Seid gegrüßt…

Begrüßen in Zeiten von COVID19?

Es ist schon seltsam. Mit dem Export westlicher Lebensweisen und den «international business people» hat sich das Händeschütteln auch in Gegenden der Welt verbereitet, in denen völlig andere Arten der Begrüßung üblich waren. Nun, in Zeiten einer weltweiten Pandemie und des Mindestabstands läßt sich der alte Gladiatoren-Gruß «Die, die sterben werden, grüßen Dich» dramatisiert ins Gegenteil verkehren: «Die, die grüßen (mit Handschlag), werden sterben».

Sehen wir mal vom lateinischen Wortspiel ab, dann fällt auf, dass es über die Welt verteilt eine ganze Reihe von berührungslosen Grußgesten gibt. Die Ur-Geste der Begrüßung war wohl das Winken, mit dem die leere Waffenhand angezeigt wurde. Da nur etwas über 10% der Bevölkerung Linkshänder sind, ist dies auch der Grund, warum üblicherweise mit der rechten Hand gegrüßt wird, falls eine Geste einhändig ausgeführt wird. Es gibt allerdings auch eine Vielzahl von Begrüßungen, bei denen beide oder eben gar keine Hand benutzt wird.

Diskussionen über die hygienischen Risiken des Händeschüttelns gibt es schon länger. Seit der Corona-Pandemie aber wird in den westlichen Kulturen nach einem Ersatz für den Handschlag gesucht, während in anderen Kulturen wieder traditionelle Begrüßungen vorgezogen werden. Neben gemeinsam berührten Oberflächen (Türklinken, Computertastaturen, Druckknöpfe allerorten) ist das Berühren der Hände der verbreitetste Übertragungsweg für Krankheitserreger. Was Erkältungsviren angeht, wäre es beispielsweise gesünder, sich zu küssen, als sich die Hände zu geben1!

Waum überhaupt schütteln wir uns die Hände?

Gesichtlich gesehen wohl wie oben geschrieben, um eine friedliche Absicht bei der Begegnung zu demonstrieren. Nach dem Winken wurde die leere Waffenhand gezeigt und als Geste der Einigkeit und Freundschaft wohl der Handschlag entwickelt. Bereits in der römischen Republik zeigen Münzen verbundene Hände als Symbol der Eintracht. Das Hande schütteln ist als Geste also tief in der europäischen Kultur verankert. Wie tief, zeigt ein Video mit Mark Ruette, bei dem er erklärt, dass corona-bedingt auf das Händeschütteln verzichtet werden soll: Link zum Video.

Einen eher unbekannten Aspekt fand ein Team am Weizmann Institute of Science in Israel heraus: wir schütteln uns die Hände, um eine Geruchsprobe des Gegenübers zu nehmen2. Es gibt dazu sogar ein Video3. Wir Menschen haben offenbar eine Vorliebe, uns in Gesicht zu fassen.

Gibt es denn andere Möglichkeiten, die Aussage «Hallo, ich bin nett und zieh’ Dir keine Keule über die Rübe» oder «Ich entbiete meinen großen Respekt» ohne das Zusammenklatschen viren- und bakterienbeladener Hände zu übermitteln?

Gewinkt und nicht geschüttelt?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich ohne Berührung oder nur mit einer Berührung hygienisch eher ungefährlicher Körpterteile zu begrüßen.

Natürlich gibt es auch hier abhängig von soziokulturellem Hintergrund des Gegenübers etwas lässigere oder gleich Zugehörigkeit zur Gruppe vermittelnde Arten der Begrüßung. Hier zwei Beispiele, die zeigen, dass das Treffen des magischen Dreiecks zwischen Respekt, Lässigkeit und peinlichem Unverständnis nicht leicht ist.

Der vulkanische Gruß darf hier natürlich nicht fehlen. Obwohl von der Gestik her «ungefährlich», wird diese Begrüßung wohl nur von einem kleineren Personenkreis verstanden. Außerhalb der Nerd-Szene gilt das wohl auch für den Shaka, der aus Hawaii und der Surfer-Szene heraus seinen Zug um die Welt angetreten hat. Sicherlich nicht für die Begrüßung von höheren Hierarchiebenen tauglich; allerdings hat auch Barack Obama diesen Gruß schon öfter benutzt (er stammt ja auch aus Hawaii).

Und nun?

Diese Liste soll keine vollständige Aufzählung oder eine Handlungsanweisung sein, sondern ein Denkanstoß. Eine freundliche Begrüßung oder der Ausdruck von Rspekt erfordern keine Berührung der Hände. Natürlich sind Viele, die im europäisch geprägten Kulturraum aufgewachsen sind und für die es keine religiösen Gründe gegen den Händedruck gibt, diese Art der Begrüßung gewohnt. Die letzten Monate haben aber gezeigt, wie schnell sich unter äußerem Druck Gewohnheiten ändern können.

Die Zeit des gefahrlosen Austausches eines Handabdrucks einschließlich der mikrospischen «Besiedlung» sind wohl für lange Zeit vorbei. Von SARS 2003 über die Vogelgrippe 2006 und den Ausbruch von Ebola 2014 bis zu COVID-19 als bisher letztem Glied in der Kette wird sich die Menschheit entweder Methoden überlegen müssen, den schnellen und globalen Austausch durch den physikalischen Transport der Körper zu ersetzen oder wieder einen Sinn für respektvollen und hygiene-höflichen Abstand zu entwickeln.


Die Virus-Grafik im Banner stammt vom Nutzer «Surang» auf FlatIcon.com

Herzlichen Dank an Herr Mess für seine Unterstützung beim Ausgraben der Ruinen meiner lateinischen Grammatik. 😉


  1. «The effectiveness of hand hygiene procedures in reducing the risks of infections in home and community settings including handwashing and alcohol-based hand sanitizers», https://www.ajicjournal.org/article/S0196-6553(07)00595-0/abstract
  2. «A social chemosignaling function for human handshaking», https://elifesciences.org/articles/05154
    Eine Zusammenfassung ist hier zu finden
  3. Hinweis: das Video ist im OggVorbis Format verfügbar: http://static-movie-usa.glencoesoftware.com/ogv/10.7554/190/4608bf34f67a145f5a10eb053b3a63f8a453c6b2/elife05154v001.ogv
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