We didn't start the fire — it was always VUCA

VUCA-Voodoo

Wenn es ein Wort gibt, dass Ihnen heutzutage jeder Berater von der digitalen Bildung über die Wirtschaft bis zur persönlichen Weiterentwicklung um die Ohren haut, dann ist das: VUCA (cue music from «Psycho») 😉 VUCA, das ist der Grund, warum es mit der Bildungspolitik nicht klappt, warum Firmen den Anschluss verlieren, warum Königreiche untergehen: die Welt ist eine VUCA-Welt

Symbolbild Angst

So, jetzt atmen wir alle mal tief durch und beruhigen uns wieder. Ich habe mit dem inflationär verwendeten VUCA schon länger ein Problem und werde in diesem Blogpost erläutern, warum das nichts Neues ist und wieso es Personen und Organisationen gibt, die damit scheinbar weniger Probleme haben als andere.

Was ist VUCA?

VUCA ist ein Abkürzung (woher die kommt, verrate ich Ihnen gleich) für:

  • Volatility
  • Uncertainty
  • Complexity
  • Ambiguity

Die Welt ist also volatil (also im Fluss, nicht statisch), unsicher, komplex und mehrdeutig. Aha. Dafür brauche ich keine Abkürzung, das war mir klar, als ich mit 16 zu meinem ersten Date unterwegs war. 😄
Aber bleiben wir ernsthaft. Wieso wirft jede Veranstaltung zu Bildung in digitalen Zeiten und jedes Projekt zur digitalen Transformation in Unternehmen mit VUCA um sich, als wäre vor fünf bis zehn Jahren die VUCA-Epidemie ausgebrochen?

Wer hat’s erfunden? (Nein, nicht die Schweizer)

Wissen Sie, wann bzw. wo der Begriff entstand? Er hat nämlich überhaupt nichts mit Digitaler Transformation oder ähnlichem zu tun. Der begriff entstand im Army War College der US-Armee Ende der 80er Jahre. Die älteren Leser werden sich vielleicht an Präsident Reagans berühmten Ausspruch erinnern:

Das Ende des kalten Krieges und die Umwälzungen in dessen Folge führten bei der militärischen Führung nicht nur der Vereinigten Staaten zu Kopfzerbrechen. Es war plötzlich weniger einfach; die zwei politischen Blöcke nicht mehr durch die scharfe Grenze des eisernen Vorhangs getrennt. In diesem Zusammenhang entstand, beeinflusst von den Ideen von Warren Bennis und Burt Nanus (Buchlink) eine neue Philosophie für die Ausbildung von militärischen Führungskräften. Ein Forschungsbericht von 1992 schreibt den Begriff General Maxwell Reid Thurman zu: «the strategic leadership environment in terms of volatility, uncertainty, complexity and ambiguity«

Halten wir also einmal fest, dass die Welt (nach Meinung des Army War College) spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges VUCA ist. Jetzt ad hoc die komplette Organisation ohne Nachdenken umzukrempeln, dürfte dann wohl kaum der Weisheit letzter Schluss sein, wenn Sie vor mehr als 30 Jahren hätten starten sollen …

Die Welt war vorher nicht VUCA?

And so he [the student of world politics] embarks on a search for certainty, only to find that it lies in such phrases as «apparently», «presumably» and «it would seem as if».
– James N. Rosenau

Man muss kein Geschichtsprofi sein, um festzustellen, dass Billy Joel Recht hatte … 😉

Spätestens, als Thukydides seinen Bericht über den Peloponnesischen Krieg verfasste, war die Welt bereits eine VUCA-Welt. Und ja, das galt auch für die Wirtschaft, den Handel und die Politik. Es gab keine Welthandelsorganisation, keine Kreditbürgschaften und wenn das Handelsschiff bei seiner Reise aus Tyros nicht sicher in Neapolis ankam, dann war’s das. Sehen wir uns diese vier Begriffe mal kurz im historischen Kontext an:

Volatility? Der Spruch «panta rhei» wird Heraklit zugeschrieben, ca. 500 v. Chr. …
Eine statische Welt gab es nie, wie schnell sich Gegebenheiten ändern können, zeigte nicht nur der Fall der Mauer (wobei das eigentlich erstaunliche Element die Zeit zwischen dem Gipfeltreffen in Reykjavík 1986 und dem Gipfeltreffen in Moskau 1988 war, siehe auch das Video oben).

Uncertainty? Wann war die Welt und das Leben jemals «sicher» und «planbar»? 😉
Es gab seit jeher Unwägbarkeiten, Spekulationsblasen und riesige Konzerne, die Märkte beherrschten (gegen die holl. Ostindienkompanie waren Google und Facebook Startups). Politische Bündnisse und gesetzliche Vorgaben erforderten immer eine «Anpassung» (denken Sie an die Prohibition).

Complexity? Wer glaubt, dass die Welt früher weniger komplex war, soll nachlesen, wie sich wohl jemand wie Hieron II. von Syrakus gefühlt hat, der ein halbes Jahrhundert zwischen Rom und Karthago balancierte. Die politischen Allianzen von Richelieu oder Talleyrand waren sicherlich ebenso komplex wie heutige Regierungsbildungen. Und wussten Sie, dass die einzige Grenze im Nahen Osten, an der seit 1967 kein einziger Schuss gefallen ist, die zwischen Israel und Jordanien ist?

Ambiguity? Wäre die Welt jemals nicht mehrdeutig gewesen, hätte es keine Streitigkeiten um Handelsvereinbarungen oder Kriege um Grenzverträge gegeben, wären Fürstenhochzeiten nicht an Allianzen gescheitert. Ambiguität ist sozusagen das Gegenstück zu Uncertainty oben, hier haben wir Daten, aber die Bedeutung ist unklar bzw. treten Verwechslungen zwischen Ursache und Wirkung auf.

Watt mutt, dat mutt

Ein geschätzter Leser meiner Gedanken hier (der übrigens unter http://denkamt.de/ ein sehr lesenwertes Blog schreibt), hat als «Beta-Leser» den folgenden Kommentar abgegeben:

Die Welt ist schon immer VUCA, weil das Wetter VUCA ist.

Er hat dabei gar nicht so unrecht. Die Welt war schon immer so, für viele Organisationen kommt jetzt nur der Zeitpunkt, an dem sich Veränderungen der Umwelt nicht mehr ignorieren lassen. Was ich damit meine? Ich habe 1988 verzweifelt versucht, einem Tauchladen in Landshut klar zu machen, dass es eine wirklich gute Idee wäre, die Domain tauchen.de und scuba.com zu registrieren – nix zu machen. Ich kenne heute noch Buchhändler, die sich weigern, bestellte Bücher nach Hause zu senden und Kunden zwingen wollen, erneut 15 km in die Stadt zu fahren und wieder einen Parkplatz zu suchen. Ich kenne immer noch Eltern, die ihren Kindern mit 15 Jahren keinen Computer und Internet ermöglichen, weil «wir das auch nicht gebraucht haben». VUCA bedeutet nichts anderes, als dass die Welt wirkt wie ein großes Gummiband. Zuerst spürt man fast nichts, dann zieht es etwas und irgendwann ist der Haltepunkt überschritten. Dann wird man plötzlich und unvorbereitet in eine Richtung geschnalzt und prallt hart auf der neuen Realität auf. Lernen durch Schmerz ist eine Möglichkeit, aber nicht die intelligenteste. Als Zusammenfassung der Notwendigkeiten gefällt mir daher die folgende Grafik ganz gut.

VUCA-Animation

Die schlechte Nachricht für Sie: die Welt wird sich für Sie nicht ändern. Wie Billy Joel sang: «We didn’t start the fire, it was always burning, since the world’s been turning». Die gute Nachricht für Sie: die Welt ist gar nicht so anders geworden und es gibt eine ganze Reihe von Personen und Organisationen, die offensichtlich gut in ihr zurecht kommen. Was ist deren Geheimnis?

Reaktionszeit muss man sich leisten können

Es gibt eine Art von «Training», die ich allen Personen empfehlen kann, die in einer Organisation Führungsverantwortung übernehmen: setzen Sie sich in einen Flugsimulator und fliegen sie einen Jet von A nach B. Spätestens dann wissen Sie, was «Systeme mit Latenz» bedeuten. Sie treten ins Querruder und erwarten eine Reaktion. Nach fünf Sekunden, in denen nichts passiert ist, treten Sie fester. Jetzt beginnen die 100 Tonnen Metall sich merklich in die gewünschte Richtung zu drehen. Das tun Sie aber aufgrund der ersten Reaktion. 😉 Fünf Sekunden später bemerken Sie, dass die Kiste viel weiter rum kommt, als Sie wollten. Also drücken Sie das Querruder in die andere Richtung. Sie ahnen, wie das Spiel ausgeht. Nach einer halben Minuten sind Sie froh, dass Sie in einem Simulator sitzen und der Trümmerhaufen nur virtuell auf dem Bildschirm existiert. Es gibt (ausser Navigieren mit größeren Booten) kaum eine Erfahrung, die einem besser klar macht, was Latenz und Zeit für Entscheidungen haben oder nicht haben bedeutet.

Bild eines Flugsimulators

The need for speed

Kommen wir zu dem Punkt, in dem sich die Welt wirklich verändert hat: die Beschleunigung. Unsere technologische, durchdigitalisierte Gesellschaft hat sich an ein Tempo der Kommunikation gewöhnt, die noch vor 100 Jahren jedem Schweissperlen ins Gesicht getrieben hätte. Egal, ob im Hochfrequenzhandel an der Börse, bei der Rechenzentren die Mieter der Gebäude rum um die NYSE ersetzt haben, weil sich so zwei Millisekunden Laufzeit herausholen lassen, ob im Bereich der «just in time»-Logistik, die ganze Lager auf den Autobahnen hält oder bei der persönlichen Kommunikation, wo Antworten auf dem Smartphone in Echtzeit erwartet werden: «the need for speed» hält jeden in Atem.

Das ist kein Vorteil, denn auch global wirksame Entscheidungen und politische Weichenstellungen werden von dieser Entwicklung getrieben. Einer der Gründe, warum ich diesen Blogpost überhaupt schreiben kann, ist der, dass die US-Regierung und der Kreml im Herbst 1962 nicht die Nerven verloren und gerade Robert Kennedy seinem Bruder in der Diskussion mit den Militärs oft die nötige Zeit zum Nachdenken verschaffte. Salopp gesagt: hätte es 1962 bereits Twitter gegeben, wir würden heute alle wahrscheinlich nicht hier sitzen …

Das ist eines der «Geheimnisse» von Personen, die besser mit der angeblich so neuen VUCA-Welt zurecht kommen: sie verschaffen sich Zeit. Zeit, um zu beobachten und nachzudenken und dann Entscheidungen zu treffen.

OODA für VUCA

Diese Erkenntnis hatte auch John Boyd, ein Pilot und Militärstratege. Er entwickelte die OODA-Schleife. Diese ist auch für den Bereich der Wirtschaft sinnvoll, den Ihre Wettbewerber haben in etwa die gleichen regulatorischen Vorgaben und externen Restriktionen wie Sie. Ihre einzige Chance ist daher das, was auch John Boyd heraus fand: Sie müssen die OODA-Schleife schneller durchlaufen und sich Zeit verschaffen. Prozessoptimierung ist kein Selbstzweck. Die interne organisatorische Verschlankung dient einzig und allein dem Zweck, Zeit zu gewinnen und diese zum Nachdenken und Agieren zu nutzen. Dass sich daher Ideen der OODA-Loop bereits in historischen Zeiten bis zurück zu Sun Tzu und der «Kunst des Krieges» finden, ist daher nur folgerichtig.

Dieser Faktor ist meiner Meinung nach der ausschlaggebende: es gibt immer Veränderung und vorher ist nie klar, ob es geringe oder große Auswirkungen haben wird. Das Feedback ist allerdings schneller oder langsamer, das betroffene System besitzt unterschiedliche Latenzen oder eben die anderen Akteure brauchen mehr oder weniger Zeit als wir, um sich neu zu orientieren.

Aber: Digitalisierung?

OK, machen wir’s zum Ende hin kurz: die Digitalisierung (im Sinne der Umstellung auf digitale Daten, digitalen Transport von Daten und Speicherung) ist gelaufen. Die Digitalisierung im Sinne einer Transformation der Wirtschaft ist mehr oder weniger gelaufen. Bis auf Restbranchen sollten Sie da durch sein. Ein Beispiel: verkaufen Sie Handelsgüter und haben heute keinen Online-Handel (egal, ob B2B oder B2C), dann sind Sie entweder so exklusiv, dass Sie nicht handeln, sondern Waren an die Bewerber verteilen 😉 oder Sie sind kurz davor, unterzugehen.

Symbolbild Digital

Wenn Sie wissen wollen, wie so eine Transformation zuerst belächelt, dann unterschätzt und dann zwangsweise angenommen wird, lesen Sie meinen Post zum Thema Containierisierung. Genau wie dort gilt auch hier: Sie brauchen nicht Berater, sondern Zeit zum Nachdenken und zur internen Verschlankung. Reaktionen wie jetzt im Bildungsbereich zu sehen, bei dem nun mit Hilfe des Digitalpakts Milliarden planlos unter das Bildungsvolk geworfen werden sollen (»Mobile Geräte, die auch ausserhalb des Unterrichts genutzt werden können, sind nicht förderfähig» ist einer meiner Lieblinge) oder bei Unternehmen, die «komplett agil» werden wollen (als ob agil z.B. in der Logistik das entscheidende Kriterium wäre) sind reine Übersprungshandlungen.

Wenn Sie sich für die Digitale Transformation rüsten wollen, sorgen Sie dafür, dass Sie Leute an Bord haben, die selbständig denken und handeln können, die offen sind für Neues und lernen wollen. Das tun Sie, wenn sie sich sicher fühlen und wissen, dass sie ernst genommen werden. Der großartige Joel Spolsky hat in einem seiner Blogposts beschrieben, dass Sie einen «rosh gadol» im Team haben wollen. Sehr lesenswert und auch schon über 15 Jahre alt. Sie sehen also, warum manche besser mit dieser Digitalisierung zurecht kommen. Die haben einfach 15 bis 20 Jahre früher angefangen, diese Zeit aufzuholen, das ist schwer. Sehr schwer …

Fazit

Am besten Begegnen Sie also den gar nicht so modernen Herausforderungen von VUCA, indem Sie das tun, was schon Odysseus und den Fuggern geholfen hat: Zeit gewinnen, Beobachten, Orientieren, Entscheiden, Handeln.

Sehen Sie ein, dass die Welt immer schon «VUCA» war und fallen Sie nicht auf «VUCA-Voodoo» herein. Verschaffen Sie sich Zeit zum Nachdenken und Orientieren und beobachten Sie erst die Reaktion des Systems, bevor Sie weiter ins Ruder treten. Diese Haltung hat schon phönizischen Händlern geholfen, in einer viel kriegerischeren, unsichereren Welt handelstechnisch von der Levante bis zu den Kanaren zu kommen …

Und Elke Höfler hat einen guten Text zum gleichen Thema verfasst, der sich mit dem Thema im Bildungsbereich befasst (und sogar eine Lösung anbietet, die ebenfalls VUCA heisst): https://digitalanalog.at/paradigmenwechsel/wenn-vuca-das-problem-ist-ist-dann-vuca-die-loesung/


Bilder/Grafiken auf dieser Seite: Pixabay, Unsplash, Eigenproduktion.

Share Kommentieren
X

Ich habe einen Kommentar zum Artikel

Sie können die Kommentarfunktion ohne die Speicherung personenbezogener Daten nutzen. Schreiben Sie Ihren Kommentar und klicken Sie auf "Abschicken", der Versand erfolgt per Mail von meinem Auftritt aus an mich zur Prüfung. Dieser Versand und die Übertragung Ihres Kommentars ist zur Erfüllung der von Ihnen mit dem Klick auf "Abschicken" ersichtlichen Absicht technisch notwendig und bedarf keiner weiteren Einwilligung.

Wichtiger Hinweis: Sie haben keinen Anspruch auf die Veröffentlichung Ihres Kommentars. Jeder hier eingegebene Kommentar wird zuerst geprüft. Ich behalte mir die Entscheidung vor, welche Kommentare ich als Ergänzung an den Artikel anfüge.