Ye Olde Blog

Früher™️

Was soll das denn für ein Titel sein? Verfällt der Autor dieser Zeilen jetzt auch ins “früher™️ war alles besser"-Koma? Gut, Blogs sind tatsächlich alt nach den Maßstäben der Online-Welt. Justin Hall war 1994 der Erste mit etwas, das erst drei Jahre später von Jorn Barger “weblog” (oder verkürzt “blog”) genannt werden sollte1. Da passt das peudo-altertümliche “Ye Olde” ganz gut 😉
Aber keine Angst, das hier wird kein Schwelgen in alten Zeiten, sondern eine Replik auf einen Blogpost, der selbst eine Replik auf einen Blogpost ist.

Falls Du bei diesem Einsteig bist jetzt durchgehalten hast, herzlichen Dank! 👍 Also fangen wir an: heute habe ich einen Blogpost gelesen, der mich dazu gebracht hat, endlich mal wieder einen eigenen Blogpost fertig zu schreiben und zu veröffentlichen. Üblicherweise kommentiere ich mittlerweile auf Twitter und selten direkt auf dem Blog oder schreibe gar einen eigenen Artikel. Die Gründe hierfür kannst Du hier nachlesen.

Richtiges Aussterben

Der sehr lesenswerte Herr Mess, seines Zeichens u.a. Lateinlehrer (schon mal einen Cookie-Hinweis auf Latein gelesen? 😄) schreibt in diesem Post, der wiederum nur die Replik auf einen Artikel aus “Kreide fressen” ist, warum er sich nicht dem Trend anschließen möchte, sein Blog zu schließen und auf social media auszuweichen. Auch Hokey beklagt in seinem Ursprungs-Blogpost das Sterben der Lehrer:innen-Blogs. Das mag bedingt durch die Tätigkeit als Lehrkräfte tatsächlich etwas schneller abgenommen haben als in anderen Bereichen, aber nirgendwo ist aktuell eine Renaissance der Blogs in Sicht. Wer eine gewisse Reichweite oder ein Stammpublikum besitzt oder ein Monetarisierungskonzept gefunden hat, das die Arbeit am Blog erlaubt oder wer das Blog als “Gedankenspeicher” nutzt, ist geblieben. Der Rest: keine Zeit, die DSGVO, Fotoplattformen statt dem Blog, Social Media für die kurzen Textfetzen, keine Lust mehr oder oder …

Weitermachen

Für alle, die jetzt nicht Zeit und Muße haben, den Post von Herrn Mess nachzulesen, hier in aller Kürze seine Gründe:

  • Schreiben in Blogform ist deutlich angenehmer als in einem Netzwerk, bei dem “Inhalt” in 280 Zeichen passen muss.
  • Bloggen ist zeitraubend. Aber es entspannt mich ungemein. Es hilft beim Ordnen der Gedanken.
  • Mit etwas Glück kommt ein Artikel raus, den ich und andere gut finden.
  • Ein Blog bietet riesige Möglichkeiten zur Individualisierung: vom Theme und Layout bis zur Menüführung.

Mit drei von diesen Punkten bin ich uneingeschränkt einverstanden (die ersten drei). Ich gestehe, dass ich andere Blogs meist per RSS-Reader lese (oder mobil per Reader-Modus) und von all dem schönen Layout überhaupt nichts mitbekomme. Auch bei meinem Blog war mir beim Layout nur wichtig, dass es auf Mobilgeräten funktioniert. Schließlich schreibe ich ein Blog und kein Tutorial für Frontend-Devs oder CSS-Gurus. 😎

Die ersten drei Punkte sind auch bei mir der Grund. Ich mag keine Threads auf Twitter lesen, das strengt erstens an, macht die Informationen schwerer zugänglich als ein Blogpost und nervt insgesamt. Damit ich lange Twitter-Threads lese, muss das Thema schon sehr interessant sein. Und falls Du denkst, “was hat er denn, das Dutzend Tweets ist doch gleich durchgescrollt”, dann hast Du noch keine Monster-Threads wie diesen hier über das Voynich-Manuskript gelesen. Wenn das schon für das Lesen gilt, dann erst Recht für das Schreiben. Bei einem Blogpost kann ich am Text arbeiten, Dinge umstellen, kürzen oder neu formulieren. Nicht zuletzt ist das Schreiben von Blogposts (oder Schreiben allgemein) eine gute Übung für jemand, der sich beruflich schriftlich ausdrücken muss.

Ob Schreiben für alle Autoren entspannend ist, kann ich nicht beurteilen und auch ich kämpfe manchmal damit, meine Gedanken in die Datei zu bekommen. Aber das Problem haben auch andere, wie das folgende Zitat zeigt.

“Bei einem Text muss sich der Autor quälen, nicht der Leser”
— Wolf Schneider

Und ja, Verschriftlichung hilft beim Ordnen der Gedanken. Das muss keinesfalls immer in digitaler Form geschehen. Viele Blogposts in diesem Blog sind als Notiz auf einem Zettel entstanden oder finden sich als verkritzleter Entwurf in einem meiner Moleskine-Notizbücher. Je nach Freude am Schreiben und Ideenfindung schreibe ich auch an mehr als einem Post, die dann oft längere Zeit als Entwurf und diversen “Einzelteilen” herumliegen. Aktuell ist das so bei einem Artikel über den Lebenszyklus von elektronischen Communitys, einem über Ikigai, einem zum Thema Reisen auf den Spuren von Federico da Montefeltro und last, but not least, einem Artikel über die Kunst, Lehrkräfte auf die Welt der Softwareentwicklung neugierig zu machen.

Dass sich der “Erfolg” eines Blogposts planen ließe, davon gehe ich nicht aus. Ich schreibe diese Blogposts auch nicht primär für Euch als Leser, sondern in den meisten Fällen als eine “note to self” für späteres Wiederfinden oder als Referenz, um damit auf Fragen antworten zu können. Scott Hanselman hat dazu mehrere Artikel geschrieben, warum eine Mailantwort auf eine Frage fast immer nicht die bessere Lösung ist, sondern das Schreiben eines Blogposts und das Verenden des Links dazu in der Mail. Bei der nächsten Frage kann ich dann nämlich schon einfach auf den Artikel verweisen (keine Ahnung, wie oft ich das in den letzten Jahren z.B. zu Markdown oder QR-Codes gemacht habe). Wenn es damit jemand nutzt oder Interesse beim Lesen weckt, umso besser.

Was mit persönlich ebenfalls wichtig ist, ist das “own your words”, dass ich eben diese Blogposts auf meinem Online-Auftritt schreibe und die Kontrolle darüber behalte. Woanders wird nur verlinkt, aber der Originalinhalt liegt immer bei auf meinem Server. So schön und bequem andere Publishing-Dienste sein mögen, Du hängst immer an einer fremden Leine.

Schöner lesen

Ein weiterer Vorteil von Blogs, den ich sehr vermissen würde (und der mit bei vielen Leuten fehlt, die ihr Blog eingestellt haben), ist die Tatsache, dass Blogpost zwei Vorteile gegenüber z.B. Twitter-Thread haben: erstens viel weniger Ablenkung und die Konzentration auf diesen Artikel und zweitens die Vermeidung der üblichen Empörungs/Troll/Leer-Kommentar-Welle. Sehr schön hat das (natürlich auf Twitter 😉) kürzlich “Mrs. R” formuliert.

Warum ich dann dennoch Blogposts meistens auf Twitter kommentiere? Weil ich inkonsequent bin, daran glaube, dass Blogposts durch Hinweise auf Twitter mehr Reichweite bekommen und ich keine Lust habe, für einen Kommentar meine Mailadresse zu hinterlassen und nicht zu wissen, ob der Kommentar überhaupt veröffentlicht wird. Habe ich wirklich etwas meiner Meinung nach Substanzielles beizutragen, dann schreibe ich einen eigenen Blogpost oder eine Mail an die Autorin bzw. den Autor des Blogposts. Insgesamt ist das “Lese-Erlebnis” also deutlich angenehmer als auf einer Social Media-Plattform.

Und ein Mehr-Autoren-Blog?

Eine Idee von Herbert Hertramph, dem “_DigitalWriter_” auf Twitter war es, die Idee eines “Multi-Autor:innen-Blog” ins Spiel zu bringen: “[…] Das Angebot würde sich an jene richten, die nur ab und an mal einen Artikel schreiben möchten, sicher aber nicht mit Technik-, Rechtsfragen usw. rumschlagen möchten.

Für ein monothematisches Blog wäre das sicher eine Idee (und letztlich sind Publishing-Plattformen wie Medium auch nur eine besonders ausgefeilte Form von Multi-Autor:innen-Blogs), ich persönlich finde das aufgrund der Breite der mich interessierenden Themen etwas schwierig. Wer sich die Posts hier ansieht, wird sich schwer tun, ein einheitliches Thema zu finden und nicht jede Person, die was zur Geschichte des Apollo-Projekts liest, möchte Tipps für Lehrkräfte zum Erstellen von QR-Codes lesen und umgekehrt.

Fazit: es bleibt interessant und ich hoffe, dass möglichst viele Leute ihr Blog behalten und oft genug Zeit und Lust zum Schreiben haben!
Kommentare gerne dennoch auf Twitter, denn wie gesagt, vielleicht lässt sich damit einem kleinen Blogpost etwas Reichweite verschaffen.



  1. Wer mehr dazu wissen möchte, findet unter https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_blogging einen historischen Abriss ↩︎

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