LMS, LXP oder was ist eigentlich die Frage?

Dieser Post ist eigentlich eine «note to self», der Versuch, die eigenen Gedanken als Antwort auf einen Tweet zu notieren. Am letzten Samstag hat Margarete Gießmann, eine Schulleiterin an einer Grundschule eine Frage gestellt, die zu einem hochinteressanten Gedankenaustausch auf Twitter geführt hat, der bis heute am Montag noch andauert. Es ist einer dieser Threads, die zeigen, warum Twitter so wertvoll sein kann.

Tweet von Margarete

Entweder auf das Bild mit dem Tweet klicken oder hier direkt aufrufen.

Es lohnt sich wirklich, den gesamten Thread mit allen Antworten und Gedanken zu lesen (ich warte solange 😉), gerade auch, weil Margarete schreibt: «Mir geht es bei der Frage ja nicht um eine Lösung des Problems, sondern um Denkprozesse in Gang zu setzen, die dann in den SE Prozess und dessen Steuerung einfließen».

Sie sind zurück? Sehr gut. Als jemand ohne Pädagogikstudium, aber mit mehr als 25 Jahren Erfahrung in der Erwachsenenbildung und mit einem Hintergrund in Anforderungs-Management, Softwareentwicklung und Kursdesign habe ich eine andere Perspektive, die eventuell einige neue Gedanken in die Diskussion einbringt. Im Thread sind auch einige Blogartikel von anderen Leute auf Twitter verlinkt, die aber alles eines gemeinsam haben, das ich mal so zusammenfassen möchte: «Ich finde diese Diskussion hochinteressant. Was mir persönlich dabei auffällt: viel zu Systemen, Pflichtenheften, Standardisierung, relativ wenig aus Sicht Lernender, relativ wenig zu den Anforderungen vernetzten, differenzierenden Lernens. Hm… 🤔»

Meiner Meinung ist die Frage wahrscheinlich gar nicht «LMS oder nicht und wenn ja, welches», sondern eine ganze andere, die ich aber aus der Definition der beiden in der Diskussion genannten Systeme – LMS und LXP – entwickeln möchte. Es geht primär ja um die Frage im Ausgangstweet: wie lassen sich Unterrichtsprozesse (und die Ressourcen dazu) jedem Kind anbieten, so dass sich Kinder vertieft damit beschäftigen können?

Ein LMS ist ein learning management system, bei dem der Schwerpunkt auf dem Begriff «management» liegt. Ein LXP ist ein learning eXperience system, also ein System zur Gestaltung einer Lernreise. Es geht bei den beiden Ansätzen darum, wer diese Lernreise steuert und wer die Zielorte der Reise festlegt. Bei einem LMS handelt es sich um einen «Lern-Katalog», aus dem ich (oft sogar nur vorgegeben) Inhalte und Lernpfade auswählen kann. Der Hauptaspekt liegt hier auf einem einheitlichen Angebot, das auf einheitliche Weise erstellt wird und das externe Angebote so integriert werden, dass das LMS nicht verlassen werden muss. Es ist an dieser Stelle unerheblich, welches LMS, diese Grundarchitektur teilen sich alle Systeme. Im Bereich der beruflichen Bildung werden LMS mittlerweile oft durch ein LXP abgelöst (dazu später mehr), während sie in einem Bereich nach wie vor ihre Berechtigung haben: dem «compliance based learning», also regulativ oder durch Arbeitsprozesse vorgegebene Inhalte. In einer notwendigen Fortbildungseinheit zum Geldwäschegesetz im Finanzbereich ist ein vorgegebener Inhalt, ein vorgegebener Lernpfad mit abschließender formativer Kontrolle aus regulativen Vorgaben und aus Gründen der Vergleichbarkeit und der Dokumentation von Inhalten einfach notwendig.

Das mag unter Umständen auch ein Grund für die Beliebtheit eines LMS im schulischen Bereichs sein, denn im Bildungsbereich ist Schule das Paradebeispiel für «compliance training» und vordefinierte Inhalte und Lernziele. Auch wenn es verschiedene Lernpfade zu einem Ziel geben sollte, müssen diese in einem LMS alle «vorgedacht» werden und zwar von einem Team an Inhaltsproduzenten (in fast allen Fällen dem Lehrpersonal). Was es da dann nicht gibt, gibt es nicht.

Bei einem LXP hingegen entsteht das Wegenetz der Lernpfade mit nur wenigen vorgegeben ersten Wegen durch die Arbeit der Lernenden mit dem System. Personalisierung des Lernens durch die lernende Person ist eines der architektonischen Grundprinzipien eines guten LXP. Die Inhalte werden auch nicht durch die Lehrpersonen vorgegeben (oder nur zum Teil), sondern entstehen durch den eigenen Lernprozess, die Zusammenarbeit und den Austausch mit anderen Lernenden. Insgesamt handelt es sich hierbei um einen deutlich weniger restriktiven Prozess der Inhaltszusammenstellung, bei dem auch nicht alle Inhaltstypen vor vornherein bekannt sein müssen. Lernende und Lehrende sind gleichberechtigte Partner in einem «Garten des Lernens». Dazu gehört (und das ist einer der Unterschiede zu einem LMS) auch ein Team von «Gärtnern», die sich mehr oder weniger intensiv darum kümmern, die Konsistenz bestimmter Grundprinzipien in einem LXP zu erhalten bzw. zu fördern.

Gerade in einer sich deutlich wandelnden Welt außerhalb der Schule ist ein LMS heute meisten zu starr bzw. und langsam, den Wandel nachzuvollziehen. Hier bietet die Mitarbeit der Lernenden (und damit auch die Auslese sinnvoller Inhalte) einen deutlichen Vorteil, auf neue und sich wandelnde Anforderungen einzugehen. Dazu kommt ein wesentlicher Punkt, der in der Diskussion im schulischen Bereich im Bereich der LMS meiner Meinung kaum berücksichtig wird: die Interaktion der Lernenden in einem LXP. Sei es in Form von Diskussionsmöglichkeiten, sozialer Interaktion oder Empfehlungs- und Ranking-Systemen. Ein LMS hat immer die Einzelperson als Ziel. «Schülerbasiertes Lernen», aber in dem Sinne, dass die Inhalte auf die einzelnen SuS ausgelegt sind, denn es geht ja darum, in einem Lehrplan eine Auswertung in Form von Noten oder der Dokumention des (Nicht)Erreichens von Lernzielen zu haben. Ein LXP hat eine andere Ausrichtung, die sich eher am kindlichen, explorativen und intrinsisch motivierten Lernen orientiert. In einem guten LXP in der beruflichen Bildung gibt es kaum Einschränkungen, welche Inhalte sich Lernender zu welcher Zeit und in welcher Folge erarbeiten. Auch in sich vermeintlich eher langsam wandelnden Organisationen ist der Wandel präsent und damit das Ziel die bestmögliche Förderung von Mitarbeiter:innen.

Ein LXP fördert den Austausch über Ressourcen und Lernpfade, entwickelt durch die Interaktionen von Lehrenden und vor allem der Lernenden untereinander wesentlich bessere Differenzierungen und Inhaltstiefen als es ein kuratiertes «Vorab»-Angebot bieten kann. Wer auch nur einmal einen Selbstlern-Kurs in einem herkömmlichen LMS zu einem Thema mit drei oder vier Niveaustufen und einem Lernpfadnetz auch einigen Dutzend Stationen gebaut hat, kann diese Argumentation leidvoll nachvollziehen. 😉

Was der geneigten Leserin vielleicht schon aufgefallen ist: bisher fiel noch nicht einmal der Namen eines LMS oder eines LXP. Das ist auch gar nicht der Fokus, obwohl die meisten Diskussionen und Probleme bei der Einführung im schulischen Bereich offenbar um diese Themen kreisen. Natürlich beschweren sich Eltern, wenn die Kindern sich ein halbes Dutzend Accounts merken müssen, weil externe Tools eingebunden werden oder wenn das Schul-LMS nicht «mobile first» entworfen wurde. Das sind aber technische Implemtierungsdetails, die während der Infrastrukturbereitstellung zu lösen sind. Niemand würde die Installation einer Wasserversorgung im Schulgebäude davon abhängig machen, ob es sich um 34 Zoll oder 12 Zoll Anschlüsse handelt und dass einige der Wasserhähne ein Links- und einige ein Rechtsgewinde haben. Im Softwarebereich werden hier dagegen hitzige Diskussionen geführt. Diese Themen sind überhaupt nicht Frage. Zugang und System haben nichts mit dem Lernen und den Inhalten zu tun. Viel wichtiger ist die zu Beginn gestellte Frage, wer die Lernreise steuert und die Anlegestellen dieser Reise festlegt. Gleiches gilt für die Frage nach «Learning Analytics»: die Diskussion darüber ist erst einmal müßig. Wenn ich Lernpfade und Lernniveaus empfehlen möchte, dann brauche ich immer Daten. Ob diese in einem Computersystem oder dem Hirn einer Lehrkraft liegen, ist für die Funktionalität der Empfehlung erst einmal völlig unerheblich. Die interessante Frage ist, welche Daten ist benötige, um eine valide Empfehlung abzugeben und ob diese Empfehlung überhaupt besser sein kann als die aus der peer group der Lernenden.

Auch der Zugang ist bei einem LXP immer «learner’s device first». Die «learning experience» steht im Vordergrund das bedeutet, dass Lernende unabhängig von Zeit, Ort und Gerät Zugriff auf die Inhalte haben. Dies bedeutet eines große Herausforderung, wenn die Lehrenden in einem klassischen LMS die Inhalte vorproduzieren wollen. Diese müssen dann responsiv in einem fluiden Layout vorliegen, was beispielsweise die Verwendung von PDF-Arbeitsblättern als nicht «reflow»-fähiges Format ausschließt (wer einmal versucht hat, auf einem Smartphone-Display ein für A4 formatiertes PDF-Layout zu lesen, versteht was ich meine). Bereits hier zeigen sich Skalierungseffekte durch das Zusammentragen, Kuratieren und Bewerten von Inhalten durch Lernende, die um Größenordnungen über denen eines LMS liegen. Die in der Grundarchitektur eines LXP vorhandenen Interaktionsmöglichkeiten (Chats, Wikis, sozialer Austausch, Videoportale und Mediatheken mit den passenden Metadaten) sind in den meisten LMS aufgrund der anderen Zielsetzung auch höchstens rudimentär vorhanden.

Elementares Ziel ist es, das Lernen zu erleichtern, zu fördern und den Austausch der Lernenden untereinander in einer möglichst breiten Differenzierung zu bieten. Ob dies durch eine Sammlung von Tools unter einer gemeinsamen Oberfläche (oder einem einzelnen gemeinsamen Login, einem «single sign on») erfolgt, ist wie gesagt technisches Implementierungsdetail. Viel wichtiger ist der letzte Punkt, auf den ich eingehen möchte. Die Notwendigkeit, die Nutzung flexibel anhand der Kompetenzen und Erfahrungen der Lernenden zu gestalten. Ein System für den Primarbereich muss Lernende noch wesentlich mehr «an die Hand nehmen» als es das für eine Sekundarstufe II tun muss. Falls ein kompetentes Team an Lehrenden vorhanden ist, wäre der ideale Ansatz, Lernende in ein solches Projekt einzubeziehen (was ab der 4. Jgst. problemlos möglich sein sollte) und aus der «Nutzerperspektive» zu entwerfen. Kein System außerhalb der Schule wird ohne die Beachtung der Anforderungen und Fähigkeiten der zukünftigen Nutzer:innen gestaltet oder gar eingeführt. Viele LuL sollten sich daher vielleicht klar machen, dass nicht sie die «Nutzer:innen» eines LMS oder LXP sind, sondern die Schülerinnen und Schüler. Um es mit einem geflügelten Wort für Autoren zu sagen: «Nicht der Leser soll sich quälen, sondern der Autor»! Zuerst steht Zugang und Nutzungsmöglichkeiten für Lernende im Fokus, dann die «Wachstumsmöglichkeiten» (analog zu Portfolio-Systemen, von denen die meisten am Tag 1 nach der Schule wertlos sind, siehe z.B. hier).

Zugänglichkeit, Verfügbarkeit und die Förderung des Austauschs der Lernenden untereinander, die gemeinsame Zusammenstellung von Lerninhalten und deren Nutzung im eigenen Takt des eigenen Interesses sind die wichtigsten Faktoren für eine sinnvolle Nutzung. Andernfalls ist ein LMS nur eine «PDF-Schleuder» oder eine stupide Halde von Klickstrecken (siehe «Learning Snacks» als abschreckendes Beispiel). Für alle, die an dieser Stelle noch skeptisch sind. Warum funktioniert «gamification» im schulischen Bereich nur eingeschränkt, während SuS so gerne Videospiele spielen? Weil in die Produktionen mittlerweile das Budget eines Kino-Blockbusters fließt und Inhalte professionell aufbereitet werden. Flexible Selbstlernkurse erfordern nicht Hunderte, sondern Tausende Stunden an Produktionszeit. Wenn Sie das als LuL nicht leisten können oder wollen, können Sie mit ihren PDF-Arbeitsblättern auch genau so gut bei der Ablage in einer gemeinsamen Cloud bleiben. Es wird nicht schlechter dadurch. Erkenntnisgewinn durch Daten über Lernende (egal ob im Kopf der Lehrperson, manuell ausgewertet oder per maschinellem Lernen hochgerechnet aus den Daten anderer) oder einen intensiven Austausch fördern Sie durch eine geeignete Schulentwicklung und Professionalisierung der Lehrkräfte-Teams deutlich mehr als ein «LMS/LXP um des LMS/LXP willen». Sollten Sie hier eine Herausforderung für modernes, intrinsisch getriebenes und lernerzientriertes Lernen im doch starren System von «Stoff», Lehrplan und Schule erkannt haben, gratuliere ich: Sie haben die eigentliche Herausforderung erkannt. Die lautet nicht: «welches System»? 😉

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