Portfolio, die II.

Ui, ein Sequel 😉

Dies ist die Fortsetzung des ersten Teils zum Thema Portfolios. In diesem Teil finden Sie auch die ErklÀrung, warum ich »Portfolio« schreibe und nicht »ePortfolio«.

Zielgruppe, Zielgruppe, Zielgruppe

Egoless Thinking

Ich möchte an dieser Stelle nochmals klar machen, worauf der erste Teil und dieser Artikel aufbauen. Es geht um das Erstellen und FĂŒhren von Portfolios fĂŒr SchĂŒlerinnen und SchĂŒler.

Der Tweet von Kathrin

Wer auch immer nun im Verlauf der Diskussion mit irgendwelchen Tool-VorschlĂ€gen um Eck kam, sollte sich möglicherweise beide Posts nochmal in Ruhe durchlesen. Ich glaube allen, dass es wunderbare Tools gibt, das UniversitĂ€ten ganz tolle Ideen mit Portfolio-Software realisieren und dass viele Schulen das Thema Portfolios mit irgendwelchen Tools und Apps behandeln. Das schießt nur alles völlig an der Zielgruppe vorbei. Es geht nicht darum, ein »Tool« oder »eine App« zu finden.

Es geht darum, den SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern zu vermitteln, welchen Sinn ein Portfolio hat und fĂŒr welche Zwecke dieser Ansatz geeignet ist. Wird das auch nur ansatzweise gemacht und ĂŒber das »Warum« diskutiert und miteinander gelernt, dann zeigt sich schnell, dass es nichts sein kann, das als Software nur im Bildungsbereich verbreitet ist, das nicht flĂ€chendeckend genutzt wird, auch außerhalb und nach der Schule einsetzbar ist, mit Geld ĂŒber dem Budget von SuS (hier als SchĂŒlerinnen und auch Studentinnen zu lesen) bezahlt werden muss. Wer auch immer dieses Thema nur aus der Perspektive der Schule oder gar seiner eigenen Schulart denkt, ist bereits auf dem falschen Dampfer. 😉

Langlebigkeit

Ich habe mein Abitur 1983 gemacht (ja, ich bin offiziell »Vintage« 😄), was hĂ€tte mir denn mein Kollegstufenbetreuer damals als Software empfehlen sollen? In der heutigen Gesellschaft wird kaum jemand mehrere Jahrzehnte und ununterbrochen die TĂ€tigkeit ausfĂŒhren, fĂŒr die die erste Ausbildung gedacht war. Dazu kommt lebenslanges Lernen. Ich fĂŒhre heute noch ein »Lernplanbuch« (interessanterweise in Form eines mit Handschrift und Skizzen gefĂŒllten Moleskine). Es hilft an dieser Stelle allein ein Perspektiv-Wechsel in die Sicht der Lernenden. Es ist mir persönlich höchst egal, mit welcher Software sich LehrkrĂ€fte ihre grauen Haare verdienen, weil wieder irgendein Problem auftritt. Es ist mir ĂŒberhaupt nicht egal, wenn meine Tochter Arbeit, Zeit und Engagement in ein Portfolio steckt, das mit dem Tag des Schulwechsels seinen Sinn verliert, weil es nicht an einer beliebigen anderen AusbildungsstĂ€tte genutzt werden kann. Da bleibt nun mal nicht viel ĂŒbrig außer dem, was sich seit drei Jahrzehnten bewĂ€hrt: das offene Web und der Browser.

Mehrere Sichten

Ein Portfolio, dass nicht nur als reines PrĂ€sentations-Portfolio (im eigentlichen Sinne einer Bewerber-Mappe, s. das Portfolio auf meiner Homepage) genutzt wird, benötigt mehr als eine Sicht. Diese Sichten mĂŒssen ebenfalls geplant und der Nutzen erkannt, gelernt bzw. gesehen werden. Umso wichtige ist es dann, aus dem Pool an Artefakten verschiedene Ansichten zusammenstellen zu können. Schon damit fĂ€llt alles raus, was nur eine einzige Möglichkeit der PrĂ€sentation bietet. Gerade auch das VerknĂŒpfen von Artefakten und Notizen dazu, also Hypertext wie er sein sollte, erzeugt erst den eigentlichen Wert eines Portfolios. Das kann durchaus durch die Kombination aus mehr als einem Werkzeug geschehen oder aber durch eine Dateihalde mit SchlĂŒsselworten, die auf unterschiedliche Weisen kombiniert und ergĂ€nzt werden.

Portfolios mĂŒssen »wachsen« können

Aus den letzten beiden Abschnitten ergibt sich die Anforderung, dass Portfolios wachsen und skalieren können mĂŒssen. Beginnt eine SchĂŒlerin, ihre Lernreise in der 7. Klasse in einem Portfolio zu dokumentieren, wird dieses sicher anders aussehen als 20 Jahre spĂ€ter. Der Bericht ĂŒber die Übung der Jugendfeuerwehr, der die Grundlage fĂŒr ein Engagement im Ehrenamt gelegt hat, ist diese 20 Jahre spĂ€ter aber immer noch eminent wichtig. Auch damit zeigt sich wieder, dass nur offene und langlebige Formate Sinn ergeben, wenn es um die Ausgestaltung eines Portfolios geht. Irgend eine »App«, von der ich nicht mal weiß, ob sie nicht in drei Jahren eingestellt wird, ist sicher nicht die beste Wahl. Falls jemand glaubt, dass sowas selten ist, der werfe einen Blick auf den »Google Friedhof», die Sammlung der eingestellten Google-Produkte!

Spezialfall Grundschule

Ein besonderer Bereich beim Thema Portfolio ist die Grundschule. Ein Portfolio erfordert neben dem VerstĂ€ndnis des «Warum ĂŒberhaupt» auch das Wissen um die Einsatzzwecke und die Anforderungen der Leser solcher Portfolios. Ich bin der Meinung, dass das Thema auch im Grundschulbereich (dann aber eher mit digitaler UnterstĂŒtzung erstellt, aber analog genutzt und prĂ€sentiert) durchaus behandelt werden kann. Das FĂŒhren eines Portfolios und dessen Möglichkeiten erschließen sich aber erst spĂ€ter. Dass es in der Diskussion des originalen Tweets von Kathrin GrĂŒn und zum ersten Teil des Blogposts sogar Lehrerinnen und Lehrer gab, die fragten, warum z.B. Evernote kein Portfolio-Tool ist, zeigt nur, dass ich solche Anforderungen nicht an GrundschĂŒler stellen darf. Ich bin kein ausgebildeter Didaktiker und ĂŒberlasse hier das Urteil den Fachleuten, insofern viel Erfolg bei der Diskussion.

Ich bin sehr neugierig, wie das Thema Portfolio im Grundschulbereich angegangen wird, schon aufgrund der meiner Meinung eine gewisse Entwicklungsstufe voraussetzenden Erkenntnissen zum »Wie und Warum« von Portfolios. Sollte sich eine Lehrkraft aus dem GS-Bereich eines armen, interessierten Nicht-Lehrers annehmen wollen und ein paar Fragen beantworten, freue ich mich auf eine Mail oder eine Direktnachricht auf Twitter.

Spezialfall LehrkrÀfte(-Ausbildung)

Ein weiterer Spezialfall beim FĂŒhren von Portfolios ist der Bereich der LehrkrĂ€fteausbildung bzw. der beruflichen Laufbahn von LehrkrĂ€ften. Es gibt diesen uralten, bis zum Knochen abgenagten Kalauer «Lehrer sind Leute, die nach der Schule gleich in Pension gehen». An dieser Stelle hat er allerdings seine Berechtigung. Denn damit eröffnet sich von der Sekundarstufe II ĂŒber die Hochschulausbildung ĂŒber eine eventuelle weitere oder parallele wissenschaftliche TĂ€tigkeit und der beruflichen TĂ€tigkeit im Schulbetrieb ein großes Zeitfenster fĂŒr die Nutzung einer im Bildungsbetrieb verbreiteten Software wie z.B. Mahara. Doch sogar hier kann es immer vorkommen, dass eine Schule oder ein Ministerium eine andere Software nutzt oder eben immer noch auf ein analoges (oder–horribile dictu–gar kein) Portfolio-Tool setzt.

Niemand mag’s lesen

Viele Portfolios von SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern kranken an einem Problem, das sehr schön meine Argumentation im ersten Teil zusammenfasst. Die durchgehende Nutzung von Portfolios ist immer noch eine Ausnahmerscheinung. Siehe auch Tweets wie diese:

Dummerweise ist die MĂŒhe meist vergebens, da die Sek/dasGym diese eh nicht abfordert.
– T.Körner (@t_korner) auf Twitter

Dazu kommt ein interessanter Blickwinkel. Ein Portfolio sollte ein »Pull«-System sein und kein »Push«-System. Was bedeutet, dass auch hier nur offene, ĂŒbertragbare Formate möglich sein können. ZusĂ€tzlich zeigt sich hier auch, dass ein »echtes« (wir fiel kein besseres Wort ein) Portfolio erst nach der Grundschule Sinn ergibt, da die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler ja selbst an ihren Portfolios arbeiten sollen. Wenn die Schule diese kontrolliert, ist sowas gar nicht möglich.

Nochmal »own your stuff«

Domains und Webspace trennen

Einige Fragen haben mich zum Thema Domain, Registrar und Webspace erreicht. Viele Einstiger tendieren dazu, ein Paket aus Domains und Webspace bei einem Anbieter zu bestellen. Das sieht bequemer aus. Üblicherweise empfehle ich die Trennung von Domainregistrierung und Webhoster, weil dies einen Gewinn an FlexibilitĂ€t bringt, der sich gerade beim »digitalen Erwachsenwerden« zeigt. Warum ist das so?

Ein Registrar ist eine Organisation oder ein Unternehmen, der die Dienste einer Domain Registry (salopp gesagt, einer Top-Level-Domain) vermittelt und fĂŒr Endkunden die Registrierung von Internet-Domains ausfĂŒhrt und die Kosten mit den Endkunden abrechnet. Hier wird die Domain verwaltet. Teil dieser Verwaltung sind die EintrĂ€ge fĂŒr Nameserver, den Dienst, der aus Domain-Namen die IP-Adressen macht. Wer hierzu etwas mehr Information möchte, hier klicken

Wenn der Webspace-Anbieter irgendwann gewechselt wird oder aus einem einfachen Webspace ein virtueller eigener Server werden soll, kann der Vertrag mit dem Hoster einfach gekĂŒndigt werden, ohne dass ein Umzug der Domain nötig ist. In der Domainverwaltung werden einfach die neuen IP-Adressen eingetragen und die Sache ist erledigt. Es ist kein KK-Antrag nötig, es muss kein Domainwechsel abgewartet werden, etc. pp. – Auf jeden Fall empfehlenswert.

Eigener Auftritt

Ein Portfolio ist Teil der eigenen digitalen IdentitĂ€t und damit auch der persönlichen Marke. Das Thema »brand management« ist auch fĂŒr einzelne Personen im Netz sehr wichtig, schon daher sollte niemand von externen Anbietern abhĂ€ngig sein. Ein Portfolio, das aber bei einer Schule, Hochschule oder einem beruflichen Netzwerk hĂ€ngt, ist damit auch meiner eigenen Kontrolle entzogen. Dazu kommt, dass ich meistens nur eine Sicht auf die Daten prĂ€sentieren kann. Ein Portfolio kann aber, wie im ersten Teil beschrieben, sowohl PrĂ€sentation, Dokumentation der Lernreise, Reflexion und anderes sein. Inhalt sollte daher immer auf dem eigenen Auftritt und der eigenen Domain liegen. Von externen Anbietern auf diese Inhalte verlinken ist der Weg mit der grĂ¶ĂŸten FlexibilitĂ€t und der grĂ¶ĂŸtmöglichen Kontrolle.

Daten-PortabilitÀt

Viele Systeme und Anwendungen bieten eine Export- und ImportfunktionalitĂ€t an. Diese sind aber nur scheinbare eine einfache Lösung. Zum ersten ist es bei den allermeisten Anwendungen so, dass der Import ins eigene System immer bevorzugt wird (logisch, man will ja Nutzerinnen bekommen und nicht verlieren). Ein Export in viele Fremdformate hingegen ist kaum zu finden. Dazu kommt, dass diese Exportformat oft eine Nachbearbeitung erfordern, wenn das Format beim neuen System nicht als Importformat vorliegt. Von den diversen InkompatibilitĂ€ten sogenannter »Standards« möchte ich gar nicht erst anfangen. Daher ist es am einfachsten, wenn die Artefakte gleich in einem Format vorliegen, dass als eine Art »lingua franca« grĂ¶ĂŸtmögliche Offenheit bietet und nach Möglichkeit auch nur Inhalt und keine systemspezifischen Daten enthĂ€lt. Ein solches Format ist »Markdown« (AsciiDoc ist eine etwas mĂ€chtigere und dadurch auch mit einer etwas steileren Lernkurve ausgestattete Alternative). Wechsle ich beispielsweise von einem manuell gepflegten System zu einem Blogsystem auf Markdown-Basis, muss ich nur diese Dateien mitnehmen. Beim Wechsel der Blogsoftware muss ich ebenfalls an den Inhaltsdateien im Normalfall nichts Ă€ndern. DafĂŒr kann ich aus diesen Markdown-Dateien nicht nur HTML, sondern auch PDF oder Word-Dateien oder ein eBook erzeugen. Alle proprietĂ€ren Formate (oder ein Export nach HTML) sind immer mit großem Nacharbeitsaufwand verbunden.

Pareto mal wieder

NatĂŒrlich gilt auch fĂŒr dieses Thema der alte Grundsatz, dass mit 20% Aufwand 80% aller Zwecke erfĂŒllt werden. FĂŒr die restlichen 20% braucht es dann eben 80% des Aufwands (oder noch mehr). Auch im Bereich der Portfolios sind die Anforderungen so breit und es existieren spezielle Anforderungen (einige habe ich oben bereits genannt), so dass die Aussagen in diesem Artikel nicht als der Weisheit letzter Schluss fĂŒr alle Themen rund um Portfolios fĂŒr Lernende gelesen werden sollten.

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