Die Zukunft liegt in der Toskana

Die Toskana liegt bei Regensburg und sie zeigt den Bayern die Zukunft des Einkaufens. Eine kleine Geschichte über persönliche Vorlieben, Technologie, die Zukunft der Arbeit, junges Öl und alten Wein und über bewussten Konsum. Wer im Handel arbeitet, Jugendliche unterrichtet oder wissen möchte, wie sich Unternehmen erfolgreich gegen Online-Riesen behaupten, sollte diesen Artikel lesen.

Ich bin einkaufstechnisch in mehreren Welten zuhause. Ich bestelle meine Bücher seit über 25 Jahren online (noch über Btx!), kaufe bei guten Fachgeschäften lokal, zahle gerne für erstklassige Beratung und perfekten Service und hole bestimmte Waren direkt beim Erzeuger (Olivenöl sollte man da kaufen, wo man schon unter den Bäumen Siesta gehalten hat 😉). Als daher vor einiger Zeit eine Werbesendung der Fattoria La Vialla eintrudelte, in der die «Dispensa della Fattoria» (die Speisekammer des Landguts) in Rosenhof bei Regensburg vorgestellt wurde, war ich natürlich neugierig.

Wem «La Vialla» nichts sagt (das Unternehmen ist in Italien mehr oder weniger unbekannt, hat aber unter deutschen Bildungsbürgern einen geschätzten Bekanntheitsgrad von 90%), findet in diesem Artikel von brand eins eine erstklassige Analyse des Erfolgs der Fattoria. Auch der Deutschlandfunk hat in diesem Artikel das Konzept gut beschrieben, so dass ich mir hier weitere Erklärungen sparen kann.

Zurück zur Werbung: passend für technologisch Interessierte wurde die Zusendung eines elektronischen Schlüssels für die Speisekammer angeboten, mit der sich die kulinarischen Türen zur Toskana personalisiert öffnen lassen. Dazu noch aus toskanischem Olivenholz (so schön lassen sich RFID-Chips also verpacken) und mit «bezahlen ohne Kasse per PIN»? Das musste ich ausprobieren. Nach der Anmeldung (nebenbei: tante grazie an das Service-Team von La VIalla, ich habe selten einen so guten Support erlebt!) kam letzte Woche die Schlüsselkarte (siehe Bild rechts) und heute haben meine Frau und ich einen kleinen Ausflug in die Oberpfalz nach Rosenhof bei Regensburg gemacht.

Sesam öffne Dich

Angekommen, ausgestiegen, die Schlüsselkarte an den Leser gehalten (ja, bis jetzt nichts Neues, ich bitte um etwas Geduld) und die Tür öffnet sich.

Eingang zur Dispensa della Fattoria La Vialla

Wer schon einmal in Castiglion Fibocchi die Fattoria besucht hat, wird das Ambiente als etwas «suboptimal» empfinden, obwohl man sich wirklich Mühe gegeben hat. Eine Lagerhalle bleibt aber immer eine Lagerhalle und wird nicht auf magische Art und Weise zu einem toskanischen Bauernhaus. 😉

Andererseits zeigt sich hier wieder einer der Vorteile des Einkaufs beim Erzeuger: ich kaufe nicht die Katze im Sack, sondern wirklich jedes Produkt (mit Ausnahme der Pasta — 50g Nudeln zu kochen wäre IMHO wirklich zu viel verlangt) kann verkostet werden und das Niveau der Beratung ist hervorragend: einige «Viallini» sind im Auslandseinsatz und bringen in der Oberpfalz toskanisches Lebensmittelwissen unter die Leute.

Was mir aber gleich auffiel: niemand sitzt an der Kasse. Es gibt gar keine sichtbaren Kassen. Jeder kümmert sich um Kunden, berät, erklärt oder unterhält sich mit uns Kunden. «Ah, si, das mit der PIN. Das erkläre ich Ihnen, wenn Sie alles probiert und gefunden haben, was Ihnen gefällt».

Nebenbei: Tipp für alle im Handel, die das gleiche Problem mit Kleinmengen-Abgaben haben: sehr gut gelöst hat La Vialla das dadurch, dass Produkte normalerweise in 4er bzw. 6er Gebinden abgegeben werden. Wer aber wirklich nur ein Glas Peso oder eine Flasche Wein haben möchte, kann sich als besonderen Service einen «individuellen Geschenkkarton» aus mindestens 8 Produkten selbst zusammen stellen. Auf diese Weise bekommt man eine gewisse Mindestgröße des Warenkorbs und animiert geschickt dazu, vielleicht doch etwas mehr als geplant zu kaufen.

Rosenhof, nicht Seattle

Alle im stationären Handel gucken auf Amazon wie das berühmte Kaninchen auf die Schlange. Alle? Nein, eine kleine Fattoria in Italien hört nicht auf – ok, lassen wir das, das ist eh Gallien und nicht Italia …

Nach einiger Zeit (und einigen interessanten Beobachtungen, was «verkosten» für verschiedene Typen von Menschen bedeutet) ist der Einkauf komplett (ich wusste ja, das sowas passieren würde. Wer hat denn das ganze Zeug auf den Wagen gelegt? 😁). Jetzt will ich aber wissen, wie das mit dem Bezahlen ohne Kasse funktioniert. Hier kommt auch die PIN zum Tragen. Sozusagen die «two factor authentication» im Handel. Ich halte meine persönliche Schlüsselkarte vor ein Lesegerät. Anschließend gebe ich die PIN ein und dann fahre ich den kompletten aufgestapelten Wagen einfach in normaler Geschwindigkeit durch die magische Ausgangsgasse (s. Bild):

La cassa magica

Danach kommt aus einem kleinen Drucker ein Beleg und siehe da – 100% Trefferquote (das Personal hilft bei der Kontrolle, ob nicht versehentlich ein Sensor zu viel erfasst hat). Alle RFID-Marker wurden korrekt ausgelesen und nichts vergessen. Noch während wir mit einem der «Viallini» reden, vibriert mein Smartphone: die Rechnung für den Einkauf ist da. Darin enthalten ein Link zum Bezahlen per SEPA-Mandat oder Überweisung. Einfacher geht’s kaum!

Kassenloser Einkauf bei Amazon Go wird je nach Einstellung als die Zukunft des Einkaufens beschrieben oder als der Untergang des Abendlandes (hier ein relativ ausgewogener Artikel).

In Wirklichkeit hatte der alte Goethe wieder einmal Recht:

Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Goethe

Da hat ein kleines Team (die komplette Technik und Software stammt ebenfalls aus italienischer «Produktion») den großen Handelskonzernen eine lange Nase gedreht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich technologische Marktführerschaft im Handel mit Privatkunden bei einem Bio-Landgut aus der Toskana kennen lernen würde.

Kräuter bei La Vialla

Warum ein Schulausflug nach Rosenhof sinnvoll sein kann

Die Bildung hat (endlich, möchte man schreiben) die Digitalisierung entdeckt. Ich will an dieser Stelle gar nicht weiter auf das Thema eingehen, nur einen Aspekt hervor heben, der meiner Meinung nach immer untergeht: dass die Bildungswelt nur über einen von drei Bereichen der digitalen Transformation diskutiert. Auch auf Twitter dreht sich fast alles um die Digitalisierung der Arbeitswelt des Lehrpersonals und des Unterrichts. Viel wichtiger (und für die Bildung auch wesentlich aufwändiger) sind die beiden Bereiche der Vermittlung informatischer Kompetenzen und die der gesellschaftlichen Auswirkungen von Digitalisierung, maschinellem Lernen und Automatisierung.

So gesehen ist jeder Lehrerin und jedem Lehrer, die Kinder nach der Grundschule unterrichten, ein Besuch hier anzuraten. Niemand kann mehr guten Gewissens eine Ausbildung als Kassenkraft oder am Schalter einer Bank oder als Steuergehilfin empfehlen (nebenbei, auch Radiologen sind in dieser von Automatisierung bedrohten Berufsgruppe). Hier lässt sich erleben, was passiert, wenn es schlichtweg keine Kasse mehr gibt.

Die berufliche Tätigkeit verändert sich. Gefordert sind soziale Kompetenzen, solides Produktwissen (wer kennt nicht die «Berater» in Elektronikmärkten, die bei Fragen anfangen, die Texte auf der Verpackung vorzulesen?) und Beratungskompetenz. Hier hilft es überhaupt nicht, Kassensysteme bedienen zu können oder gar «tastschreiben» zu können. Das sind Anforderungen aus einer vergangenen Zeit. Wichtig ist es, das Einkaufserlebnis des Kunden zu optimieren, Fragen zu beantworten, die Nische für das Geschäftsmodell auszunutzen (und La Vialla hat eine fast perfekte Nische gefunden, die deutsche Sehnsucht nach der Toskana und nach Bio). Hinter den Kulissen machen dies Spezialisten und Fachkräfte möglich. Dazwischen wird es eng werden.

So gesehen sollten Pädagogen La Vialla, das sie vielleicht schon kennen, einmal unter einem anderen Blickwinkel betrachten: es zeigt, welche Kompetenzen wichtig werden, alles, was automatisiert werden kann, auch automatisiert werden wird und dass «soft skills» keine abstrakten Begriffe sind, sondern Arbeitsplätze und Zufriedenheit des Kunden sichern.

Haus auf den Hügeln in der Toskana

Fazit

RFID und Sensorik funktioniert, die Kontrolle nach der «cassa magica» dient meiner Meinung nach eher der Beruhigung der Kunden als der Überprüfung der Funktion und der Ablauf ist super-simpel und bequem. Wer heute an einer Kasse sitzt und in zehn Jahren noch arbeiten möchte, sollte sich langsam nach einer Weiterbildung oder Umschulung umsehen. Das ist auch die Chance vieler Fachgeschäfte: Beratung, Produktwissen, Dienstleister für ein optimales Einkaufserlebnis sein, das ist zukunftsfähig. An der Kasse sitzen, ein «haben wir nicht, aber ich kann’s bestellen, dann können Sie nochmal kommen und es abholen» oder ein «nein, das kann ich nicht aufmachen zum Probieren» sind sichere Wege aus dem Markt. Ich bin mir daher ziemlich sicher, dass ich bei La Vialla noch lange Jahre Kunde sein kann. 😊


Kommentare

Von b3aa6bf60ebfa87e565cbaf1bb26c5402696d83937f47fea5a3aaaa4f9f85a36 am 2019-06-21

Sehr gut geschriebener und teils lustiger Artikel ;-) Inhalt stimmt auf alle fälle da ich auch schon das Vergnügen hatte dort einzukaufen. Und natürlich war ich wie du auf das kassenlose zahlen gespannt und positiv überrascht. Vielleicht sollten einige Supermarkt Ketten dort zur Schule gehen.


Von 9503bd47ea9639cd73988adac8cc8b1e3fd1938b2a83c68c40212885f22a76f6 am 2019-06-21

Bin begeistert von der Speisekammer in Rosenhof!! Kann diesen geschriebenen sehr guten Artikel nur zustimmen,,, Bestellen schon seit ca 15 Jahren bei der Fattoria und sind happy jetzt direkt vor unserer Haustüre einkaufen zu können,,,,


Von 0e1732f174bce6254f7bc38b12a4eb5603d2a6bf8983cff57677d14ce39b367a am 2019-06-21

Ich habe auch bereits mit meiner Frau, Tochter und Enkel eingekauft und hier einen super Service mit perfekter Beratung und Verkostung erleben dürfen. Das Bezahlsystem ist wirklich zukunftsweisend und zeigt wie heute «Einkaufen» völlig problemlos und schnell abgewickelt werden kann. Ich bin seit vielen Jahren Kunde bei La Vialla und habe bisher über Internet und Paketlieferung bestellt. Das Einkaufen im Rosenhof ist jedoch ein Erlebnis und macht echt Freude.


Von f3958316b6cefe61913ca674a4e40f725b5011b98ebc11298ab554fd4bb7e2c1 am 2019-06-23

Ein gut geschriebener Artikel. Leider gibt es aber auch einige Anmerkung zur Methode La Vialla:

  • RFID Technologie: Diese ist bereits seit Jahren in vielen Bereichen im Einsatz und eigentlich nichts Neues. Der flächendeckende Einsatz dieser Chips ist aber aus Datenschutz- und Abfalltechnischer Sicht sehr umstritten. Über die Probleme im Bereich Datenschutz gibt es genügend Artikel im Internet zum Nachlesen. Zum Thema Elektroschrott endet die Diskussion im Jahre 2009 mit einer Studie des Umweltbundesamtes (im Internet nachlesbar) die auf die Gefahrenen bei einem flächendeckenden Einsatzes hinweist. Die Chips verschwinden derzeit im Müll und sind nicht biologisch Abbaubar. Also eine Personallose Kasse bedingt an allen Waren einen RFID Chip mit allen daraus entstehenden Folgen.

  • Natürlich ist Kassierer(in) beim Supermarkt kein Beruf mit großer Zukunft und man kann diese Zukunft bei La Vialla sehen. Ich habe auch schon Freunde in die Speisekammer entführt um Ihnen neben den Produkte auch das Kassensystem zu zeigen.

  • Das Marketing und die Strategie von La Vialla ist wirklich einzigartig und als positives Beispiel hervorzuheben. Da können sich viele vom Internet bedrohte Händler große Scheiben abschneiden.

  • Oft ist es aber ein Zuviel was einem an aufwendig gestalteten Unterlagen zugesandt wird. Trotzt umweltschonendes Papier passt das nur bedingt zum lobenswerten Ökologischen Ansatz von La Vialla. «Weniger» ist wie so oft im Leben «Mehr».

In Summe: Freuen wir uns das es La Vialla gibt und wir deren Produkte geniesen können.


Von 5af16a6e28da9c9e6e14d25fc0f81c9486046552da6a08472f9a7d61160907e9 am 2019-06-23

La Vialla kenne ich aus der Toscana. Ich bin unheimlich froh, ab und zu Viallini-Freundlichkeit/-Herzlichkeit zuHause live erleben zu können. Jeder Besuch ist wie eine frische Brise, jeder Besuch macht Freude. Und zuHause hat man wunderbare, gesunde, schmackhafte Lebensmittel, die zum Allgemeinwohlbefinden beitragen. Ich bin riesiger La Vialla Fan. Was mich erstaunt ist der Innovationsgeist. Verstaubter Biohof? Mitnichten! Die neueste Technik findet hier Einzug. Die Familie Gianfranco ist sensationell - auch in der nächsten Generation. Hut ab. Ich bin froh, dass es euch gibt.

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