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Zollkiesel statt Meilensteine
Digitaler Zettelkasten eines chronisch Neugierigen

Vespa in Italia 2025 — Teil 6
07.07.2025
Anzahl Worte: 2224

Die anderen Teile des Reiseberichts

Vespa-Tour 2025 — Tag 5

Von der Pampa nach Pontedera

Frühstück in Italien ist ja generell etwas anders als zuhause in Bayern. Ich habe mich über die Jahre einigermaßen dran gewöhnt. Das Frühstück heute im Regno die Toscana war aber auch für italienische Verhältnisse etwas spartanisch. Vielleicht noch Vorsaison oder gerade alles aus. Eine Espresso-Kapselmaschine und ein kleines Sortiment von in Plastik eingeschweißten Industrie-Brioches oder Kuchen, die sich in Geschmack und Konsistenz nur unwesentlich von der Verpackung unterscheiden. Ein deutlicher Kontrast zu den hübschen Bildern auf den üblichen Portalen. 😆 Naja, der Espresso war gut und ich brauche nicht unbedingt Milch, dann gibt es einen Doppio mit Zucker und ein Glas Mineralwasser. Weit und breit niemand zu sehen, aber mir wurde gestern gesagt, ich kann dann einfach den Schlüssel in der Zimmertür stecken lassen und gehen. Nicht mal der Schäferhund von gestern lässt sich sehen, ich hätte gerne ein Foto gemacht.  

Nach dem Aufladen steuere ich die Vespa den Hügel runter zur SS206 und fahren in Richtung Norden. Es ist kurz nach 8, mein Termin im „Museo Piaggio“ ist um 9:30, das sollte locker reichen. Sicherheitshalber nehme ich dennoch für das kurze Stück bis zur Ausfahrt Pontedera die FI-PI-LI (die offiziell „Strada di grande comunicazione Firenze-Pisa-Livorno“ heißt).

Der Verlauf der S.G.C. Firenze-Pisa-Livorno

Diese vierspurig ausgebaute Schnellstrasse ist mautfrei, auf 90 km/h begrenzt und eine gute Alternative zur A11, wenn Du von Pisa oder Livorno nach Florenz willst. In Pontedera fahre ich raus und dank Strecke angucken beim Frühstücks-Espresso finde ich auch auf Anhieb die Vial Rinaldo Piaggio, wo das Museum ist.

Eine Art Pilgerziel

Natürlich bin ich viel zu früh da, es ist noch nicht mal 9 Uhr. Was nun? etwas weiter unten ist der Motorrad-Parkplatz des Bahnhofs und die “Zanobini Ristobar”. Ah, eine Gelegenheit das verpasste Frühstück nachzuholen. Ich stelle die Vespa neben der Bar ab, nehme die Tunneltasche mit den Wertsachen mit und dann gibt es zwei Brioche, einen Cappuccino (haha, Überraschung, kein Doppio Macchiato) und einen Orangensaft. 🤗🥐☕️ Während ich esse, überlege ich, wo ich wohl die Vespa hinstellen kann. Auf den Bahnhofsparkplatz sicher nicht, das wäre mir zu gefährlich, außer ich schleppe alles mit. Als wieder aufsteige und umdrehe, um langsam in Richtung Museumseingang zurück zu fahren, sehe ich, wie zwei andere “motorini” ein Bike und einen Roller einfach neben dem Eingang an der Fabrikwand abstellen. Ich stelle mich dazu, nehme die Tunneltasche wieder mit und gehe durch die Eingangspassage in Richtung Museum.

Das Museo Piaggio in Pontedera, die heiligen Hallen der Vespa 😉

Immer noch zehn Minuten zu früh. Als um 9:30 die Tür geöffnet wird, werde ich begrüßt, nach meiner Reservierung gefragt und dann kann ich endlich fragen, ob ich “il Vespone” vielleicht netterweise im Innenhof parken könnte mit dem ganzen Zeug drauf. 

“Aber natürlich dürfen Sie hier im Museumshof parken, wenn Sie schon aus Bayern kommen und für Ihr Gepäck haben wir große Schließfächer hier im Museum. Fahren Sie vor die Schranke, ich mache Ihnen auf”, sagt die nette Frau vom Museums-Team. Super! Glücklich jogge ich zurück und stelle mich erwartungsvoll vor die Schranke. Die öffnet sich und ich darf neben einer anderen Vespa 15 Meter vor dem Eingang parken, gleich in der Nähe der riesigen Art-Vespa!

Mein Parkplatz im Innenhof des Piaggio-Museums

SKIM ist ein italienischer Künstler, der 1985 in Florenz geboren wurde und seit frühester Jugend an vom Medium Graffiti fasziniert war. Für die Vespa World Days 2024 in Pontedera gestaltete er “Il Vespone Pop”, eine riesige Graffiti-Vespa.

Die Vespa Pop vom Künstler SKIM im Innenhof des Piaggio Museums

Ich verstaue Gepäckrolle, Tunneltasche und Helm im Schließfach (die sind wirklich riesig), dann bekomme ich mein Ticket und eine kurze Erläuterung, was wo zu finden ist.

Die heiligen Hallen der Vespa

Es hat geklappt, ich habe die 300GTS tatsächlich an ihren Produktionsort gefahren und bin im Museum! 🤗

Wir sind nur etwa ein halbes Dutzend Besucher zu dieser Zeit, also gibt es kein Gedränge. Ich kann in Ruhe durch alle Säle streifen und hier steht wirklich alles, was es an Vespa und Ape jemals gegeben hat. 

Natürlich gibt es auch einen Museums-Shop, bei dem ich für Andrea zwei Mitbringsel kaufe und mit Amelie per Chat eine Art von „Remote-Shopping“ für ein T-Shirt betreibe, die der junge Mann hinter der Theke höchst amüsant findet. Für recht viel mehr hätte ich in der Vespa auch gar keinen Platz mehr. 😎

Ich hinterlasse eine Spende in der Box am Ausgang (der Eintritt ist frei, aber es wird erwartet, dass Du nach dem Besucht Geld in die Box wirfst) und hole mein Gepäck aus dem Schließfach. Dann geht es voll mit Eindrücken zu meiner Vespa zurück und ich packe alles wieder an seinen Platz. Als ich gerade losfahren will, kommt eine ganze Horde von Rollern durch das Tor, gefolgt von zwei Sprintern mit niederländischem Kennzeichen und der Aufschrift „Vespa-Tours“. Über ein Dutzend junge Frauen aus Vespas belegt den halben Roller-Parkplatz.

Ich winke fahre durch das Tor das beeindruckend große Fabrikgelände entlang ins Industriegebiet zu einer Tankstelle und mache die Vespa randvoll. Dann auf die SS67 in Richtung Pisa, ich habe nämlich eine besondere Verabredung dort!

Mittagessen mit Freunden

Ich bin hinsichtliche sozialer Medium nur noch mit Mastodon im Fediverse unterwegs und habe allen kommerziellen Plattformen schon lange den Rücken gekehrt (aber das ist eine andere Geschichte). Ich bin dort unter dieser Adresse zu finden: linkshaender@bildung.social und habe dort bei der Vorbereitung unserer Mailand-Reise im Frühjahr 2024 online Luca kennen gelernt. Luca kommt aus Mailand und hat so lange in Deutschland gelebt, dass er den Kölner Dialekt besser versteht als ich. 😉 Er ist begeisterter Langstrecken-Radfahrer, jemand, der Strecken absolviert, gegen die meine Tour mit der Vespa ein müder Ausritt um das Stadtviertel ist. Mit dem Rad von Sardinien aus bis an die Strasse von Hormuz und dann nach Jordanien und Israel!
Hier der Link zu seinen Touren

Ende Mai 2024 haben wir Luca bei unserem Urlaub in Mailand persönlich getroffen und ich finde es faszinierend, wie aus einer Online-Unterhaltung eine persönliche Bekanntschaft entsteht. Das ist wirklich “soziales Medium”! Als Luca letztes Jahr auf seiner langen Reise unterwegs war, hat ihn eine Gruppe von etwa 20 Leuten aus seinem italienischen Freundeskreis virtuell begleitet. Ich durfte in dieser Bubble der “Amici della Biga” (Biga ist das Wort für Streitwagen und die Bezeichnung für seinen Drahtesel) mitlesen und -schreiben, was meinem Italienisch in den letzten 12 Monaten extrem gut getan hat. Besser als jeder Sprachkurs! Vor einem Jahr habe ich noch oft die deutschen Formulierungen in eine Übersetzungs-App getippt und dann die italienische Übersetzung umgebaut oder Worte gelernt. Heute schaffe ich es meistens, Italienisch zu tippen und nur noch die deutsche Übersetzung zu kontrollieren (und die unausweichlichen Grammatikfehler zu korrigieren oder so gewöhnliche Worte wie “Kettenwerfer” (deraglione), “Radmutter” (dado) oder anderes zu lernen 😆).

Blick über Pisa. Der Arno läuft hinter den Bäumen im Hintergrund.

Im Herbst 2024 in Vicenza und Frühjahr 2025 in Florenz durfte ich nochmal Personen aus der Runde persönlich kennenlernen. Es ist wunderbar, wenn sich auf einer Online-Bekanntschaft persönliche Kontakte entwickeln und Du Dich tatsächlich langsam in einer anderen Sprache verständigen kannst! Und jetzt hatten es ein halbes Dutzend Leute geschafft, sich zu einem Mittagessen mit mir zu verabreden, das der großartige Simone in Pisa organisiert hatte. Der Höhepunkt der Tour! Aus Gründen des Datenschutzes schreibe ich hier keine Namen, aber wer sich einen Fediverse- oder Mastodon-Account besorgt kann mir dort folgen und sieht dann auch, wer alles in der Runde aktiv ist.

Kurzer Stop in der Pasticceria vor dem Essen, ich war für die dolci zuständig

Wir hatten beim Essen so viel Spaß und ich war so mit Verstehen beschäftigt, dass ich komplett vergessen habe, auch nur ein einziges Fotos unserer Runde zu machen, aber es wird dennoch eine unvergessliche Erinnerung bleiben. An dieser Stelle nochmals ein großes Dankeschön an alle! “Mi avete regalato un pranzo e un pomeriggio indimenticabile”!

Nachmittags  holte ich dann die Vespa aus der Garage von Simone, der mir einen echten VIP-Parkplatz bescherte, verabschiedete mich herzlich und dann ging es raus aus Pisa in Richtung Flughafen.

Strecke machen

Mein Tagesziel für heute ist Anzola dell’Emilia westlich von Bologna, das sind von Pisa aus über 190 Kilometer. Damit das nicht ewig dauert und weil ich den Apennin ja schon auf der Fahrt Richtung Süden erkundet habe, kommt jetzt der Teil der Tour, der nicht schön, aber “zielführend” ist. Rauf mit der Vespa auf die FI-PI-LI (s. Bild und Erklärung weiter oben), bis Florenz Nord und dann rauf auf die A1 und auf der Autobahn über den Apennin bis Bologna. Immerhin komme ich so in den Genuss der A1 “Panoramica”, nachdem Andrea im Frühjahr auf der Fahrt nach Figline Valdarno auf die Variante Valico (die “direttissima” bestanden hatte, die mehr oder weniger aus Tunneln besteht). Dachte ich. 😆 Als ich nach Sesto Fiorentino zur Gabelung komme, steht das auf der Anzeigetafel „Paranoramica wegen Bauarbeiten gesperrt, benutzen Sie die Variante Valico“ — Noooo… 😆🤪 50 Kilometer Gedröhne und neben Trucks durch die Tunnel, genau das wollte ich nicht! 

Was bin ich froh, als ich vor Mugello wieder auf der gemeinsamen Strecke der A1 bin und zumindest in der Sonne fahren kann. Trotzdem fahre ich in Sasso Marconi raus, Autobahn fahren macht mir einfach keinen Spaß und hat es auch schon damals nicht, als ich vor 40 Jahren noch mit dem Motorrad unterwegs war. Außerdem habe ich den Vorteil, dass ich die Strecke ab Sasso Marconi ja kenne. 

Doch zuerst muss mir die Emilia Romagna noch zeigen, dass sie in der Disziplin “Wartezeit in der prallen Sonne vor einer geschlossenen Bahnschranke” die Niederbayern locker in die Tasche stecken. Waren es in Dorfen etwa 10 Minuten, stehe ich geschlagene 16 Minuten vor der Schranke. Hinter mir und auf der Gegenfahrbahn eine Schlange, deren Ende ich nicht einmal erahne. Der Motor der Vespa ist schon lange aus, damit er nicht überhitzt, was bei mir auch kurz bevorsteht! Dazu hat das schnell fahren auf der Autobahn Sprit gekostet. Ich habe noch etwa 60 Kilometer an Reichweite. 

Endlich öffnen sich die Schranken! Die erste Tankstelle hat nur Zettel an den Zapfsäulen mit “Defekt”, also weiter. Im Feierabendverkehr komme ich mit dem Roller zwar schneller voran als die Autos, aber es geht dennoch zäh. In Casalecchio di Reno finde ich eine Tankstelle und dieses Mal schaffe ich es wieder, für mehr als 10 Euro zu tanken. Der rote Wesperich war wirklich ziemlich leer. Weiter geht es bis nach Zola Predosa und dann über die Via Masini zur Via Emilia. Bereits kurz nach Zola Predosa finde ich ein großes Hinweisschild zu meinem Hotel. So mag ich das! Nicht dieses Versteckspiele wie in Parrana San Giusto, hier kommt alle 2 Kilometer ein Schild und nach kurzer Zeit rolle ich in Anzola in die Einfahrt des Hotels Alan.

Ich versuche, aus dem völlig verschwitzten Typen, der da von der Vespa steigt einen halbwegs passablen Hotelgast für den Check-In zu machen. Keine Ahnung, ob mir das gelingt, aber ich bekomme mein Zimmer. 😁

Mein Zimmer im Hotel Alan in Anzola Emilia

Nach einer erfrischenden Dusche und umgezogen gibt es erstmal eine kleine Siesta, die habe ich mir verdient.

Nach fast 25 Jahren wieder bei Dino

Ich wollte aus einem ganz bestimmte Grund hier in Anzola dell‘Emilia übernachten. Vor 24 Jahren habe ich auf der Rückfahrt aus der Maremma mit Andrea hier schon mal übernachtet und wir waren in einem kleinen, versteckt in einem Wohngebiet gelegenen Ristorante mit dem hübschen Namen „Ristorantino da Dino“. Dort haben wir „pasta e fagioli“ gegessen und auf die Gefahr hin, jetzt manche Städten nur noch inkognito besuchen zu können, das war die beste Portion „pasta e fagioli“, die ich je in Italien gegessen habe. Wer wissen möchte, was das eigentlich ist, hier entlang bitte.

Der Wegweiser des guten Essens in der Emilia Romagna

Der damalige Junior ist jetzt der padrone, als ich erzähle, warum ich gerade hier Essen möchte, lacht er und freut sich, „Natürlich sind wir nach 25 Jahren noch da, Dino wird es immer geben“, sagt er im Brustton der Überzeugung und in exzellentem Deutsch. Kein Wunder, er hat lange in Deutschland gelebt, ich wünschte mein Italienisch wäre so gut wie sein Deutsch. Pasta e Fagioli ist allerdings aktuell nicht auf der Karte, meint er. Wenn ich will, kann er mir aber ein paar Sachen empfehlen. Ich verlasse mich völlig auf ihn und bekomme neben einem sehr milden, ganz zarten Crudo mit Melone eine ausgelöste Perlhuhnhälfte mit frischen Steinpilzen. Als Nachtisch dann Blätterteig mit Mascarponecreme und Erdbeeren — ein Gedicht! Das Restaurant hat wohl 2021 nicht umsonst eine lobende Erwähnung im Guide Michelin bekommen.

Blätterteig mit Mascarponecreme und frischen Erdbeeren

Satt, zufrieden und glücklich fahre ich durch die immer noch warme Sommernacht zurück zum Hotel, um auszuschlafen für die nächste Etappe, die sicher nochmal interessant wird: auf Landstrassen durch die Po-Ebene bis Verona und dann noch weiter bis hinter den Brenner!

Falls Ihr die Fahrt nachverfolgen wollt, hier ein kleines Video von rumbo.world zur Strecke dieses Tages.

Tags: vespa travel

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