Clubhouse-Gedanken

Die technologische Latenz zwischen den USA und Deutschland beträgt offenbar immer noch die berühmten 18 Monate, die ein Freund und Co-Moderator auf einer Veranstaltung zum Thema Internet 1998 zusammen mit mir spaßeshalber als «das Ochsenkarren-Gesetz» definiert hatten. Die Entfernung zwischen München und den Vereinigten Staaten beträgt etwa zwischen 6500 und 9500 Kilometer (je nachdem, ob Ostküste oder Westküste). Das sind zwischen 12 und 18 Kilometer pro Tag über 18 Monate. Technische Neuerungen werden also offenbar immer noch mit dem Ochsenkarren zu uns nach «old Germany» transportiert. 😉 Aber genug des Unsinns und zum eigentlichen Thema.

Der aktuelle Hype heißt «Clubhouse», ist eine App, die von Paul Davison and Rohan Seth entwickelt bzw. beauftragt wurde. Das Besondere daran: Audio only. Und derzeit immer noch eine «closed beta», also ein Erprobungszustand mit restriktivem Zugang. Damit haben wir auch gleich die beiden Hauptthemen, auf die sich Netzwelt und Presse derzeit stürzen: das «Ey, Du kommst hier ned rein!»-Thema und das «Keine Barrierefreiheit, Ausgrenzung von Nutzergruppen».

Den dritten Punkt vorab: Datenschutz. Wer Clubhouse aktuell nutzen möchte, sollte sich von vornherein darüber klar sein, dass seine Daten an ein US-Unternehmen gehen, die Gespräche in einem Raum aufgezeichnet werden bis zum Ende des Raums (um Moderationsaufgaben zu erfüllen und bei Beschwerden Beweissicherung betreiben zu können) und erst dann gelöscht werden (wenn keine Beschwerden vorliegen). Für Einladungen muss das Adressbuch freigegeben werden (kennen die meisten von WhatsApp) und und und. Eine schöne Zusammenfassung hat Thomas Schwenke geschrieben, der als Profi das alles viel besser formulieren kann. Machen wir da also keinen Haken dran. In den Nutzungsbestimmungen steht sowieso, dass die kommerzielle Nutzung ohne ausdrückliche Freigabe untersagt ist und das Angebot nur für die private, persönliche Nutzung gilt (»The Service is for your personal use»).

Kommen wir zum Thema «Ey, Du kommst hier ned rein!», das vor allem von der Android-Fraktion kommt. Erstens handelt es sich im aktuellen Zustand immer noch um eine Beta, also nicht die freigegebene, fertige Version der App, zweitens gibt es marketingtechnische Gründe, sowas mit nur einer Plattform zu starten und dann mit der, beim wirtschaftlich interessanteren Ökosystem. Die Gründer haben bereits angekündigt, die App später ohne Einladung und für Android zu öffnen. Der aktuelle Anstieg der Nutzerzahlen über die letzten Monate ist allerdings auch eine Herausforderung. Dazu kommt, dass sich immer noch funktionale Änderungen an der App und an den Nutzungsbedingungen ergeben. Wie bei vielen anderen Softwareprodukten ist es eben ein Kennzeichen einer geschlossenen Beta, dass eben nicht alle nach Belieben dran kommen. Mag für den einen oder anderen blöd sein, ist aber so und hat mit Diskriminierung IMHO wenig zu tun (versucht mal, woanders in eine geschlossene Beta zu kommen).

Der wichtigere, weil nicht die Eitelkeit der Nutzer betreffende Aspekt ist Barrierefreiheit»Keine Barrierefreiheit, Ausgrenzung von Nutzergruppen». Es gibt (wer mit der Suchmaschine seines Vertrauens sucht, der wird finden) im Internet bereits einige Blogposts dazu, die es ganz schlimm finden, Leute, die nicht hören können von der Nutzung auszuschließen. Der Verlust des Hörvermögens ist furchtbar, regt sich allerdings jemand darüber auf, das Leute ohne Sehvermögen Twitter nicht nutzen können oder (funktionale) Analphabeten keine Möglichkeiten haben, an textbasierter Kommunikation im Internet teilzuhaben? Sobald sich eine Anwendung auf eine Art der Kommunikation (Audio, Text, Video) festgelegt hat, wird immer ein Teil der Bevölkerung keine (oder nur über mehr oder weniger gute Umwege) Möglichkeit der Teilhabe haben. Meiner Meinung nach ist dies ein Scheinargument. Wer weiß, ob es nicht (wie auch bei Videoplattformen) in einer der nächsten Versionen eine Möglichkeit zu automatischen Transcripts geben wird oder nicht.

Clubhouse ist mit der Verknappung und der Vermarktung mit Celebrities natürlich ein marketingtechnisch genialer Schachzug gelungen und noch ist die Community nicht groß (Mitte Januar 2021 waren es etwa 600000 Teilnehmer), so dass sich durchaus mehr oder weniger prominente Zeitgenossen zeigen. Ob einem das wichtig, sollte immer für sich selbst entschieden werden. Intensive, kürzere Gespräche mit Leuten, die ich bereits von Twitter kenne, sind mir beispielsweise lieber als irgendwelchen Selbstdarstellern zu lauschen.

Warum bin ich privat dennoch auf Clubhouse? Um das Format zu testen und zu sehen, was so anders ist als bei den bisherigen Möglichkeiten zu einem «Audio Drop-In Chat». Clubhouse ist ja nicht die erste App, die Gespräche mit einer Gruppe ermöglicht. Der Klassiker ist TeamSpeak, aber auch Discord gibt es ja schon lange und sogar für alle relevanten Plattformen. Clubhouse ist aber eine App, die mal salopp als «erste ihrer Art» bezeichnen würde. Warum? Erstens die radikale Beschränkung auf Audio und Synchronizität (etwas, das sie mit Teamspeak gemeinsam hat). Es gibt nur Audio und aktuell keinerlei Möglichkeit zum Nachhören oder Aufzeichnen wie bei Podcasts. Was weg ist, ist weg, wie bei jedem Gespräch, dass ich IRL mit Partnern auch führe. Dann ein wirklich gut gemachtes User Interface, das in seiner Einfachheit kaum zu überbieten ist (überhaupt kein Vergleich mit Discord). Dazu kommt die Moderation der «Bühne» durch die Moderatoren, die einzelne Leute aus dem Publikum auf die Bühne einladen können, die virtuell die Hand gehoben haben. Natürlich haben Moderatoren in ihren Räumen auch die Möglichkeit, jemanden wieder «von der Bühne zu schieben», wenn sich jemand nicht an die Regeln hält. In Räumen mit einer sehr großen Zahl von Zuhörern werden da auch schnell mehrere Moderatorinnen nötig und es ist interessant, zu beobachten, wie Co-Moderation gehandhabt wird.

Ein weiterer interessanter Gesichtspunkt ist neben der Tatsache, dass ich beim Spaziergang in der Mittagspause tatsächlich interessante Gespräche führen kann (wie wohltuend ist es, auf das Tippen verzichten zu können oder mit geschlossenen Augen in Ruhe einen Gedanken zu verfolgen), wie unaufgeregt und zivil das derzeit alles vor sich geht. Suche ich mir die Räume einigermaßen gut aus, dann lassen sich dort interessante Nutzungsmöglichkeiten erkennen. Von einem intensiven Gespräch mit einer Handvoll Leuten zu einem bestimmten Thema (Lerngruppen? «Second screen» neben einem anderen Medium?) zu Räumen, in denen ein Dutzend Teilnehmer interessant und erfreut über Dialekte sprechen und das jeder im eigenen Dialekt (was für ein hochinteressantes Gespräch war das heute!) und Vorträgen von Koryphäen in ihrem Fachgebiet, die eine Nachfragen zu bestimmten Aspekten erlauben (im Stile von «ring a scientist»). Dazu kommt etwas, dass beispielsweise Twitter so nicht bieten kann: ich nenne es «die Immersion des Synchronen». Twitter und andere kann ich nebenbei machen, jede Stunde mal gucken und den einen oder anderen Tweet nachlesen oder irgendwann etwas einwerfen. Ich muss da gedanklich auch nicht dabei bleiben. Eine App wie Clubhouse aber kann ich eigentlich nicht nebenbei zu einer anderen geistigen Tätigkeit ausführen. Nebenbei auf dem Ergometer trainieren oder Spazieren gehen, bügeln und solche Dinge schon, aber nicht nebenbei schreiben, programmieren, etc. und gerade das macht den Reiz aus. Eine Art Entschleunigung bzw. Achtsamkeit den Gesprächspartnern gegenüber.

Ich bin mir sicher, dass aktuell im Silicon Valley jede Menge Meetings laufen, wie sich das Konzept «klonen» lässt und es wird nicht lange dauern, bis die Lookalikes auf allen großen Plattformen auftauchen oder als eigenständige App. Auch wenn es für Plattformen, die nicht bereits über eine kritische Masse an Nutzern verfügen schwer werden wird, da auch Audio natürlich den Netzwerkeffekt kennt. Schon aus Marketingsicht ist eine solche App genial. Warum? Ganz einfach: echtes Interesse. Viele betreiben auf sozialen Medien eine Pflege des gewünschten Fremdbildes (es gibt Leute, die ihre öffentlichen Wunschlisten bei einem großen Online-Handel auf ihre Arbeitgeberinteressen zuschneiden, ja wirklich). Aber wenn jemand öfter bestimmte Räume besucht, mit bestimmen Leuten kommuniziert und sogar selbst öfter spricht, dann habe ich echtes Werbungs-Gold in der Hand. So etwas ist im Gegenzug zu anderen Analysemethoden unschlagbar. Auch hier gilt wieder: willst Du nicht analysiert werden, dann geh’ nicht online. Ich kann auch an dieser Stelle nur auf das Zitat des ehem. CEOs von Sun, Scott McNealy verweisen: «There is no privacy. Get over it.» – und das hat der Mann 1996 gesagt!

Meine Schlussfolgerung: wer sich jetzt beschwert, dass Clubhouse ja so ausschließend und exklusiv ist, sollte nochmal nachschlagen, was eine «closed beta» bedeutet, wie neue Apps stufenweise auf Millionen Nutzer skaliert werden und ob nicht doch vielleicht FOMO einer der Gründe ist. Clubhouse ist nur der aktuell letzten Schrei und ob nicht einer der anderen großen Player den Audio-Kuchen abräumt, wird sich zeigen. Dazu kommt, das nichts so schnell veraltet ist wie die heiße neue App von heute. In den Staaten hat Clubhouse seinen Hype schon hinter sich. Also kein Grund zur Panik hier. InN 18 Monaten kommt der nächste Ochsenkarren vorbei. 😉

Das Format ist interessant. Das intuitive UI ist interessant. Die Möglichkeit, große Zuhörergruppen dennoch interaktiv zu halten ist interessant. Das ist wie die Beobachtung einer neuen Tierart. Mir ist egal, ob das Cloubhouse wird oder eine andere App, aber ich sehe in diesem Angebot eine wirkliche Möglichkeit und frage mich immer noch, was Discord und Teamspeak wohl verkehrt gemacht haben. War es wirklich der Sog und der Ruf der Promis bei Clubhouse? Oder ist das UI von Discord zu kompliziert? Solche Fragen sind für mich interessant. Dass ich damit meine Daten durch die Welt schicke, ist mir als Erwachsenem bewusst und ich nutze es, um privat dazu zu lernen und einfach mit interessanten Leuten interessante Gespräche zu führen. Etwas, für das Clubhouse im Gegensatz zu Twitter IMHO aktuelle ein deutlich geeigneteres Tool ist.


PS: Herzlichen Dank an Martin Lüneberger, dessen Blogpost hier den Anstoss zu meinem gab. Ich verstehe seinen Standpunkt und finde das eine völlig valide Sicht und möchte ergänzen, dass der Blickwinkel bei mir nicht auf dem aktuellen Zustand, sondern den Möglichkeiten dieser Art von Software liegt.

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