich dann in etwa so: «Ich hatte damals noch, Schreibmaschine und Steno in der Schule und wenn ich etwas für’s Leben gelernt habe, dann auf jeden Fall tippen – mit zehn Fingern, blind. In der Uni habe ich zahlreiche Hausarbeiten geschrieben, später dann die Magisterarbeit, Artikel, ein Buch.«

Das Thema Steno lassen wir jetzt mal weg (sollten Sie beispielsweise eine Karriere als Parlamentsstenograph(in) anstreben, dann natürlich gerne, aber dafür benötigen wir keine Pflichtveranstaltung für alle in der Schule). Gehen Sie mit offenen Augen durch den Tag und beobachten Sie, wie heute mit Computern interagiert wird. Viele Online-Händler haben über zwei Drittel des Traffics von mobilen Geräten. Auch wenn Sie mobile Tastaturen nutzen sind diese vom Layout her anders als die Tastatur, auf der Sie «tippen» gelernt haben. Nur weil etwas früher sinnvoll war, muss es heute oder vor allem in Zukunft nicht der Fall sein. Es macht keinen Sinn, den SuS bei zu bringen, wie sie mit zehn Fingern blind Text eingeben, dafür aber beispielsweise das Thema Phishing-Mails außen vor zu lassen.

Die mobile Ära

Die kompetente Bedienung eines mobilen Computersystems hängt nicht davon ab, «blind» tippen zu können. Spätestens seit dem Tag, an dem Steve Jobs im Jahr 2007 das iPhone vorstellte (und 2010 dann das iPad) hat sich die «Bedienseite» der Computertechnik in einem Tempo gewandelt, dass sich noch zu Beginn des Jahrtausends kaum jemand vorstellen konnte. Für den Großteil der Nutzer ist das Smartphone das Internet und der Computer. Auch all die Entwickler von Apps sind nicht auf ein Zehnfinger-System angewiesen. Wird Mengentext auf einem Smartphone oder Tablet erfasst, dann sind die mobilen Tastaturen (s.o.) ebenfalls nur sehr bedingt dafür geeignet, mit zehn Fingern bearbeitet zu werden.

Berufliche Nutzung von IT-Systemen erfordert ebenfalls nur noch in den seltensten Fällen die Erfassung großer Mengen Freitext, die Digitalisierung (hier wirklich im Sinne der Übertragung analoger Daten in eine digitalisierte Form) ist gelaufen, ich kann z.B. Shakespeares Werke einfach aus dem Netz laden, wenn ich Stücke für eine Hausarbeit benötige.

Fazit

Das Wichtigste nochmal in aller Deutlichkeit: will jemand Tastschreiben lernen, dann ist das förderlich und sollte als Wahlangebot existieren. Ich will niemand ausreden, mit seiner Tastatur schnell tippen zu können. Es sollte sich allerdings niemand der Illusion hingeben, dass SuS, die Tastschreiben gelernt haben, einen beruflichen Vorteil gegenüber denen haben werden, die sich in dieser Zeit mit informatischen Wirkprinzipien und Medienbildung beschäftigt haben. Zusätzlich ist es viel wichtiger, Konzepte wie Trennung von Inhalt und Layout, Formatvorlagen, Auszeichnungen und übergreifenden Dateiaustausch oder Zusammenarbeit in einem Repository oder einem kollaborativen Editor gelernt zu haben, als «blind» ein Telefonbuch abschreiben zu können. Nicht tippen, sondern denken ist die wichtigere Kompetenz für unsere Kinder.


  1. SuS ist die Abkürzung für «Schülerinnen und Schüler», LuL steht dementsprechend für «Lehrerinnen und Lehrer«
  2. Es geht mir bei dieser Diskussion auch nicht um die Diskussion «Handschrift lernen oder nicht» (das ist eine ganze andere und ja, ich schreibe gerne und oft mit der Hand – lesbar und mit gutem Füller).
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